Literatur Update 2014: Laudatio auf Paul Klambauer. Von Nora Gomringer

Links: Nora Gomringer. Rechts: Kulturreferent der Stadt Erlangen Dr. Dieter Rossmeissl bei der Preisübergabe an Paul Klambauer

Nach Heimatklängen und wie Heimat klänge fragte die Literaturstiftung Bayern bei ihrer diesjährigen Ausschreibung zum LITERATUR UPDATE Literaturwettbewerb 2014 im Rahmen des bayernweiten Musikfestes LOKALKLANG. Fünf Texte, die sich sehr unterschiedlich mit dem Thema Heimat auseinandersetzen, wurden von einer sechsköpfigen Jury ausgewählt. Die Texte sind bereits online lesbar und werden bald auch in gedruckter Buchform erscheinen.

Am 31. August 2014 wurde der Autor, Dramaturg und Texter Paul Klambauer mit dem 1. Preis von LITERATUR UPDATE ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand beim diesjährigen 34. Erlanger Poetenfest im Lichthof des Palais Stutterheim mit einer Laudatio der Jurorin und Autorin Nora Gomringer statt.

 

Laudatio von Nora Gomringer

Heimat – Menschen, die eine Heimat kennen, haben oft die größten Probleme, des Begriffes habhaft zu werden. Dabei scheint es sich um das Phänomen der „Sprachlosigkeit durch Nähe“ zu handeln: zu nah dran, kann den Blick eintrüben. Sie – die nach der Heimat befragten Menschen – beginnen zu beschreiben, und es beginnt mit ihren Antworten eine Aufzählung von Synonymen: wo sie zu Hause sind, wo sie sich geborgen fühlen, wo Vater und Mutter noch leben, wo einst die Schule stand, wo man sich hin sehnt oder wo man unbedingt weg will.

Menschen, die keine Heimat kennen, die ihrer beraubt wurden, sie in Krieg durch Flucht und Zerstörung verloren haben, sagen oft nur das eine: Heimat, das ist ein unerfüllbarer Traum.

Immer und immer wieder ist sie ein sensibles Thema, findet in den Künsten oft zärtlichen, leider oft pathetischen und zunehmend kruden Ausdruck, der sich auch an die Internationalität der Frage anschließt.

Für viele Menschen ist die Frage nach der Heimat gleich der Frage nach der Herkunft. In reiseaktiven Zeiten, wie diesen aber, ist Heimat auch eine Frage des Ziels. Wo will ich mich heimatlich fühlen am Ende meiner Wege?

Die Einsendungen des Wettbewerbs zum Thema „Heimatklänge“ oder auch wie „Heimat klänge“ verhandelten das Thema zum großen Teil direkt sprachlich. Es wurde geschrieben in der Sprache der Heimat, in dem Dialekt, dem Klanggefüge, das man in die eigene Sprache- und Sprechproduktion einfließen lässt. Die Klänge, die man auch weit vom Isarstrand am Shanghaier Bund entlanglaufend im Gedächtnis birgt. Erinnerung also. Sprache als Heimat. Bereits in den 60er-Jahren wandten sich die Lautpoeten im Rahmen der Konkreten-Poesie-Bewegung der unbändigen Kreativität und Unverbrauchtheit des Dialekts für die literarische Textproduktion zu. So zieht sich der Dialekt als Phänomen der Sinn- und Ortssuche in der Sprache mit einer Interessenamplitude durch die Jahrhunderte: Mal ist er da, mal taucht er unter, ist in aller Munde oder wird als nicht elegant genug bewertet. Nur wenige Sprachregionen – davon aber einige an Orten, wo Sprecher mehrerer Sprachgruppen eng beieinander leben – haben eine kontinuierliche Beziehung zum Dialekt entwickelt, konstituieren und fühlen Identität in Klängen, Grammatik und Texten. Just in unserem Landstrich – ich möchte von Nordbayern sprechen und meine das heimatliche Franken – haben sich der Lyriker und Dramenautor Fitzgerald Kusz, der Lyriker Gerhard Krischker und der Autor Helmut Haberkamm große Verdienste um den Dialekt als Literatursprache erworben. Die Dramatikerin Kerstin Specht wohnt zwar in München, beschreibt aber immer wieder das Sentiment ihrer Kronacher Heimat und gäbe es so etwas wie dialektale Fotografie, so wäre das Werk des Erlanger Fotografen Georg Pöhlein unbedingt zu erwähnen, der mit dem Detail im Bild längst eine Weltsprache in der Kunst spricht. 

Links: Martin Schmid und Stefan Leonhardsberger. Mitte: Paul Klambauer. Rechts: Literatur Update-Preisträger 2014: Gwydion Enbarr, Paul Klambauer, Antonia Spohr und Alke Stachler mit Nora Gomringer.

Der Autor Paul Klambauer, aufgewachsen in Oberösterreich, seit 2013 als Liederautor und Dramaturg unter anderem für den Ingolstädter Musiker Stefan Leonhardsberger beschäftigt, hat für die Heimat keine Verklärung, sondern den geraden Blick. Sein Text Grenzgegend, bereits vertont, beschäftigt sich mit der Prostitution entlang der deutsch-tschechischen Grenze. Er schreibt oberösterreichisch eingefärbt und hat einen atmosphärisch dichten Eindruck verschriftlicht. Leser und Hörer des Textes erleben die Trostlosigkeit, die in der Situation der Frauen und Freier liegt. Ein lyrisches Ich bittet um den Gefallen, einer ehemaligen Geliebten ausrichten zu lassen, dass die Zeit für das Miteinander bald gekommen ist. Dieses wohl schon jahrelange Hinhalten, Sich-Verzögern verstärkt den melancholischen Eindruck im Text. Das Voranschreiten der Zeit und die Not, in ihr zu handeln, entfernen die Beiden, den Sehnenden und die Begehrte voneinander.

Der Text von Paul Klambauer ist unaufgeregt und präzise gearbeitet, er ist romantisch und weltlich, seinem Thema nah und poetisch angemessen fern. Eine Heimatperspektive, die nichts mit Lob auf die Umstände, das Sehnsuchtsziel zu tun hat, aber an Menschen festgemacht ist. Heimat ist da, wo du, Geliebte, bist. Damit fällt der Text wohl in die zweite Definition von Heimat: ein unerfüllbarer Traum, denn hier stehen Konventionen, gelebtes Leben, Entscheidungen und Länderverfassungen zwischen Zweien.

Gut, dass sie ein Lied haben, das ihnen eine Heimat in diesem „Zwischen-Ort“, der „Grenzgegend“ von Paul Klambauer schenkt. Dieses Lied werden wir in seiner Vertonung durch Martin Schmid und Stefan Leonhardsberger hören.

Lieber Paul Klambauer, im Namen der Jury sage ich Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche zu dieser Auszeichnung. Wir wünschen Ihnen und damit Ihrem Schreiben, Ihrem Blick auf Heimat und andere Topoi weiterhin viel Erfolg.

Nora Gomringer – Juli 2014

 

Wir danken Nora Gomringer und der Literaturstiftung Bayern für die freundliche Genehmigung des Abdrucks.


Externe Links:

Interview mit Paul Klambauer (Podcast)


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