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16.01.2013, 12:16 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [71]: Ein weiterer Zurückstecher nach Russland

Der Sohn eines von Jean Paul Erwähnten: Er wurde im Alexander-Njewskij-Kloster in St. Petersburg begraben, wurde auch berühmt durch die Alpenüberquerung. Das Foto Frank Pionteks zeigt indes nicht den Friedhof, auf dem er im Klosterbereich bestattet wurde – nur einen Teil des Klosterareals selbst. In diesem Fall mag gelten, was Jean Paul über das Verhältnis von Envoyé und Fürst geschrieben hat: jener sei der Repräsentant des Repräsentanten.

Und wieder dringt Russland in die Geschichte ein. Nämlich so: Jean Paul begründet mit drei Argumenten, wieso der Rittmeister naiv ist, wenn er glaubt, dass der Fürst ihm irgendwann einmal sein Schuldgeld zurückzahlen würde. Eigentlich müsste er es wissen, meint er doch: „Hofleuten traue ich keine Hand breit, die ganze Nation stinkt mich an“. Was der Erzähler von „militärischer Unwissenheit“ hält, ist klar: im Prinzip nichts (ob er die Nationalschelte teilt oder nicht teilt, steht auf einem anderen Blatt).

Diese drei Begründungen sind nicht ganz einfach zu verstehen, insbesondere die erste entzieht sich unmittelbarer Klarheit: ein „Gesandter“, die „abgedrückte Schwefelpaste des Regenten“, bezahle deshalb nicht, weil er nicht jene Rechte haben, die der Fürst selbst besitze – nun ja, das klingt etwas gezwungen. Die zweite Begründung ist schon witziger: da die Untertanen Teile des Staates seien, die den Staat selbst repräsentierten, würde sich jener Fürst lächerlich machen, der seinen eigenen Teilen Geld zurückgeben würde. Nun kommt Russland ins Spiel: der Vater des Generals Sobouroff habe die Kapitalien, die er sich selbst vorstreckte, „sich ehrlich mit den landesüblichen Interessen heimgezahlt und sich nach dem Wechselrecht bestraft“.

Der Vater des Generals Sobouroff: die Rede ist von Wassili Iwanowitsch Suworow[1], dessen Sohn berühmt wurde. Alexander Wassiljewitsch Suworow gilt als genialer Feldherr und Stratege, der im Siebenjährigen Krieg bis nach Berlin kam, gegen Polen kämpfte, gegen die Türken entscheidende Siege erfocht, in der Ukraine und auf der Krim für Katharina sich schlug. Als Jean Paul seinen Roman schrieb, saß er gerade in Karelien, also in Finnland, Ende 1792 wurde er in die Ukraine versetzt, wo er Odessa gründete. Zar Paul I. war ihm nicht gewogen, denn dieser hatte ja die Allgemeine Wehrpflicht aufgehoben. 1797 wurde der große Generalissimus unehrenhaft entlassen, aber das tollste Wagstück stand Suworow noch bevor: im zweiten Koalitionskrieg siegte er zwar in Italien gegen die Polen, doch saß er plötzlich in den Alpen fest. Dem Klammergriff der Franzosen entkam er, indem er Ende September 1799 über den Kinzigpass ins Muoatal entkam und nach einer Schlacht im Tal Richtung Österreich abziehen konnte.

Ich stand vor wenigen Tagen vor jenem Gemälde im Russischen Museum in St. Petersburg, vor dem jeder stehen bleibt: Surikows großformatiges Gemälde zeigt eine Episode des Alpenfeldzugs, die spektakulär ist: Suworow überquert die Alpen. Wer sich nicht genau in der Russischen Geschichte und bei den Koalitionskriegen auskennt, kennt natürlich nicht dieses Bild; sieht man es zum ersten Mal in seiner ganzen Größe, wird man gebannt von diesem unglaublichen Sujet. Begraben wurde er im Jahre 1800 übrigens im Alexander-Njewskij-Kloster, am Beginn des Njewskij-Prospekts, wo ich seinen Stein nicht sehe – aber wenn ich jetzt seinen Vater erwähnt finde, erinnere ich mich wieder an die Kirche, die beiden berühmten Friedhöfe und das verschneite, vereiste Klostergelände, in dem ein Mann seine Ruhestätte fand, die wesentlich stiller ist als das Getriebe, das aus dem spektakulären Gemälde heraustönt.

War der Mann ein Titan? 1800 erscheint der erste Band des Titan; als Jean Paul die Unsichtbare Loge schreibt, die den Vater des berühmten Feldherren erwähnt, ist der General in der Ukraine tätig. Jean Paul wird sich in den Zeitungen über den Russen informiert haben. Dem zeitgenössischen Leser war der Name garantiert vertraut. Nur wir Nachgeborenen müssen recherchieren, um zu ermessen, was die bloße Erwähnung des Vaters des Berühmten bedeutet: die scheinbare Garantie, dass es in diesem Werk nicht um Fiktionen geht – mag auch die kolportierte Anekdote höchst unwahrscheinlich klingen.

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[1] Wassili Suworow muss, zumindest auf dem Gebiet der Militärwissenschaft, ein gebildeter Mensch gewesen sein, denn wir wissen, dass er viele ausländische, also nicht übersetzte Fachbücher besaß. Interessant ist auch, dass das Taufkind Peters des Grossen einen Freund besaß, den man aus der Literaturgeschichte kennt: Abraham Petrowitsch Hannibal. Der Mohr Peters des Großen war der Urgroßvater des Dichters – also Puschkins, der ihn durch den gleichnamigen, fragmentarisch gebliebenen Romans bis heute bekannt machte. Es war Hannibal, der Suworow Vaters riet, den Sohn militärisch ausbilden zu lassen.



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