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Im Gespräch: der Schriftsteller Thomas Palzer

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Der Schriftsteller Thomas Palzer arbeitet – oft unter philosophischen Fragestellungen – neben dem literarischen Schreiben auch als Autor für Radio und Fernsehen. Für seinen Roman Ruin erhielt er 2005 den Tukan-Preis der Stadt München. Mit uns sprach er über seinen aktuellen Roman Nachtwärts, der im vergangenen Jahr bei ars vivendi erschienen ist.

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Literaturportal Bayern: Zunächst ein Blick in Ihre innere Werkstatt: Der Roman Nachtwärts entfaltet sich aus einer brillanten Plotidee heraus – zwei Geschwister steigen aus Versehen in den falschen Zug, der auch noch leer ist, und erleben eine Geisterfahrt ins Ungewisse. Das Buch enthüllt am Ende, dass Ihnen etwas Ähnliches wirklich einmal passiert ist. Wie war das? Und war Ihnen gleich klar: Hierin steckt ein Roman?

Thomas Palzer: Vor ein paar Jahren sind meine Lebensgefährtin und ich, erschöpft von einem langen Tag auf der Buchmesse, in den falschen Zug gestiegen. Viel zu spät haben wir gemerkt, dass wir die einzigen Passagiere waren, und als wir es gemerkt haben, ist der Zug auch schon losgefahren. Ohne Halt rasten wir durch die Nacht und ohne zu wissen, wohin die Fahrt gehen würde. Ein gespenstisches Erlebnis. Das war der Ausgangspunkt für Nachtwärts. Um auf die Frage zu antworten: Als ich Peter Laemmle, Redakteur für das Nachtstudio im Bayerischen Rundfunk, davon erzählte, meinte er nur: Was für ein Stoff! Ich radelte nach Hause, und als ich bei mir angekommen war, wusste ich, dass er recht hatte. Zugleich stand mir auch schon das ungefähre Alter der Protagonisten vor Augen: an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Nur in einem bestimmten Alter stellt man sich ja gern vor, verloren zu gehen. Die Entfaltung der Geschichte hat dann aber noch drei Jahre gedauert. Figuren sind eine gute Gelegenheit, um sich von sich selbst zu distanzieren.

Dem Konzept des Verschwindens und Verlorengehens kommt auf vielerlei Spielarten eine wichtige Rolle zu: Die Mutter ist verschwunden, die Geschwister inszenieren ihre eigene Entführung, Gewissheiten bröckeln, die Jugend schwindet. Die Stimmung ist dabei ambivalent. Was überwiegt für Sie, die Melancholie oder die Magie neuer Möglichkeiten?

Melancholie ist, wenn sie nicht naturalisiert als so genannte Depression missverstanden wird, die der Medikation bedarf, äußerst fruchtbar. Sie ist eine Erkenntnisform. Es gibt sie auch im Futur II: Wir werden Möglichkeiten gehabt haben. Heute gibt es für die Sehnsucht nur noch einen Ort – und der liegt in der Trauer. Aber gerade sie setzt voraus, dass man einmal der Magie der Möglichkeiten erlegen ist. Im Grunde halte ich es wie der Prinz in Nachtwärts: Ich bin Okkasionalist. Außerdem sind es tatsächlich Herbst und Frühling, die mir nahe sind: Melancholie und Tatendrang.

Eins der großen Themen des Romans ist das der Realität – und ihrer Fragwürdigkeit. Auch sie erscheint immer fadenscheiniger. Gegen Ende denkt der Junge Laurens, „dass er sich in einem Zwischenreich befand, an zwei Orten gleichzeitig; in einer Welt, in der es offenkundig von Nutzen war, wenn man Sinn besaß für das Reale wie für das Irreale.“ Kurze Frage zum langen Thema: Wie halten Sie selbst es mit dem Glauben an unsere sogenannte Realität?

