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24.05.2019, 12:11 Uhr
Marina Babl
Text & Debatte
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DOK.fest 2019: „Eduardo Galeano Vagamundo"

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Geschichtenerzähler und Weltversteher – der Schriftsteller Eduardo Galeano © DOK.fest München

Die 34. Ausgabe des DOK.fest München, Deutschlands größtem Dokumentarfilmfestival, endete in diesem Jahr mit einem neuen Rekord: 159 Filme aus 51 Ländern und dabei über 52.000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Zu den Preisträgern gehörten vor allem Filme mit politischem Schwerpunkt, aber auch die Literatur kam im Rahmen des Festivals, das vom 8. bis 19. Mai stattfand, nicht zu kurz. Mona Kästle war für das Literaturportal in The Miracle of The Little Prince, einem Film, der verschiedene Übersetzerinnen und Übersetzer bei ihrer Arbeit mit Saint-Exupérys Buchklassiker begleitet. Marina Babl hat sich mit Eduardo Galeano Vagamundo ein bewegendes Porträt über einen der bedeutendsten Autoren Südamerikas angesehen.

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Kann man etwas vermissen, das es noch gar nicht gibt? Geht es nach Eduardo Galeano, ist die Antwort auf diese Frage ein klares Ja. Eduardo Galeano träumte von Veränderung. Schon in seinem Erstlingswerk Die offenen Adern Lateinamerikas (1972) verdeutlicht der uruguayische Schriftsteller auf geradezu schmerzhaft klare Art und Weise, was in der Politik Südamerikas seit Jahrhunderten bis in die heutige Zeit hinein schiefläuft. So heißt es beispielsweise gleich zu Beginn des Werkes:

Die internationale Arbeitsteilung besteht darin, dass die einen Länder sich aufs Gewinnen spezialisieren, die anderen aufs Verlieren. Unser Stück Welt, das wir heute Lateinamerika nennen, war frühreif: Es spezialisierte sich schon aufs Verlieren seit jenen alten Zeiten, da die Europäer der Renaissance über die Meere schaukelten und ihm die Zähne in den Hals gruben.

Bei diesen klaren Worten vermag es wohl kaum zu überraschen, dass das Buch bei vielen südamerikanischen Politikern keinen allzu großen Anklang fand und gleich in mehreren Ländern verboten wurde.

Eduardo Galeano hatte einen besonderen Blick auf die Welt. Er sah die Dinge anders als andere und sah sie auch dann, wenn andere sie nicht sehen konnten oder wollten. Die wahre Größe des Universums liege im Kleinen; er wolle diese verborgene Größe durch seine Texte sichtbar machen, in das große Gesamtbild einordnen und so einen Beitrag dazu leisten, dass sich jeder in der Welt ein bisschen verstanden und zuhause fühle, erklärt Galeano ziemlich zu Beginn des 2018 erschienen Dokumentarfilms Eduardo Galeano Vagamundo. Und diese ambitionierte Mission nimmt man dem alten Herrn mit dem sympathisch-verschmitzten Lächeln als Zuschauer auch sofort ab.

Wer sich einen klaren Erzählrahmen, biografische Fakten und eine historisch-politische Einordnung von Galeanos Werk wünscht, ist bei dem Dokumentarfilm des brasilianischen Regisseurs Felipe Nepomuceno falsch. Denn Erklärungen gibt es keine; das Gezeigte steht komplett für sich. In den knapp 70 Minuten des Films wechseln sich langsame, unaufgeregte Schwarz-Weiß-Aufnahmen, Interviewausschnitte und live vor der Kamera vorgelesene Textschnipsel  ab und ergeben Stück für Stück ein stimmiges Ganzes. Akustisch untermalt mit Naturgeräuschen und ruhiger Klaviermusik entfaltet der Film langsam, unbemerkt, aber effektiv, seine Wirkung und man hat das Gefühl, den Menschen und Schriftsteller Eduardo Galeano immer besser kennenzulernen und zu verstehen.

 

Verschiedene Personen erwecken Galeanos Geschichten mit ihren Stimmen zu neuem Leben © DOK.fest München

Galeano gelingt es auf faszinierende Art und Weise, die Dinge auf den Punkt zu bringen und seine Ansichten und Ideen innerhalb und außerhalb seiner Geschichten regen zum Nachdenken an. Können zwei Personen miteinander Zeit verbringen, auch wenn sie sich beide an unterschiedlichen Orten aufhalten? Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass wir so viel häufiger ich als wir sagen? Sind die größten Poeten nicht Erwachsene sondern Kinder? Wieso tun sich Menschen so schwer dabei, zu sagen, was sie wirklich fühlen? Würden unsere Haare im statt auf dem Kopf wachsen, wenn sie wichtiger wären? Und wie funktioniert eigentlich gesunder Optimismus? Auf all diese Fragen hat Eduardo Galeano überraschend einfache und gleichzeitig unglaublich weise Antworten parat.

So vergeht Eduardo Galeano Vagamundo trotz des langsamen Erzähltempos gefühlt viel zu schnell und hinterlässt das dringende Bedürfnis, sich noch mehr mit diesem wunderbaren Schriftsteller und seinen Texten zu beschäftigen. „Durch Geschichten können wir die Vergangenheit in die Gegenwart holen und Fernes nah werden lassen“, sagt der Autor an einer Stelle des Films. Galeano starb 2015 im Alter von 74 Jahren an Lungenkrebs, doch die Freude, die er am Geschichtenerzählen hatte, überdauert seinen Tod und ist auch heute noch deutlich spürbar.


Externe Links:

Der Trailer zum Film

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