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21.11.2010, 13:26 Uhr
Peter Czoik
Redaktionsblog

Franz Hessels dichterisch-amouröse Leidenschaft

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Petrarca und Laura, Miniatur aus dem "Canzoniere"

Unter dem Titel Laura Wunderl. Münchner Novellen legte der Münchner Dichter Franz Hessel im renommierten Berliner S. Fischer Verlag seine erste Prosaarbeit vor. Es sind Geschichten, die in unterschiedlicher Länge, aber im Sinne von Goethes Theorie der Novelle („eine sich ereignete, unerhörte Begebenheit“) Leben, Liebe und Tod von vier Frauen im künstlerischen München schildern.

So kommt die Titelheldin Laura Wunderl, eine Prostituierte ohne Konzession, ins Gefängnis und stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Die zweite Novelle, das Fest der Maria, handelt von der Schauspielerin Maria Amberg, die zwischen Stadt und Land ein entwurzeltes Leben führt und schließlich Selbstmord begeht. Die Malerin Else Petersen von der Ostsee, das Peterchen, bleibt dagegen im Mittelmaß stecken: sie hat ein Verhältnis mit einem Malerkollegen („Brüderlein“) und erleidet eine Fehlgeburt. Und in der vierten Novelle Die Radlampe wird in Briefform der nächtliche sexuelle Fehltritt einer jungen Frau namens Olga gegenüber ihrem Freund Eduard gebeichtet.

Typisch für die Novellen ist die passive Haltung des Erzählers, der Hessel nicht unähnlich mehr den Zuhörer und Zuschauer als den männlichen Helden gibt.

In Laura Wunderl steht der Student Fritz im ersten Semester seiner beruflichen wie privat-amourösen Lebenserfahrung; die „unverantwortliche Lebensträgheit“ seiner ästhetischen Indifferenz lässt ihn jedoch am vitalen Lebensprinzip und an der Liebe scheitern. Die Passivität des Erzählers erweist sich als besonders virulent in der Szene, wo Fritz seine Zwischenbekanntschaft Nina an den Studienkollegen Eduard Wedel verliert. Nina wird mit brennenden Wolfsaugen als „Beute ins Nebenzimmer“ weggetragen, während Fritz ziemlich teilnahmslos in dem „zärtlich weichen Papier eines japanischen Bilderbuches“ die Seiten umschlägt.

Im Vergleich dazu wirkt die Lebensgeschichte der Prostituierten Laura Wunderl recht gegensätzlich.

Auf ca. 20 Seiten lässt der Erzähler die Wirtin und Ersatzmutter von Laura das kurze, aber signifikante Leben der jungen Frau erinnern. Dabei werden die Schritte zur Prostitution deutlich markiert: Verführung einer Minderjährigen; erste Liebeserfahrungen mit einem Nachbarsjungen, dem Sohn des Gendarmen; gezieltes Ausgehen mit dem Kirschenhut; schließlich Lauras unerfüllte Gebetshoffung, einen Mann zu bekommen, der sie „so lieb haben kann wie ich [ihn] lieb hab“. Der soziale Abstieg, beginnend mit dem Gefängnis über das Spital bis zur Aussicht aufs Arbeitshaus, führt letzten Endes für Laura in den sie vom grausamen Schicksal erlösenden Tod.

Ähnlich wie bei dem italienischen Renaissance-Dichter Francesco Petrarca steht der Name „Laura“ als Chiffre für ein poetisches Sujet; daneben ist er Sinnbild für eine real besungene unverwechselbare Figur. Als aktive Gegenfigur zum passiven Beobachter lässt Laura ihr „heiß Herz“ sprechen und überführt den Beobachtungsdrang des Erzählers der Hilflosigkeit und inneren Verzweiflung.

Hessels Laura Wunderl ist demnach, wie Dirk Heißerer richtig anmerkt, die „Metapher für die Muse einer Erkenntnis, die gerade im bayerischen Diminutiv des kleinen Wunders die literarische Grunddisposition Franz Hessels genau trifft.“ Mit Laura Wunderl wird Hessel zum Autor einer Welterfahrung, die er später variiert, aber nicht mehr grundlegend verändert.



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