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Der Schriftsteller Daniel Jaakov Kühn proklamiert: Alle Wurst geht vom Volke aus!

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© Juliane Brückner

Im Frühjahr fand im Café Lost Weekend eine große Lesung Münchner Autoren statt, bei der das Literaturportal Bayern als Kooperationspartner mitwirkte. Motto des Abends war: „But you’re welcome – eine Initiative gegen Fremdenhass“. Wo sind wir selbst fremd? Wie hängen Fremdsein und Schreiben zusammen? Fragen wie diesen ging vor fast 100 Besuchern eine Reihe namhafter Autoren nach: Steven Uhly, Lena Gorelik, Daniel Jaakov Kühn, Andreas Unger, Sandra Hoffmann, Margarete Moulin, Jürgen Bulla, Katja Huber (der wir auch für Mitschnitt und Nachbearbeitung danken!), Daniel Grohn, Emel Ugurcan, Andrea Heuser und Dagmar Leupold. Es moderierten Maximilian Dorner und Fridolin Schley, für den musikalischen Rahmen sorgte Daniel Grohn.

Wer den Abend verpasst hat – oder ihn auffrischen möchte – kann die Texte im Literaturportal Bayern noch einmal nachlesen und nachhören. Die gesammelten Texte werden im Sommer als Buch im P. Kirchheim Verlag erscheinen. Heute vorab:

 

Alle Wurst geht vom Volke aus

von Daniel Jaakov Kühn

 

Anarchie im Fußbereich

Kotze schwimmt im Ententeich

Käse auf Sandale

Swingerclubrandale

 

Weiße Socken rocken

Braune Socken locken

Fliegen an

Und dann: Revolution, Mann!

 

Der Hansi hat nicht studiert, er hat kein Buch geschrieben, und er war auch noch nie zu einer Talkshowrunde geladen, aber trotzdem weiß der Hansi Bescheid. Krieg und der ganze Wahnsinn. Da braucht er keine Bücher lesen, da muss er nur die Augen offen halten. Außerdem hat er aufgepasst in der Schule, zufällig, weil in Geschichte saßen nur zwei Mädels, die Hilda und die Lotte, die waren beide keine Ablenkung. Jedenfalls. Der Hansi liest keine Bücher, oder besser: Er liest direkt aus dem Leben. Er weiß ungefähr, was richtig und was falsch ist. Jetzt ist der Hansi trotzdem kein Engel, er hat schon mindestens zehn Schlägereien mitbegleitet und, was die Frauen angeht, auch nicht immer den richtigen Ton getroffen. Außerdem mag er Mopeds.

In letzter Zeit hört der Hansi Sachen, die er nicht hören will. Von allen Seiten. Wie eine fortwährende Spuckattacke. Schon allein das Wort Nazi. Da wird dem Hansi gleich ganz anders, da muss er an schwarze Mäntel denken, an Leichenberge, an Kinder, die an ihre Mütter geschmiegt in den Tod geschickt werden. Da gibt es ein Bild, ein schwarzweißes Bild, es hat sich ihm eingebrannt, er hat es vor Jahren im Fernsehen gesehen, beim Umschalten, versehentlich, ein Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, das über eine Wiese stolpert, gefolgt von einem Soldaten, dahinter eine Baracke, ein kleines Kind in einem weißen Kleidchen, das jetzt kehrt macht und zu seiner Mutter zurück will, aber der Soldat tritt das Mädchen mit seinen Stiefeln, wie einen Hund, den man sich vom Leib halten will, das Mädchen stürzt, die Mutter wird abgeführt, wohin, das kann man sich ja denken, und dann war die Sequenz vorüber, und der Hansi hat schnell weitergeschaltet, aber das Bild hat er nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Der Hansi verteidigt die Erinnerung, und das macht ihn zu einem Menschen.