Die Wirklichkeit kann von keiner Erkenntnisform ausgeschöpft werden. Wirklichkeit ist unerschöpflich. Da ist für mich Henri Bergson maßgeblich. An eine Wirklichkeit als Rationalitätskontinuum glaube ich nicht. Dass etwas begründbar sein muss, ist der Glaube der Griechen gewesen, ist deren Theo-Logie. Wir haben diesen Glauben übernommen, eine komplizierte Geschichte, die heute etwa in die Vorherrschaft des Krimis gemündet ist: Alles muss einen Grund und ein Motiv haben. Aus der gleichen Haltung ist die vorherrschende Theorie der Wirklichkeit die Wissenschaft. Dabei ist die Wissenschaft im Gefüge der Wirklichkeit nur eine ontologische Provinz – und eine dürftige dazu. Der Hoffnung, dass die Ratio das Erkenntnisinstrument sei, zu dem Wirklichkeit im Verhältnis der Kongruenz steht, hat schon André Breton einen Schuss vor den Bug versetzt. In dem neuen Roman, an dem ich schreibe, versuche ich, es ihm gleichzutun – ein Anti-Krimi mit dem Titel Die Zeit, die bleibt. Wirklichkeit überrascht, das ist es, was sie wirklich und unbeherrschbar macht. Sie ist keine Neukombination des Vergangenen. Sie liegt in dieser auch nicht bereits vor. Logik basiert auf Ähnlichkeit und Wiederholung. Wirklichkeit ist aber kein ready-made.

Überhaupt spielen viele der stärksten Passagen Ihres Romans in solchen „Zwischenräumen“, in Räumen in Räumen, z.B. im Schrank, im Hinterbereich einer Bühne, aber auch in Lektüreräumen. In diesen und ähnlichen ‚Gegenräumen‘ sind Zustände der „Entrückung“ möglich, wie es einmal heißt. Kommt das Ihrem Literaturbegriff nicht auch ziemlich nahe.

Mise en abyme – der Raum, der sich selbst enthält. Der Spiegel im Spiegel als magischer Korridor. Zwielicht, Ambiguität, Falte und Traum schaffen den Übergang zwischen dem, was wir erfinden, und dem, was wir vorfinden. Beides mal wird etwas gefunden. Beide Sphären werden von uns bewohnt. Man betrachte die raffinierte Art, wie die Dinge gefaltet sind, sich entwickeln, auswickeln, entfalten – etwa in dem Sinn, wie Deleuze die Falte am Beispiel von Leibniz „entfaltet“ hat. In Nachtwärts hören die Figuren immer wieder Schritte über ihrem Kopf.

Der vielleicht wichtigste dieser Parallelräume ist die Nacht, die der Roman schon im Titel trägt. Was fasziniert Sie an der Nacht?

Um es mal nicht mit den vorhersehbaren Vokabeln zu sagen: Die Nacht ist Einwand gegen den Tag, bedeutet Kritik am Leben. Kritik an seiner Fragwürdigkeit und Gebrechlichkeit. Nichts ist so autobiographisch wie die Phantasie, und die bewohnt bekanntlich die Nacht.

Man merkt dem Roman an, dass Sie Philosoph sind. Ähnlich wie in Ruin finden sich viele philosophische Gedankengänge in Nachtwärts. Dabei besteht ja immer die Gefahr, dass die Diskurse die Literatur überformen, der Text also klüger wirkt als es für sein Personal glaubhaft ist. Sie umschiffen diese Gefahr aber eindrucksvoll. Wie haben Sie das gemacht? Gab es da ein Konzept?

Wie man es macht, dass ein Text stimmig bleibt, so dass er all seine Elemente in sich integriert, kann ich nicht beantworten. Aber Stimmigkeit ist für mich eine unbedingte Forderung. Für mich gehören Literatur und Philosophie zusammen. Philosophie ist das Wissen vom Wichtigsten im Leben. Literatur nimmt sich die Freiheit, Menschen ins Zentrum zu rücken, die nicht so wichtig sind, die irren, mittelmäßig sind, die in ihren Handlungen fehlen, die unglaubliche oder unglaublich banale Abenteuer erleben oder die sich, wie Oblomov, überflüssig vorkommen. Nur die Literatur rückt den Menschen ins Zentrum des Universums. Literatur ist ein Plädoyer für das Individuum und beschäftigt sich mit dem Konkreten. Sie bewahrt damit die Welt vor der Sinnlosigkeit, der sie ausgesetzt wäre, gäbe es keinen Geruch, keine Stimmung, kein Fühlen und Empfinden. Existenz ist notwendig verkörpert. Literatur ist der Körper, Philosophie die Seele.

Es scheint dafür vor allem auch die Erzählerposition entscheidend zu sein: Eine wohltuende Diskretion geht von ihr aus, sie bleibt immer ein wenig auf Abstand, was mitunter fast zu einem Brecht’schen Verfremdungseffekt führt: Mal schweift der Erzähler eigenmächtig ab, mal wechselt er das Tempus, dann wieder kommentiert er die Geschichte ironisch. Hier spricht ein mitdenkender, ordnender wie subversiver Geist. Misstrauen Sie der heute so gängigen, konventionellen Realitätsfiktion?

