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14.12.2012, 13:16 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [53]: Moralisch Schönes vom Doktor

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Ein bekannter moskowitischer Mann, ein Regent der Rache.

Der Doktor hatte gute Gründe, sich um seine Stelle zu kümmern: „Er fand den alten Minister noch, der sein Gönner war und dessen Gönner der Erbprinz aus dem Grunde wenig war, aus welchem Erbprinzen gewöhnlich glauben, dass sie die Kreaturen des verstorbenen Vaters ebensowohl, nur delikater und langsamer unter die Erde bringen müssen als wilde Völker, die auf den Scheiterhaufen des Königs auch seine Lieblinge und Diener legen.“ Jean Paul konnte nicht wissen, dass man im alten Babylon so verfuhr[1], vielleicht kannte er aber die Beispiele der Sinesen und der Moskowiter.[2]

Witzigerweise hatte ihn der verstorbene Regent eben zum Medizinalrat ernannt. Jean Paul erfindet ein automatisches Signiersystem, dem nicht unähnlich, das noch in heutigen Prägestempeln üblich ist, wenn ein Chef keine Lust hat, für seine 1000 Untertanen eigenhändige Unterschriften zu leisten (es sieht aber fast echt aus). Professor Hoppedizel – wir erinnern uns: der Professor der Moral, auch des scheerauerischen Infanten – hat die Idee[3], kindliche Namensschreibübungen zur Entspannung des späteren Regentendaumens zu nutzen. Die geschmierten Namen sollten nicht nutzlos bleiben.

Und wir erfahren moralisch Schönes vom Doktor: er ist weniger boshaft als Hoppedizel, denn schon nach neun Wochen reut ihn der Scherz mit dem Kräuterbuch (das übrigens kein gedrucktes, sondern ein selbst hergestelltes ist: mit eingeklebten Exemplaren): ihm tat „die Rache, wie jedem guten Menschen die kleinste, wieder wehe“ –

denn der „Hochmutteufel“ habe ihn verführt: ein Mensch, der wenigstens ein wenig durch die große Welt gekommen sei, würde erwarten, dass seine Landsleute während seiner Reise vernünftig geworden seien: das ist ein Irrtum, aber ein geistreicher

– da darf sich der Leser wieder selbst entdecken.



[1] C.W. Cerams Götter, Gräber und Gelehrte.

[2] Gerade las der Blogger Aschers Kreml, worin von einem schönen Beispiel jener Unsitte die Rede ist; vielleicht las er es auch in einer Reinbeker Historie Iwans des Strengen; es kommt aufs Selbe heraus.

[3] Wir lesen von ihr in einem Extragedanken.



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