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12.12.2012, 11:30 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [52]: Basen und Tröpfe und Visitenameisen

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Der Tod als Kutscher – der Münchner Künstler Max Haider hat dieses Blatt mit dem Jean-Paul-Motiv im Jahre 1870 entworfen.

Jean Paul erfand das köstliche allegorische Bild der Kutsche „mit einem Arzt innen, mit dem Tode vorn, der in die Gabel eingespannt war, und mit dem Teufel oben, der auf dem Bock saß“. Wir sehen das Bild an Fenks Haus – später erinnern wir uns daran, wenn es um den Erbprinzen geht. Zwar lebt er noch, aber wird nun „auf dem hohen Thronkutschersitz mit dem Staatwagen zum Teufel fahren“. Er scheint also genauso verderbt zu sein wie sein Vater – denn er „liebt niemand; auf seiner Reise spottete er über seine Mätressen; seine Freundschaft ist nur ein geringerer Grad von Hass, seine Gleichgültigkeit ist ein größerer; den größten aber, der ihn wie Sodbrennen beißet, hegt er gegen seinen unehelichen Bruder, den Kapitän von Ottomar, Fenks Freund, der zu Rom in der schönsten natürlichen Natur sowohl als artistischen geblieben war, um im Genuss und Nachahmen der römischen Gegenden und Antiken zu schwelgen.“

Wieder also Kontraste: zwischen autokratischer „Kultur“ und freundlicher Natur. Fenk will nun am Hofe dieses Autokraten Medizinalrat werden, und zwar noch vor der Inthronisation des Hassers. Der Frauenarzt und -anbeter möchte auch heiraten; daher die seltsame Kräuterbuchexplikation, die weniger einem spleen als einer wohlbedachten Überlegung sich verdankte: sie sollte alle „Basen und Tröpfe und Visitenameisen“ von überflüssigen Besuchen abhalten. Visitenameisen – auch dies ist ein schönes, haltbares Wort.



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