Es häuft sich also, als ob irgendwo in einem feuchten Kellerloch ein schwangeres Monster säße, das seine giftigen Ausdünstungen in das Grundwasser pumpt und alle mit Hass und Angst infiziert. Eine Freundin vom Hansi, eine gute Freundin eigentlich, hat dem Hansi so ganz nebenbei erzählen wollen, dass alle Roma degeneriert seien, man müsse nur sehen, wie die hausen, das sei doch der beste Beweis, sie hat von diesen Menschen gesprochen, als wären es Waschmaschinen, die nicht mehr rund laufen und auf den Schrott gehören. Der Hansi hat dann den gemeinsamen Tag abgebrochen und sich nie mehr bei ihr gemeldet.

Heute besucht der Hansi seine Stammkneipe, sein zweites Wohnzimmer, oder erstes, das hängt von seiner Tagesform ab. Und interessant, auch hier Gesprächsthema aktuell: Nazidemos. Zugegen sind der Schwefelmeier Hannes, der Eki, der Wollinger Josef, irgendeiner, den der Hansi nicht kennt, und seine beiden Kumpels, der Ali und der Bertie.

„Heute demonstrieren die Nazis wieder.“

„Das sind doch keine Nazi.“

„Ja, was dann?"

„Ja, Deppen sind‘s halt.“

„Wogegen demonstriern die eigentlich?“

„Gegen alles.“

„Die wolln halt nicht islamisiert werden.“

„Wer will die denn islamisieren?“

„Frag mich doch nicht, ich mach da ja nicht mit.“

„Also, in der Türkenstraße ist das schon auffällig, dass da sehr viele Türken …“

„Das macht aber auch Sinn …“

„Jetzt, wo du es sagst …“

„Außerdem gibt es da die besten Wassermelonen.“

„Wassermelonen sind ungefährlich.“

„Na, die Moslems hier wollen halt an die Macht, davor haben die Angst.“

„Ja, aber wenn die hier ein Kali… wie heißt das Wort, Ali, du musst das doch wissen …“

Der Ali hat sich bis jetzt türkisch vornehm zurückgehalten.

 „Kalifat“, sagt er und nippt an seinem Raki, den bringt er sich immer selbst mit.

„Genau, die wollen einen Gottesstaat errichten!“

„Aber das haben wir doch in Bayern schon …“

„Ja, aber einen anderen Gottesstaat, du Depp, mit Köpfe ab und so …“

„Das macht doch gar keinen Sinn, was haben denn die Moslems davon, wenn ihnen der Kopf abgehackt wird?“

„Uns wolln die den Kopf …“

„Bei manchen wäre das kein Nachteil …“

Der Ali spielt derweil mit seinem neuen Smartphone, das aussieht wie eine Laserkanone. Der Hansi selbst besitzt etwas Artverwandtes, auch mit Bildschirm, aber das ist eher für Mäuse entworfen.

„Ja, wo hast du das denn geklaut?“ fragt der Bertie, aber man muss sagen, dass der Ali als Bereichsleiter in einer Was-auch-immer-Firma mehr verdient als zum Beispiel der Bertie und der Schwefelmeier Hannes zusammen, und das ist von Belang.

Aber der Ali verzieht keine Miene, er kennt die Sprüche, seit er hören kann, er wurde schließlich hier geboren. Jetzt nähert sich der Aki und schiebt sich seitlich an den Ali heran: „Du, Ali, weil du jetzt schon hier sitzt, wie ist das für dich mit dieser Penetitia oder wie das heißt …“

„Das ist die Pegida“, korrigiert ihn der Hansi.

