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13.08.2014, 12:25 Uhr
Frank Piontek
Logen-Blog
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [463]: Schöne Seelen und weinende Maler

Ist Gustav schuldig? Der moderne Leser wird es kaum so definieren können. Selbst der Erzähler nimmt ihn in Schutz, indem er sich zu einer Kasuistik hinreißen lässt, die noch in Bouses eindeutiger Brustattacke die Eindeutigkeit der Unschuld vermutend am Werk sieht (was ihn und die „Verführerin“, man bemerke die Gänsefüßchen, ehrt): Die Täuschung der Residentin, welche ihn für den Bruder Beatens gehalten, konnt' ich ihm leicht aus der Ähnlichkeit der Bildnisse von ihm und dem ersten Sohne ihrer Mutter erklären.

Zum Zweiten leistet er moralische Aufbauarbeit: Zuerst sucht' ich ihm den wichtigsten Kredit wieder zu geben – den, den man bei sich selber finden muss: wer sich keine moralische Stärke zutrauet, büßet sie am Ende wirklich ein. Zum Dritten relativiert er Gustavs Fall (doppeldeutig gesprochen: den Fall): Sein Fall kam bloß von seiner neuen Lage; an einer Versuchung ist nichts so gefährlich als ihre Neuheit; die Menschen und die Pendul-Uhren gehen bloß in einerlei Temperatur am richtigsten.

Das ist, denkt der Blogger, insgesamt nicht wenig, bedenkt er, welche Hammerworte der Erzähler noch kurz zuvor für Gustavs Fall gefunden hatte. Wie aussichtslos erschien da noch dessen Lage, in welch schwarzem Farbtopf wühlte da der Autor, um das Schicksal seines Helden in möglichst drastischen Tönen zu malen – als habe es gegolten, anhand des Angeklagten ein Bild der amoralisch verseuchten, ja verlorenen Menschheit zu malen! Nun aber, im Abstand einiger Zeilen, hat sich der Erzähler beruhigt: im Angesicht des extrem unruhigen Jünglings: Hier mangelte [zwar – möchte man hinzufügen] die zweite reine Seele; hingegen die Vereinigung aller Farben von zwei schönen Seelen (Gustavs und Beatens) wird immer nur die weiße der Unschuld geben.

Geteiltes Leid also könnte zum halben Leid werden; man müsste nun auch wissen und erfahren, wie Beata die Geschichte sieht. Entsetzt – oder doch eher verzeihend, liebend, weiblich verständnisvoll. Man möchte auf das zweite hoffen, zumal Gustav auf die Idee kommt, jetzt und hier mit fast Allem abzuschließen, was Beata heißt: Sein Entschluss war der, von Beaten sich auf immer in einem Briefe abzureißen – das Schloss mit allen Gegenständen, die ihn an seine schönen Tage oder an seinen unglücklichen erinnerten, zu verlassen – den Winter bei seinen Eltern, die ihn allemal in der Stadt zubrachten, zu verleben oder zu verseufzen und dann im Sommer mit Oefel die Karten zum Spiel des Lebens von neuem zu mischen, um zu sehen, was es noch, wenn die Seelenruhe verloren ist, zu gewinnen oder einzubüßen gäbe ....

Immerhin wächst da ein Antrieb – wenn auch ein Antrieb zum Defensiven. Aktion? Ja, aber in Form einer Re-Aktion. Ein radikaler Akt? Ja, aber einer, der nach hinten, nicht nach vorn geht. Man muss darüber so wenig urteilen wie über sein Weinen (das vom Erzähler nicht ausdrücklich erwähnt wird); man versteht es – denn Gustav hatte nie eine Chance, „vernünftige“ Verhaltensregeln und Kommunikationsstrategien für derartige Situationen zu entwickeln: nicht an diesem Hof, nicht in seiner Ur-Höhle, nicht mit seinen seltsamen Eltern, ja: nicht einmal mit seinen Freunden, von denen einer tot und der andere depressiv ist.

Der Rest ist nicht Schweigen, sondern nicht ganz das Gleiche. Man muss dafür nur einen einzigen Buchstaben auswechseln. Es ist das – typisch jeanpaulsche – Schwelgen des erzählenden Kommentators, das erklärt, wieso die zeitgenössischen Leserinnen den Jungautor so verehrt haben – denn hier trafen sich die Gefühle des Mitleids und der durchaus körperbetonten Empfindsamkeit auf seltene Weise. Man lese nur die Periode, laut und deutlich:

Schöner Unglücklicher! warum legt gerade jetzt deine gegenwärtige Geschichte, da ich mit ihr meine geschriebne zusammenführen könnte, Flöre um? Warum fallen gerade deine kurzen trüben Tage in die kurzen trüben des Kalenders hinein? O in diesem Trauer-Winter wird mich keine Himmelleiter des Enthusiasmus mehr in die Höhe richten, um die Blüten-Landschaft deines Lebens zu überschauen und abzuzeichnen, und ich werde wenig von dir schreiben, um dich öfter in meine Arme zu nehmen!

Männer weinen nicht? Sie sollten es aber, wenn's anders nicht mehr geht – auch wenn ein bestimmbares Maß an Selbstmitleid in den Tränen drinstecken sollte. Der Südtiroler Maler Thomas Walch (1867-1943), der 1887 in München war, dann durch Bayern wanderte und 1897-1914 in München studierte (beim nicht ganz unbedeutenden Franz von Defregger) und lange Jahre an der Isar lebte, malte dieses politische Bild eines weinenden Mannes im Gebirge (der um den Verlust seiner an Italien gefallenen Heimat trauert). Die Postkarten, auf denen auch dieses Motiv zu sehen ist, wurden seit Mitte der 1920er-Jahre im Selbstverlag seiner Frau, der Lehrerin Jakobine Gfall, gedruckt, bis der „Anschluss“ weitere Publikationen unmöglich machte und 1938 der Druck der Karten verboten wurde. Der Maler hätte darüber weinen können – und wer weiß: vielleicht tat er es auch.



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