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08.12.2012, 11:46 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [48]: Barbaren und herzensweiche Helden

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1792, als Jean Paul noch über seinem Roman saß, veröffentlichte Ludwig Fischer, Mozarts erster Osmin (der Repräsentant eines „steinichten Arabien des Hasses“), seine Memoiren.

Der Doktor Zoppo aus Pavia – es ist kein anderer als des Rittmeisters Freund, der Doktor Fenk. Es wundert mich übrigens nicht, dass der Familienname des vornamenlosen Doktors heute, und wohl schon zu Jean Pauls Zeiten, besonders häufig – im nördlichen Bayern erscheint. Einen Vornamen hat er ebenso wenig wie der Rittmeister – nur die Frau und die Kinder besitzen die Identität eines praenomen. Es muss nichts bedeuten – aber es fällt auf.

Und was machen die lieben Kleinen? Sie spielen! „Wie heitern uns“, sagt der Dichter und Pädagoge, „wie heitern uns im steinichten Arabien der hassenden Welt Kinder wieder auf, die einander lieben und deren gute kleine Augen und kleine Lippen und kleine Hände noch keine Masken sind!“ Politisch ist das natürlich schwer unkorrekt: Arabien als Synonym für eine steinharte Welt des Hasses zu nehmen; der Dichter denkt da vermutlich an den „barbarischen“ und grausamen Orientalen, wie er, kein Jahrzehnt vor der Entstehung der Unsichtbaren Loge, mit Mozarts Osmin („Und die Hälse schnüren zu! Schnürenschnürenschnüren zu!“) zumindest stoßweise auf die Bühnen kam. Er hätte freilich auch an den erotisch empfindsamen, den vergebenden, den weisen Orientalen denken können. Dass er sich für die eine Seite entschied, ist vermutlich seinem Hang zu eindeutigen Metaphern zu danken – aber müssen Metaphern und Aphorismen nicht immer eindeutig sein?

Was aber hatte der „lahme“ Fenk in Pavia verloren? Seinen Sohn. Amandus (der Liebliche, der Liebenswürdige) ist nämlich kein anderer als sein verlorenes Kind, das vor dem Haus des Doktors von einem zweiten Kind erkannt wird. Fenk stellt schnell fest, dass der Kleine doch nicht blind werden wird, „bloß die Sclerotica scheint lädiert; die Okulistin zapfte die wässrige Flüssigkeit heraus“, stellt der Augenanatom schnell fest. Dass er mit des Fürsten natürlichem Sohn in den Süden reiste, freute ihn, denn er findet die Scheerauer genauso unausstehlich[1] wie der Erzähler. Es gibt nur einen kleinen Unterschied: er sagt es ihnen nicht ins Gesicht, jedenfalls nicht persönlich. Er besitzt die „Herzens-Weichheit“ der einen Sorte der Jean-Paul-Helden, denen die andere, die satirische, zugleich entgegen gesetzt und beigesellt ist. Der Rittmeister aber mag sein Freund sein: dieser ist kein satirischer Held wie Leibgeber oder wie Walt – er ist nur ein Objekt der Satire, zudem noch einer ernsten und ernst gemeinten.[2]

 



[1] „Niemand als er haßte so brennend das Enge, das Unduldsame und Kleinstädtsche der Unterscheerauer, womit sie sich ein so kurzes Leben verkürzten und ein so saueres versäuerten. – 'Mich ekelts, von ihnen gelobt zu werden'“. André Heller hat mal geschrieben, daß es problematisch sei, wenn einem die Wiener anerkennend auf die Schulter hauten.

[2] Natürlich ist die Satire an sich ein Genre, das es, schaut man genauer hin, ernst meint – der Leser, hofft der Autor, weiss schon, was er, der Autor, hier meint, aber man sollte es, redet man über den Humor, mit dem Ernst nicht übertreiben.



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