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22.10.2010, 09:19 Uhr
Peter Czoik
Redaktionsblog

Josef Ruederers Roman „Das Erwachen“

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Porträt des Dichters Josef Ruederer von Lovis Corinth (1904)

Josef Ruederer wehrte sich zeitlebens gegen das auf ihn gemünzte Bild „vom kernigen Altbayern, vom Wald- und Kraftmenschen, der jodelnd durch die Welt zieht, mit Nagelschuhen auf den Boden tritt und jeden Sonntag drei Preußen auf dem Kraut verzehrt“[1]. Doch sein widersprüchliches Wesen gab oft Anlass zur Stereotypisierung, ein ländlich-bodenständiger Satiriker und Lebensdarsteller gewesen zu sein. Es hieße aber Ruederers Person unzureichend einschätzen, wollte man den ihm eigenen Gegensatz in bloße Gemütlichkeit auflösen.

Ruederer war ein Mentor der Münchner Moderne, der in literarischen Vereinen den schriftstellerischen Nachwuchs gleichzeitig fördern und ausstechen konnte. Er analysierte, wie Claudia Müller-Stratmann in der bislang einzig neueren Dissertation zu Josef Ruederer hervorhebt, „die gefährlichen Potentiale des Massenmediums Presse und nutzte gleichzeitig für sich diese Einsichten im Kampf um Einfluß und Position“. Er stellte zudem schon früh die „Funktionalisierung von Heimat im Rahmen der bayerischen Kultur- und Fremdenindustrie bloß“, wobei er sich nicht scheute, „Landidylle wie Fremdenhaß das Wort zu reden.“[2]

Das Erwachen (1915)

Dagegen fiel sein zur „großen wohlverdienten Satire auf das Königreich Bayern“ angelegter Roman Das Erwachen von 1915 ob seiner zuversichtlichen Tendenz eher wohlwollend in der Kritik aus, was Ruederer immerhin schöpferische Kraft für die Fortführung satirisch-gesellschaftskritischer Intentionen in seinen Dramen während des Ersten Weltkriegs gab. Auch wenn nur der erste Band vollendet wurde, es lassen sich die Grundzüge von Ruederers geplanter Romantetralogie aufzeigen. Im Mittelpunkt steht zunächst die eigene, in der Figur Peppi Luegecker verfremdete Kindheit bis in die 70er-Jahre des 19. Jahrhunderts, dann die väterliche Familie der Luegeckers und die mütterliche Linie der Gaigls auf ihrem Weg in die Verdienst versprechende, aufstrebende Stadt München.

Das thematische Hauptmotiv der Grundstücksspekulation, mehr mit nachsichtiger Schadenfreude denn gewohnt bissiger Satire behandelt, findet seinen Niederschlag bei den Gankoffens, denen das Land gehört und die es an die Luegeckers weiterverkaufen. Diese machen ihrerseits ein großes Geschäft damit, wohlwissend, dass die Verlegung des Hauptbahnhofs in diesen Bereich noch lukrativer sein wird.

In der Gaststätte „Schießstatt“, Treffpunkt der Münchner Haupt-Schützengesellschaft, spielt dann das sechste Kapitel. Bei einem Schützenfest zu Ehren des aus Griechenland zurückkehrenden Königs Ludwig I. diskutieren die Besucher die politische Lage Bayerns und seiner griechischen Zweigmonarchie.[3]

Nachdem der Leser Ludwig I. als politischen Regenten, kunstbeflissenen Monarchen sowie – zum Entsetzen der Konservativen – den Frauen verfallenden Mann erlebt hat, wohnt er der Entlassung des konservativen Kabinetts Abel, der Empörung über die Ludwig diskreditierende spanische Tänzerin Lola Montez sowie deren Exilierung im Jahre 1848 bei. Mit der Flucht Lolas aus München bricht der Roman noch vor dem Rücktritt Ludwigs schließlich ab.

Erzählerisch-historisches Können

Interessant ist der Roman in zweierlei, sowohl narratologischer als auch historischer Hinsicht. Ruederer erzählt vorrangig aus der Figurenperspektive des heranwachsenden Kindes Peppi Luegecker und anderer Figuren: Handwerker, Bürger, Beamte, Künstler, sogar König Ludwig I. Durch die geschickte Verbindung von Polyperspektivität und Schichtenspezifik werden politische Inhalte besonders eindrucksvoll dem Leser vorgestellt.[4] Diese Erzählweise geht wiederum mit Ruederers Vorliebe für knapp angedeutete Allusionen und Kennzeichnungen einher, wobei die Probleme ähnlich wie in seinen Satiren dieselben bleiben und nach genauer historischer Sachkenntnis verlangen. Auf der anderen Seite ergeben sich daraus hochbrisante kulturgeschichtliche Aspekte des bürgerlichen Zeitalters.

Häme und Bewunderung

Da wird z.B. der schrankenlose Absolutismus Max Emanuels (1679-1726), in dessen Zeitraum die von Ruederer behandelte Sendlinger Mordweihnacht fällt, einerseits als ungerecht empfunden, andererseits „habe man nicht zu mäkeln an dem, was von keinem Geringeren eingesetzt sei als von unserem Herrgott.“ Dass Ideen der Aufklärung und der späteren Französischen Revolution ohne Wirkung an der Münchner Bevölkerung vorübergingen, wird mit gewisser Häme bzw. Resignation festgestellt, wenn es von den Bürgern heißt, dass sie sich „lieber der Reihe nach die Köpfe herunterschlagen [hätten] lassen, den Rosenkranz in der Hand, das schwarze Büßerhemd am Leibe, die Haare mit Pech zur Höhe gestrichen, damit der Scharfrichter besser zuhauen konnte, als nur den Finger zu erheben gegen die mißliebige Regierung oder gar gegen den Kurfürsten“.

Allein die Vernachlässigung des öffentlich-politischen Engagements steht im Gegensatz zur späteren wirtschaftlichen und sozialen Konsolidierung des Bürgertums: für die Luegeckers und die Gaigls öffnet die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts das Tor „zu Gewinn, Expansion und Ansehen.“[5] Seine Sicht der bayerischen Mentalität lässt Ruederer schließlich in der Revolution von 1848 kulminieren. Er kritisiert das bürgerliche Desinteresse und bestätigt im selben Zuge die politische Passivität durch den ungebrochenen Erfolg des sozioökonomischen Aufstiegs des Bürgertums. Dieser wird zum ersten Mal in der literarischen wie gesellschaftlichen Entwicklung des Autors mit Respekt und leiser Bewunderung dem Aufstieg Münchens gleichgestellt.

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[1] Ruederer in: W[ilhelm]. Zils (Hg.): Geistiges und künstlerisches München in Selbstbiographien. München 1913, S. 307.

[2] Müller-Stratmann, Claudia (1994): Josef Ruederer (1861-1915). Leben und Werk eines Münchner Dichters der Jahrhundertwende. Frankfurt/M., S. 428.

[3] Seit 1821 erhoben sich die Griechen in einem Freiheitskampf, an dem sich ganz Europa beteiligte. Mit König Ludwig I. und dem klassischen Philologen Friedrich Thiersch stand Bayern an der Spitze des deutschen Philhellenismus. Weitere Informationen im Historischen Lexikon Bayerns.

[4] Vgl. dazu Müller-Stratmann, a.a.O., S. 410f.

[5] Ebda., S. 413.



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