„Klingt nach Bundesgartenschau.“

„Eher nach einer Gleitcreme.“

„Also, Ali, du als Ausländer … kann man ja sagen …“

„Der Ali ist doch kein Ausländer, der lebt doch hier. Der hat doch einen Pass …“

„Gut, sagen wir als Betroffener, von wegen Islam …“

„Das ist halt seine Religion, da kannst du ja gleich kommen und einen Polizisten fragen, ob er in Police Academy mitgespielt hat …“

„Dann frag ich halt anders: Lieber Ali, wie stehst du als deutscher Ausländer zu dieser Bewegung …?“

Der Ali seufzt: „Ich wohne in der Au mit meiner Frau und meinen beiden Kindern“, sagt er, „und daran wird sich auch nichts ändern.“

Wobei man schon sagen muss, dass der Ali früher kein Kostverächter war, und damit sind nicht nur die leckeren türkischen Gerichte gemeint, der Ali hat es faustdick hinter den Ohren gehabt, da darfst Du nicht in den Koran schauen.

So viel zum Thema. 

 

 

Jetzt fällt dem Hansi ein, dass es doch direkt einen Kneipenausflug wert wäre, die angekündigte Nazidemo zu besuchen, „Studienzwecke“, sagt er, und er tut recht wichtig, als wäre er der Kneipenkönig, aber einer ohne Gefolge, außer dem Bertie will nämlich keiner mitkommen, das Wetter, das Leben, und man habe ja gerade ein Bier bestellt, auch der Ali winkt nur müde ab, er ist froh, wenn das Theater vorbei ist. 

Eine halbe Stunde später stehen die beiden im Nieselregen und wundern sich. Auf dem Marienplatz haben sich einige hundert Menschen versammelt bzw. zusammengerottet. Rentner und Rentnerinnen, Sozialhilfeempfänger, Rechtsradikale und noch ein paar undefinierte Gestalten, Computerjunkies, Wohnzimmerbeherrscher, Leute, die man beim Schlussverkauf immer in der ersten Reihe antrifft. Sie stehen abgeschirmt, wie in der Manege, und das Publikum pfeift sie aus.

„Da ist ja wie im Zoo“, bemerkt der Bertie. Nur dass man hier keine Fische beim Schwimmen beobachtet oder die Elefanten beim Trinken, man schaut einem Haufen Affen dabei zu, wie sie Menschen spielen. Ohne mit der Wimper zu zucken, durchqueren die beiden eine Polizeiabsperrung, interessant, aber keiner hält sie zurück. „Wir sehen wohl aus wie Nazis“, raunt der Bertie, aber der Hansi weiß es besser: „Wir sehen aus wie besorgte Normalbürger, wie soll denn ein Polizist das auseinanderhalten …?“

Sie nähern sich einer Gruppe junger Männer, die mit Bierflaschen bewaffnet nervös an ihren Zigaretten ziehen und die Umgebung sondieren. Sie stellen sich zu dem Pulk und lauschen neugierig. 

„Jetzt sind wir im Affengehege“, flüstert der Bertie, während zwei Rentner sich eine Flasche Schnaps teilen.

„Wer studiert, verliert!“ ruft ein Mann in Richtung der Gegendemonstranten, und der Hansi, dem eigentlich lieber die Faust ausrutschen würde, fragt direkt hinein, ob der sich dann auch selbst operieren könne, zum Beispiel bei einem Darmdurchbruch, aber solche Fragen stellt man hier nicht.

„Du bist hier auf der falschen Seite, du Realitätsverweigerer", sagt der Realitätsverweigerer und wendet sich ab.

„Wir sind das Volk!" tönt es jetzt aus hundert Kehlen, und dem Hansi kommt gleich die Wurstsemmel wieder hoch, obwohl das auch nichts machen würde, weil so eine ausgekotzte Wurstsemmel würde wahrscheinlich mitdemonstrieren, also sich einreihen, die hat es ja auch nicht so gut erwischt. Das ist nur eine Vermutung, aber auch das passt ganz gut, weil hier alles irgendwie eine Vermutung ist, vor allen Dingen eine Zumutung. 

