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14.01.2013, 12:04 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [69]: Über Kirchendiebe und Menschenhändler

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Auch so ging es zu Jean Pauls Zeiten zu (Romaneschreiben und -lesen war, ist und bleibt ein ungeheurer Luxus, denkt sich der Autor). 1796 erschien Captain John Gabriel Stedmans "Narrative of a five years’ expedition, against the Revolted Negroes of Surinam, in Guiana, on the Wild Coast of South America; from the year 1772, to 1777" in erster Auflage. Das Buch über die erfolgreiche Niederschlagung eines Sklavenaufstands war so erfolgreich, dass 1806 eine zweite Edition folgte.

Die Landestrauer zeitigt böse Früchtchen – denn im Ländchen Scheerau gehen Kirchendiebe um, die den Schmuck aus den Gottesstätten rauben, indem sie sich einschließen lassen und den Putz entwenden, mit dem Altar und Kanzel „übersohlt“ wurden. Es scheint so, als habe Jean Paul hier wirkliche Zustände beschrieben. Es gab Zeiten, in denen für das Delikt des Kirchendiebstahls die Todesstrafe verhängt wurde, der Rittmeister – allein in diesem Sinne ist er „aufgeklärt“ – meint zum Informator, dem Hofmeister, dem Einbein, dem Erzähler, also zu „Jean Paul“, dass solche „armen Diebe keinem Menschen etwas nehmen, sondern nur Kirchen“.

Man muss kein Kirchenfreund sein, um das Missliche dieser Meinung zu sehen, denn der Erzähler ist (Jean Paul, der Autor, kommt aus einer Pfarrerfamilie) der Meinung, dass „für solche Schufte doch keine Hoftrauer gehört, schon des Aufwands wegen“. Ob der Kirchendiebstahl soziale Gründe hat, wird nicht diskutiert; denkbar wäre es ja, und somit, lieber Leser, auch entschuldbar.

Zweierlei fällt heute wieder auf: Jean Pauls Reichtum der Sprache – der Gerichtsdiener Kolb, der die Spitzbuben in der Kirche festsetzt, ist beispielsweise „ein Diebfang Zobelfang und Perlenfischerei“. Zum zweiten bringt der Erzähler zeitgenössische Missstände aufs Papier, die die Sklavenwirtschaft betreffen. Es gibt zweierlei Sklaven in dieser Zeit: zum einen die Landeskinder, denen das Trauern verboten ist (die Fußnote vermerkt, fast wissenschaftlich, die damalige Existenz dieses Verbots „in einigen Staaten“), zum anderen die „wirklichen“ Sklaven, denen der „Negermarketender“ „Bewegung und Tanz“ einprügelt. Letztere Beobachtung entnahm Jean Paul (entnehme ich dem Kommentar) Johann Ernst Kolbs Erzählungen von den Sitten und Schicksalen der Negersklaven. Der charakteristische Buchtitel geht allerdings noch weiter: Eine rührende Lektüre für Menschen guter Art. Auch Herder kannte dieses in Bern, nicht in Deutschland erschienene Werk; er nutzte es als Quelle für seine Neger-Idyllen.

Auch heute noch gibt es Trauerverbote, die von Despoten verhängt werden. Auch heute noch gibt es Sklaven und Sklavenwirtschaften, an deren Früchten wir aufgeklärte Westler uns alle erfreuen – aber das nur nebenbei; es ist nicht wichtig. Schließlich lese ich ja nur einen historischen, meistenteils unverständlichen Roman.



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