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16.12.2012, 11:54 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [55]: Über ein fatales Spiel (wenn Mädchen dabei sind)

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Kinder, aufgepasst! Als Jean Pauls Großvater Rektor in Neustadt am Kulm war, malte Cornelis Troost diese Darstellung eines höfischen Blindekuhspiels.

Was nun folgt, ist eine jener Episoden, über die man sowohl nachdenken als verzweifeln könnte – je nachdem, ob man die spezifische jeanpaulsche Sprache mag oder nicht mag. Es ist eine jener Stellen, bei denen die Frage nach der Größe eines Autors sinnlos wird – denn über den Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten. Allein, es ist auch eine Stelle, die wir akzeptieren müssen, wenn wir uns etwas näher mit Jean Paul befassen – ohne diese Stellen, die für diesen Leser peinlich, für jenen „himmlisch“ sein mag, ist der Dichter nicht zu haben. Worum geht's?

Es geht, wie gesagt, um die Kindesliebe, um die unmittelbaren Affekte, die Amandus und Gustav aneinander binden: Affekte der unbeschränkten Zuneigung. Trotzdem streitet man sich, wie es unter Kindern üblich ist. Amandus, der inzwischen schon die Binde gelegentlich „auflüften“ konnte, und Gustav spielen Blindekuh. „Ein fatales Spiel! wenn Mädchen dabei sind“, ruft der Winkelschullehrer Jean Paul aus. Professor Hoppedizels Kinder nämlich stoßen unter dem Ofen auf die Milchschüssel des Spitzes und schieben sie gemeinerweise ein bisschen nach vorn, auf dass ein Unglück geschehe; Amandus stolpert natürlich[1] in sie hinein, Gustav lacht ein wenig, die Mädchen beschuldigen ihn, die böse Tat vollbracht zu haben. Es kommt zu einer kleinen Rangelei, denn der erboste Amandus „pufft“ seinen liebsten Freund – der ihn gerade trösten will – ans Schulterblatt. Der will sich nun verteidigen, Amandus pufft weiter - „aber heftiger und doch weniger zornig“. Und nun kommt jene Stelle, die ich meine:

„Schlag immer! ich hab' dir nichts getan“, und die Stimme brach meinem guten Helden – jener schlug wieder nach und sagte: „Ich bin dir auch gar nimmer gut“, aber so, als würd' er sogleich zu weinen anfangen. –„Ach du hast dir gewiß einen Splitter eingestochen?“ fragte Gustav mit der mitleidigsten Stimme – mitten im Versuch zu einem neuen Stoße glitt die dünne Eisrinde vom erwärmten Herzen Amandus' herunter, er umfaßte den Unschuldigen und sagte unter hellen Zähren: „Du hasts ja nicht getan, und ich geb' dir all meine Spielware: schlag mich doch recht!“ und schlug sich selber.

Es ist dies eine jener Stellen, an denen der sogenannte aufgeklärte Leser angesichts des ungeheuren Pathos verzweifeln könnte – wüsste er nicht, dass in ihnen jenes Prinzip Hoffnung verborgen ist, das Jean Paul, zumindest zwischenzeitlich, immer wieder befiel. Es ist jener Glaube an die Liebe, die über den Schmerz und die Gewalt zu siegen vermag, wenn sich eben der Schmerz und die Liebe zu einem tief melancholischen, metapsychologischen Ganzen vereinigen. Die Wirrnisse, die hier – wie noch an den schönsten Stellen etwa des Siebenkäs – entstehen, sind die Wirrnisse des Lebens selbst, die der Dichter des Jahres 1791 einzufangen vermag. Dass wir diese Stellen als peinlich empfinden, ist vermutlich  normal – allein die Pein ist so wirklich, dass der Dichter (der ja seine Welt – auch für uns Nachgeborene – nur erfindet) ein Lügner wäre, würde er sie nicht in Worte fassen.

Kein Wunder, dass, wie irgendwer einmal geschrieben hat, Jünglinge und Mädchen über seinen Büchern geweint haben.

Oute ich mich jetzt, indem ich dieses schwer Sentimentalische bemerke und notiere, als romantisch-idealistischer Weichspüler? Gemach, gemach – die Zeit wird wieder kommen, wo der Dichter kompromisslos aufs satirische Holz- und Spielpferd setzt.


[1] Wer mein Blog über Musils Mann ohne Eigenschaften gelesen hat, weiß natürlich, dass der Begriff „natürlich“ in jedem Fall unsinnig ist.



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