Info
23.11.2012, 15:15 Uhr
Peter Czoik
Redaktionsblog

Ein Abend mit Emerenz Meier bei den Landshuter Literaturtagen

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/emerenz_familie_200.jpg
Emerenz Meier (rechts im Bild) um 1900 vom Passauer Fotografen Otto Böhm aufgenommen. (Foto: Stadtarchiv Waldkirchen, Repro: D. Asenkerschbaumer, Kellberg)

Emerenz Meier gehört zu den bayerischen AutorInnen, die wegen ihres dichterischen Talents und Bildungsdrangs in früher Jugend einer feindlich-provinziellen Umwelt gegenüberstanden; wie Lena Christ oder Oskar Maria Graf hatte sie sich in ähnlicher Weise herauszukämpfen aus den Widrigkeiten ihrer bäuerlichen Herkunft. Zwar veröffentlichte sie schon früh Gedichte und Erzählungen in diversen Periodika – bereits im Mai 1893, noch bevor sie ihre spätere Förderin und Freundin Auguste Unertl kennenlernte, erschienen in der Passauer Donau-Zeitung ihre ersten dramatisch-knapp erzählten Geschichten –, doch ein Leben als freie Autorin vermochte sie nie zu verwirklichen – auch nicht, als sie 1906 nach Amerika auswanderte, in der Hoffnung, den ärmlichen Verhältnissen ihrer Heimat zu entkommen.

„Von Schiefweg nach Chicago“ lautete die Veranstaltung vor ein paar Tagen im Rahmen der 16. Landshuter Literaturtage, die diesmal ganz im Zeichen von Emerenz Meier und dem Thema Auswanderung zu ihrer Zeit von Bayern nach Amerika stehen und noch bis 28. November 2012 dauern (die Begleitausstellung zum Thema Auswanderung läuft bis 30. Dezember!). Die Landshuter Meier-Kennerin Lisa Gusel las aus vier Briefen Emerenz Meiers, begleitet von ihrem Sohn Josef Gusel an der Trommel. Enthalten sind die Briefe in dem von Paul Praxl herausgegebenen Buch „Ich bin fürchterlich radikal gesinnt“. Die unbekannte Emerenz Meier. Der reich bebilderte Band ist anlässlich der Landshuter Literaturtage erschienen und vereint zahlreiche, überwiegend unbekannte Briefe, Dichtungen und Dokumente Emerenz Meiers, vorwiegend aus der Emerenz-Meier-Sammlung des Stadtarchivs Waldkirchen.

Die Kompromisslosigkeit ihres Denkens, das kämpferische Streben nach Weltverbesserung – Emerenz Meier war ja eine ausgesprochene Kapitalismus-Gegnerin und wendete sich in den USA dem Marxismus und Bolschewismus zu – kann man in den Briefen an ihre Freundin Auguste („Gusti“) Unertl oder ihren Freund, den Dichter Hans Carossa, immer wieder verfolgen. Wenngleich sie bekennt: „Politisch Lied – ja. Doch die Politik schafft unsre Lebensverhältnisse in gute oder böse. Man muß sich um sie kümmern. Politik macht Krieg und Frieden, macht Elend und Glück.“ (Brief an Auguste Unertl, Chicago, 20. Okt. 1924, S. 157) Da ist sie wieder, die Ambivalenz ihres Wesens, jene „Doppelnatur“, die Hans Carossa schon früh in ihr erkannte.

An Auguste Unertl, Chicago, 27. April 1921, gelesen von Lisa Gusel. Mit freundlicher Genehmigung (c) Literaturportal Bayern

Denn Emerenz Meier konnte beides sein: weich und verletzlich, wild und aufrührerisch, „fürchterlich radikal gesinnt“. Dass sie trotz aller Kritik an Amerika („Nicht das Können macht hier den Mann, sondern die Charakterlosigkeit, besonders in Politik.“) auch bessere Seiten dem amerikanischen Leben abgewinnen konnte, zeigen folgende Sätze:

Doch genug. Ich habe Dir einen kleinen Ausschnitt aus dem amerik[anischen] Leben gezeigt. Hinzufügen möchte ich nur noch einen besseren Moment, den näml[ich], daß der amerik[anische] Arbeiter gesünder und bequemer wohnt u. einen viel reichlicher besetzten Tisch hat als der aller andern Länder, was in der Naturgesegnetheit der Vereinigten Staaten seinen Grund hat. Ausgebeutet wird er schon genug. (Brief an Hans Carossa, Chicago, 16. April 1923, S. 121)

Gleichwohl überwiegt der kritische Tonfall, wenn es darum geht, die Quelle allen Übels dingfest zu machen, das für den ‚kleinen Mann‘ fehlende Kapital: „Vom Essen abgesehen, sind alle andern Lebensbedürfnisse so hoch im Preise gestiegen, daß die bezahlten Löhne davor verschwinden. Besonders die Wohnungsnot ist sehr groß u. die Mieten nebst Beheitzung [!] und Beleuchtung beinahe unerschwinglich geworden.“ (ebda.)