Fiktionen verlangen Kraft – um sie anzuerkennen. Diese Kraft oder dieser Mut geht zunehmend verloren. Die Leute und die, von denen sie gemanagt werden, bestehen auf „Realismus“. Aber Literatur besitzt einen völlig anderen Wirklichkeitsstatus als eine Haselnuss. Als literarisch-ästhetisches Gebilde ist sie autonom. Dass Bücher aus Wörtern und Sätzen bestehen, ist hinlänglich bekannt und trivial. Ich würde sagen, Bücher bestehen aus Verfahren – Verfahren des Erzählens. Ich versuche keine Texte zu schreiben, die man benutzen und zum Beweis für seine Thesen erniedrigen kann (auch wenn die Antworten hier manchmal nach dem Gegenteil klingen – es täuscht!). Romane kann man nur lesen. Romane, jedenfalls die gelungenen, sind keine für irgendeine Theorie ausschlachtbaren Prätexte. Das wäre Campusliteratur. Und natürlich sind sie keine Abbildung der Realität, eher schon eine Falte derselben.

Der Roman wirkt manchmal selbst wie in nächtlichen Nebel gehüllt: Eine voranschreitende Verunsicherung ist hier am Werk, eine Literatur der Ambivalenzen, die keine bequemen Wahrheiten serviert. Selbst der große „Feind“ erscheint am Ende als Gebeutelter. Sie kommen ja auch stark vom Essayistischen. Hat das Uneindeutige eine besondere Kraft?

Ja. Eindeutigkeit gibt es nur vor dem Hintergrund des Uneindeutigen. Wissen selbst ist immer eine Fälschung, weil wir nicht alles, was wir über die Welt wissen müssten, wissen können. Jede Bestimmtheit geht zwangsläufig mit Unbestimmtheit daher. In Nachtwärts geht es ja auch darum, dass die Geschwister vom Sichtbaren nicht zufrieden gestellt werden. Für die Sprache ist das kein Problem. Sie kann das Unfassbare auf die innere Leinwand bringen, das Immaterielle, Wolkige, Widersprüchliche und bloß Geahnte.

Ein weiterer Kunstgriff besteht darin, dass tradierte Erzählformen ergriffen aber dann ihrerseits verunschärft werden, z.B. der Krimi, das Märchen (sogar der „Prinz“ kommt vor) oder die Coming-of-age-Geschichte (die Hauptfigur heißt Finn – wie Huckleberry). Diese Formen werden dann ganz ungewohnt gefüllt, was beim Leser zu einer ähnlichen Verunsicherung führt wie bei den jugendlichen Protagonisten, deren „Verhältnis zur Welt“ zuletzt scheinbar „völlig ungeklärt“ ist. Fremdheit und Bekanntes gehen Hand in Hand. Warum?

In meinen Augen darf man vor allem eins nicht: Das Selbstverständliche für selbstverständlich nehmen. Wahrheit ist Gestalt, nicht Doktrin, der es nur darum geht, Gefolgschaften zu organisieren.

Der Masterplan von Finn und Laurens schlägt am Ende fehl – zumindest im strengen Sinne. Trotzdem haben sie eine riesige Entwicklung hinter sich. Interessanterweise verweigert der Roman so etwas wie ein klassisches Happy oder Tragic End. Im Schlussbild landet Laurens gewissermaßen wieder auf dem Boden der Tatsachen. Ein im besten Sinne realistisches Ende. Zuletzt also doch so etwas wie eine Verteidigung der Wirklichkeit?

Zu Beginn von Nachtwärts sind Finn und Laurens noch beinahe Kinder. Am Ende sind sie junge Erwachsene. Auch wenn nur wenige Tage dazwischen liegen, sind die Geschwister um Jahre gereift. In dem Roman geht es also um den Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt. Nachtwärts ist der Roman einer Initiation, eingeschlossen der sexuellen. Finn und Laurens betreten den Geheimbund der „Erwachsenen“, aus dem üblicherweise rigoros alles ausgeschlossen wird, was für Irritation sorgen könnte. Am Ende sind die beiden Teil jener lästigen und angeblich kohärenten Realität, die man Wirklichkeit nennt und die sie eigentlich immer abgelehnt haben. Darin liegt ihre Tragik.


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