Ein Mann betritt jetzt das Rednerpult, aber nix Soundcheck, er plärrt gleich los wie ein Zweijähriger, und weil das Mikrofon auch nur ein Mikrofon ist, macht es natürlich nur Knax und Knarx, und dann gibt es eine Rückkopplung, dass sich alle ducken müssen. Dem Mann ist das egal, er brüllt weiter, das ist sein Auftritt, seine Bühne, er will nichts weniger als höchstpersönlich die Revolution einläuten. Leider versteht man nur Semmelschmarrn, weil das Mikro seinen Redeschwall nicht übersetzen kann, es will wahrscheinlich auch gar nicht. 

„GmbH!" hört man einmal, und alle: „Pfui!“  

„Wir haben keinen Friedensvertrag!" Eine Frau in der ersten Reihe fällt in Ohnmacht. 

Jetzt geht es Schlag auf Schlag.

„Massenmedien, Lügenpresse, lasst den Putin in Frieden! Scheiß Amerika!“

Dann wird verkündet, dass der Islam die neue Staatsreligion sei, von ganz oben verordnet, damit das Deutsche ausradiert werde.

„Die da oben wollen uns auslöschen!“ brüllt ein älterer Herr, und der Hansi kann nicht anders, als ihn zu fragen, ob er damit den Reinhold Messner und seine Bergsteigerkollegen meine, aber der flammende Blick des Herrn lässt den Hansi zurückweichen.

„Wir wollen keine Parallelgesellschaft!“

Den Einwand findet der Hansi interessant, weil diese Leute sind auch eine Parallelgesellschaft, Fremde, die Angst vor Fremden haben und am liebsten in einer Miniatureisenbahnwelt leben würden, von wegen Ordnung und Überblick.

„Fliegerbombenholocaust", lallt ein junger Mann, der sich ganz offensichtlich in der Stadt geirrt hat.

„Woher hast du Fliegerbombe denn deine Infos?" will der Bertie wissen. 

„Aus dem Internet!" 

Ja, dann ..., will man direkt sagen, wenn es aus dem Internet ist, dann muss es ja stimmen, aber es bringt nichts, das merken der Hansi und der Bertie gleich, die wollen keinen Frieden, weder mit sich selbst noch mit allen anderen, das ist wie im Hundezwinger für kaputt gemachte Hunde, da geht auch nicht mehr viel zusammen. Der Hansi ist noch am Überlegen, da sieht er, wie der Bertie die Bühne entert, dabei zwei Ordner einfach wegwirft, wie Papierflieger segeln die in die Menge, auch Fliegerbomben, und dann packt er sich das Mikro und sagt: „Die Versammlung der Arschgesichter ist hiermit beendet, bitte begeben Sie sich zurück ins Sanatorium." 

Natürlich bringt es nichts, der Bertie wird von zwei Beamten von der Bühne gebeten, aber verhaftet wird er nicht.

„Hättest sagen müssen, dass du Judo kannst und beim deutschen Turnerverband Vorstand bist“, sagt der Hansi, „dann wären die bestimmt gegangen".

Später. Weit nach Mitternacht. Irgendwo in Sendling. Keine Schüsse hallen durch die Straßenschluchten, nur ein paar Junkies machen Lärm, die streiten auch rund um die Uhr, denkt der Hansi, aber wenigstens nur mit sich selbst. Direkt vorbildlich. Dann schiebt er sich unter das Kissen und schläft schnell ein.

In dieser Nacht träumt der Hansi von grauen Riesen, groß wie Berge, die die Sonne verdunkeln und immer näher kommen, die wollen ihn ganz sicher zertreten. Ein braunes Meer türmt sich auf. Der Hansi will sich wegducken, da sieht er das kleine Mädchen, wenige Meter von ihm entfernt auf einer grünen Wiese sitzen, wie es mit einem Stoffbären spielt. Das Mädchen winkt ihm zu. Es lächelt ihn an. Ihr Lächeln vertreibt schließlich die Riesen und färbt die braune Flut azurblau.


Externe Links:

Zum Roman Der Bergfrauendoktor - Ein Leben voller Abstriche

Zum P. Kirchheim Verlag


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