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Fotografie 1927. Oskar Maria Graf mit seiner Mutter Therese (links). (Bayerische Staatsbibliothek/Porträtsammlung)

Aufhausen, Oberlandstraße 32

Weiter südlich an der Autostraße entlang, vorbei am KZ-Todesmarsch-Denkmal, gelangt man zum Heimrath-Hof nach Aufhausen. Hier wird am 1. November 1857 Oskar Maria Grafs Mutter Therese Heimrath als viertes von neun Kindern geboren. Der Heimrath-Hof gehört zu jenen historischen Höfen, die heute noch in der Gemeinde Berg erhalten sind. In Aufhausen ist er der einzige historische Hof neben dem Lechner-Hof. Der Hofname stammt ursprünglich von Georg Haimrath, der 1611-1672 Hofbauer ist. Seitdem ist der Heimrath-Hof bis ins 20. Jahrhundert hinein im Familienbesitz. Im Garten steht seit 1973 ein Backofen, der an den historischen im Leben meiner Mutter erwähnten Ofen erinnern soll.

Während die Autobiografie Wir sind Gefangene mit dem Tod des Vaters einsetzt, beginnt die Biografie Das Leben meiner Mutter mit der Geburt der Mutter. Therese Heimrath kommt am Nachmittag des Allerheiligentages zur Welt. Da die Leute „nach altem Brauch im Gottesacker des nahen Pfarrdorfes Aufkirchen die Gräber ihrer Verstorbenen“ aufsuchen, ist niemand zu Hause, um der Mutter beizustehen, als Therese das Licht der Welt erblickt: „Zwischen Tod und Leben schwebend, betete die Heimrathin in ihrem Schmerz und überstand alles. Erst beim Hereinbruch der Dunkelheit kamen die Ihrigen zurück und fanden neben der erschöpften Mutter das neugeborene, schreiende Kind.“ (Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter. Werkausgabe in 16 Bänden. Hg. von Wilfried F. Schoeller. Bd. 1-13. List Verlag, München/Leipzig 1994, Bd. 5, S. 15)

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Therese Heimrath stammt aus einer Familie, für die es nichts anderes zu geben scheint als Beten und Arbeiten. Schon die Kinder arbeiten hart, und Therese ersetzt mit zwölf Jahren einen ganzen Knecht. Später heiratet sie den Bäckermeister Max Graf aus Berg, der Hoflieferant des Königs wird (Station 7, 9 und 17). Außer ihren Sohn Oskar bringt sie zehn Kinder zur Welt, von denen drei jedoch früh sterben. Über Thereses Vorfahren schreibt Graf:

Die Heimraths lebten seit Jahrhunderten auf dem einsamen Bauernhof in Aufhausen. Es gab dort nur noch das weit kleinere Lechnerhaus, und erst in den letzten Jahren nach dem Weltkrieg ist ein gräfliches Gut dazugekommen. Die alte, breite Fahrstraße [...] führt am Hof vorbei, rinnt kurz darauf in einen weit ausgedehnten Fichtenwald und erreicht schließlich nach langen Windungen durch eine triste Moorgegend, in welcher nur wenige niedere, winklige Häuser armer Torfstecher stehen, den ansehnlichen Marktflecken Wolfratshausen. Aufhausen liegt in einer tellerflachen Mulde, die linkerseite sich aufschließt und schräg abfällt. Weite grüne Wiesen, fruchtbare Äcker und friedliche Wälder, die die fernen, leicht gewellten Hügel verdunkeln, breiten sich rundherum aus. Auf der einzigen Straße ächzen schwere Fuhrwerke dahin. Wandernde Zigeuner ziehen am Hof vorüber und kampieren mitunter einige Tage am Waldrand. Fremde städtische Menschen tauchen ganz selten auf. Gleichgültig schauen sie die paar Häuser an und gehen weiter. Es mag vorkommen, daß einmal ein Hausierer nach langem Gerede in Aufhausen etwas von seiner Ware absetzt. Hin und wieder kommt der Pfarrer, oder ein Bettelmönch tritt in die verrußte, geräumige Kuchl. Sie werden ehrfürchtig empfangen und in die nebenanliegende, helle, selten benützte gute Stube geführt.

Gleich und gleich blieben Zeit und Leben für Aufhausen. Deshalb sind auch die Überlieferungen der Heimraths ziemlich spärlich. Für sie muß es nie etwas anderes gegeben haben als Geborenwerden, Aufwachsen, unermüdliche Arbeit, demütige Gottesgläubigkeit und Sterben.

(Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter. Werkausgabe in 16 Bänden. Hg. von Wilfried F. Schoeller. Bd. 1-13. List Verlag, München/Leipzig 1994, Bd. 5, S. 16f.)

 


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Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

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