Einen Grund für ihren kritischen Blick auf die Dinge hat die selbstreflexive Emerenz Meier auch, und der ist denkbar einfach:

Lieber Hans, ich wollte Dir gleich vom Anfang ein richtiges Bild von mir u. meinem hiesigen Leben vormalen. Bei Gustie hab ich das unterlassen, weshalb ich in der Folge oft von ihr nicht recht verstanden wurde. Radikal gesinnt war ich von Haus aus, wie Du weißt, u. je mehr Einblick man gewinnt ins Weltgetriebe, desto radikaler-er-er wird man. (ebda., S. 122)

Emerenz-Meier-Kennerin Lisa Gusel; Blick von der Landshuter Luitpoldbrücke (Fotos: Literaturportal Bayern)

Doch nicht nur Amerika und die Kritik am Kapitalismus stehen im Fokus der Briefe, sondern auch Humoristisches und die Erinnerung an die zurückgelassene bayerische Heimat. Gegenüber Auguste Unertl bemerkt Emerenz Meier z.B. am Ende des Briefes vom 27. April 1921, wie der große Baum vor dem Fenster „grünt“ und die Vögel ins Land ziehen – „Da werden wir wohl bald einmal ausmarschieren nach dem Desplaines River zum Grab der Eltern.“ Neben der wildromantischen Landschaft lädt die Prärie zum „Schwammerlsuchen“ ein, wenngleich der Emerenz ein „guter fester Steinpilz aus dem heimatlichen Wald“ viel lieber ist. Gekrönt wird der Schluss des Briefes durch eine augenzwinkernde Bemerkung hinsichtlich des heimatlichen Bieres und der Trinkfestigkeit Emerenz Meiers: „Bin ich doch neulich einmal so beschwipst geworden, daß ich meinem Mann [John Lindgren (1873-1925), ein gebürtiger Schwede] finnländische Lieder vorgesungen habe, obwohl ich von der Sprache soviel verstehe, wie die Kuh vom Spanischen. Doch mußte er es gelten lassen, wollte er keinen Radau im Haus haben, was er sehr fürchtet.“ (Brief an Auguste Unertl, Chicago, 27. April 1921, S. 147f.)

Besonders interessant sind die Passagen, worin Emerenz Meier vom Dichten und ihrem Verhältnis zu Hans Carossa und den deutschen Klassikern schreibt. Carossa spreche „Bunk“, zu Deutsch ‚Unsinn‘, wenn er sagt, sie „verstünde die deutsche Dichterseele nicht mehr“, was Emerenz Meier kränkt, da sie im schweren Kampf um eine Existenz außerhalb der Heimat zwar ihre „geistige Schaffenskraft“ verloren, aber ihre Liebe zur deutschen Dichtung (die die fremdländische mit einschließt, wenn eine „passable Übersetzung sie mir erschließt“) behalten habe (Brief an Auguste Unertl, Chicago, 20. Oktober 1924, S. 153f.). Überhaupt urteilt sie Carossa gegenüber kritischer, nachdem sie in ihm einen späten Nachahmer Goethes erkannt hat. Viel lieber sind ihr Goethe, Schiller, Kleist, Uhland, Heine, Mörike, Liliencron etc. sowie Jean Paul und Wilhelm Wägners „urkräftige Poesie der Alten“, die Nordisch-germanischen Götter- und Heldensagen für Schule und Volk (1881). Letztere ließ Emerenz Meier bei ihrer Auswanderung unglücklicherweise zurück.


Sekundärliteratur:

Praxl, Paul (Hg.) (2012): „Ich bin fürchterlich radikal gesinnt“. Die unbekannte Emerenz Meier (Veröffentlichungen des Instituts für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen der Universität Passau, 65). Dietmar Klinger Verlag, Passau.


Kommentar schreiben