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24.09.2010, 16:03 Uhr
Peter Czoik
Redaktionsblog

August Kühns Arbeiterromane

Als „Arbeiterschriftsteller“ hat er sich selbst bezeichnet, als begabter Epiker hat er die Probleme der Arbeiterschaft zum Ausdruck gebracht – bei der Darstellung der Kleine-Leute-Schicksale ist August Kühn immer wieder in die Breite gegangen, ohne dabei wild auszuufern. Während seine Westend-Geschichte (1972) über den Rahmen bloßer Arbeits- und Alltagsbeschreibung hinausgeht, indem sie ein lebendiges Bild des Münchner Arbeiterviertels zwischen den beiden Olympischen Spielen 1936 und 1972 entwirft, bezieht die zwischen den Jahren 1860 und 1970 sich abspielende Familienchronik Zeit zum Aufstehn (1975) ihr Potential aus der zeitlich ausgedehnteren und gesellschaftlich umfassenderen Perspektive von vier vergangenen Generationen:

Kühn berichtet aus dem Leben und den Erfahrungen, den Kämpfen, Siegen und Niederlagen von vier Generationen, seit der namensgleiche Vorfahr A. Kühn nach München kam, um hier als Gleisbau- und Lagerhallenarbeiter Beschäftigung zu finden. Kühn schildert die politische Bewußtwerdung des ersten Kühn, seine Begegnung mit Arbeiterbildungsverein und Sozialdemokratie, und anhand dieses Kühn entwickelt der Autor einen politisch-weltanschaulichen Besitzstand, der die Funktion eines an die erzählten Vorgänge angelegten Beurteilungsrasters hat. (Manfred Bosch, Kritisches Lexikon der Gegenwartsliteratur)

Zeit zum Aufstehn ist ein Roman gegen die Obrigkeit, wobei die Söhne A. Kühns die Tradition ihres Urgroßvaters in wechselnden Zeiten fortsetzen.[1] Eingebunden in die Gegenwart des Kühn-Nachfahren Zwing lässt dieses Generationengemälde à la Thomas Manns Buddenbrooks nicht nur die aktuelle politische Handlungsschwäche der Arbeiterklasse erkennen, sondern auch Widersprüche zwischen gesellschaftlichem Nutzen und realer Entscheidungsgewalt deutlich werden, mithin den Verfall von sozialem Bewusstsein und Klassenidentität.

Der umfangreiche historische Roman Die Vorstadt (1981) zieht dagegen gleich mehrere Jahrhunderte in den Blick, und zwar die Zeit von 1200 bis 1900. Geschildert wird die Entstehung des Stadtproletariats am Beispiel der Münchner Au. Wie in Zeit zum Aufstehn bestehen die ersten Mitglieder der lose miteinander verbundenen Familie Schmied aus Zuwanderern. Weder dem Stammvater aller Schmieds, dem Schmiedsohn Odilo, noch dessen Nachfahren gelingt es, zu einer freien und unabhängigen gesellschaftlichen Stellung zu kommen. In kunstvoller Verschränkung vereint August Kühn verschiedene Lebensbereiche zu einer universellen Geschichte und zeichnet ein bei den Schmieds über die Jahrhunderte hinweg gewachsenes historisch-gesellschaftliches Bewusstsein nach.

„Wachsmuth“-Projekte

Mit den zwischen beiden Romanen entstandenen Projekten Jahrgang 22 und Fritz Wachsmuths Wanderjahre (1977-78) kehrt Kühn über die sozialpsychologische Charakterdarstellung eines Einzelnen zurück zum zeitlich begrenzten Bewusstseinsporträt einer Klasse:

Kühn verfolgt in seinem auf zwei Bände angelegten Roman [Jahrgang 1922 oder Die Merkwürdigkeiten im Leben des Fritz Wachsmuth] den Lebensweg und die geistig-charakterliche Entwicklung Fritz Wachsmuths, Sohn eines Münchner Kommunisten und von diesem ermahnt, sich nie mit den Resten zufriedenzugeben. Maßgeblich wird für F. W. indes eine privatistisch-bornierte Interessenorientierung werden, die ihn den Faschismus lediglich angewidert und den Krieg als touristisches Abenteuer erleben läßt.[2]

Bringt der erste Teil des „Wachsmuth“-Projekts bei aller Gewitztheit des Helden die Destruktion des Charakters – und stellenweise des in ihm zum Ausdruck kommenden Schreibmusters des Schelmenromans – zum Vorschein, zeichnet sich im zweiten Teil der deutliche Versuch einer Gegenbewegung ab. Trotz Fritz Wachsmuths sozialer Bedingtheit seines Tuns analysiert Kühn die Voraussetzungen, die für dessen gesellschaftliche Umorientierung notwendig wären.

Vor dem Hintergrund der westdeutschen Nachkriegsgeschichte passt Fritz Wachsmuth sich entsprechend den neuen Verhältnissen an: Das mit dem Aufschwung in Umlauf gebrachte neue Geld zwingt ihn, sich Arbeit zu suchen und seine kleine Schieberkarriere zu beenden. Dabei versteht er, es sich so einfach wie möglich zu machen. Seine relative und nur gefühlte Politisierung lässt Wachsmuth jedoch die Stabilität einer neuen Klassenexistenz letzten Endes nicht wirklich spüren.

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[1] In der Fernsehfassung von 1978 spielte Franz Xaver Kroetz eine Hauptrolle.

[2] Zitat wie oben.



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