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15.12.2012, 12:45 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [54]: Wie wirklich kann die Liebe sein?

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Wer dieses Buch über den Zustand der gegenwärtigen „Liebe“ liest, könnte schnell darauf kommen, dass „die Liebe“ - die männliche und die weibliche – auf Projektionen und Fiktionen beruht.

Was ist Kultur? Jean Paul, der gern mit dem Erzähler gleichgesetzt werden will, sagt ganz richtig, dass sie auf beständigen Abschneidungen beruht. Seine (sprachlich komplizierte) Beobachtung, dass die Kultur dem „Ausdruck der Liebe das Gebet des Körpers immer kleiner vorschneide“, dass also kulturelle Gewohnheiten uns den ursprünglichen körperlichen Affekten entfremden – gilt sie nur für das Ende des 18. Jahrhunderts? Oder hat sie nicht selbst im Zeitalter der totalen Liberalität ihre Berechtigung? Wenn wir annehmen, dass alles, was später Körper heißt, im Prinzip sexuell konnotiert ist?

Derartig zu argumentieren heißt, glaube ich, nicht, die psychischen Zustände so unzulässig zu verkomplizieren, wie es Jean Paul in seiner Deutung zivilisatorischer Errungenschaften tut. Die Theorie bleibt diskutabel, die da sagt, dass die „hagere Gouvernante“ Kultur zuerst den ganzen Körper wegnimmt, den man nicht mehr ungestraft drücken darf, bis hin zu einer Frau, die der Mann nicht küssen dürfe; zurück bleibe lediglich der Handschuh. Letzteres mag sich geändert haben, aber die Nervosität mag bleiben, die einen befällt, wenn Mann (und der Erzähler und sein Blogger können nicht anders denn als Männer argumentieren)  zum ersten Mal eine fremde weibliche Haut berührt.

Bei Kindern also sei das alles noch anders, unmittelbarer, heftiger. Amandus spielt in der Konstellation zu Gustav den quasi weiblichen Part. Diese Liebe sei die des Schwächeren, die umso reicher gibt, sagt Jean Paul, und er findet sogleich eine Sentenz, die uns noch das Verhältnis des erwachsenen Mannes zur Frau erklärt: „Daher liebt die Frau den Mann reiner; sie liebt in ihm den gegenwärtigen Gegenstand ihres Herzens, er in ihr öfter das Gebilde seiner Phantasie; daher sein Wanken kommt.“ Wankt er, weil die Fantasie etwas frei Flottierendes ist? Und liebt sie beständiger, weil er als sichtbar natürliches Wesen vor ihm steht? Ich gebe zu, dass ich angesichts dieser Definition selber ein wenig ins Wanken gerate, indem ich die Fassung, die die Phantasie dem Objekt der Liebe gibt, durchaus in Betracht ziehe. Die Frage bleibt tatsächlich: Wie wirklich kann die Liebe sein? Wer kritische Bücher[1] über den Zustand der gegenwärtigen „Liebe“ liest, könnte schnell darauf kommen, dass „die Liebe“ – die männliche und die weibliche – auf Projektionen und Fiktionen beruht, die schnell Risse bekommen, welche „die Liebe“ als bloße Verliebtheit hinter sich lassen, um der Ernüchterung Platz zu machen. Auch daran mag die von Jean Paul kritisierte Kultur schuld sein: die Zivilisation, die uns daran hindert, gerade heraus zu fühlen, ohne jene Erwartungen aufzurichten, die von der Natur unmöglich erfüllt werden können.

Daher die enorme Scheidungsquote, daher die monströsen Enttäuschungen, daher die vielen verzweifelten Versuche, die Liebe in den Zeiten der kulturellen Egoismen zu leben.

Aber haben wir eine andere Möglichkeit? Der Jean Paul des Jahres 1791 gibt darauf keine Antwort – aber er ist immer noch in der Lage, Diskussionen anzustoßen.



[1] Sven Hillenkamp: Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit.



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