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23.05.2014, 18:12 Uhr
Peter Czoik
Redaktionsblog

Aus der Paul-Heyse-Ausstellung [1]: Die Pocci-Karikaturen der Zwanglosen Gesellschaft

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„Archiv der Zwanglosen“, Bd. 5,1859-1862, ca. 47,9 x 33 cm, eingeklebte Texte und Karikaturen, hier Nr. 84-87 [BSB, Sign.: Cgm 8026(5]

Größere und kleinere Dichterbünde sind zu Lebzeiten des Schriftstellers Paul Heyse weit verbreitet. In Wien gibt es seit 1817 die „Ludlamshöhle“, in Berlin neben anderen Gruppen seit 1827 den „Tunnel über der Spree“, wo Heyse unter anderem die Autoren Theodor Fontane und Theodor Storm kennenlernt, mit denen er ein Leben lang befreundet ist.

Auch in München gibt es mehrere Vereinigungen zur Pflege geistigen Austausches in geselliger Atmosphäre. Am bedeutendsten ist bei Heyses Ankunft die 1837 gegründete „Gesellschaft der Zwanglosen“, die auch Nichtbayern unter den Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern Zutritt gewährt, unabhängig von Stand und Konfession, und die bis heute fortbesteht. Heyse ist dort Mitglied von 1855 bis 1874.

Die Gesellschaft pflegt vor allem Literatur, Kunst und Wissenschaft; ihre Mitglieder repräsentieren die „geistige Elite“ Münchens. Zu ihnen zählen unterschiedliche Größen wie der Brasilienforscher Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868), der Germanist und bayerische Sprachforscher Johann Andreas Schmeller (1785-1852), der Schriftsteller, Journalist und Theaterintendant Franz von Dingelstedt (1814-1881), der Chemiker Justus von Liebig (1803-1873) oder der Kulturhistoriker und Ethnologe Wilhelm Heinrich von Riehl (1823-1897).

In der zur Zeit in der Bayerischen Staatsbibliothek laufenden Ausstellung „Paul Heyse – Ein Liebling der Musen [1830-1914]“, die man noch bis zum 22. Juni 2014 besuchen kann, befasst sich ein Ausstellungsstück ganz besonders mit dieser Gesellschaft und ihren Mitgliedern. Es sind dies eingeklebte Texte und Karikaturen der „Zwanglosen“ des Malers und Dichters Franz Graf von Pocci, der seit 1830 als Zeremonienmeister am bayerischen Königshof wirkt.

Oben links (Nr. 84) z.B. erkennt man Ernst Förster (1800-1885). Der Sekretär der „Zwanglosen“, Historienmaler, Kunstschriftsteller und Dichter wirbt neue Mitglieder – 1855 auch Paul Heyse, der aber den literarischen Bestrebungen der Gesellschaft eher skeptisch gegenübersteht. Hinter Förster hängt ein Porträt Friedrich Schillers. Die „Zwanglose Gesellschaft“, die zum großen Teil aus einer Generation von zwischen 1850 und 1860 geborenen Männern besteht, vertritt sowohl pro- als auch anti-naturalistische Richtungen und beruft sich dabei auf Vorbilder der deutschen Klassik (Goethe, Schiller) oder auf die Toleranzidee der Aufklärung (Lessing).

Die zweite Reihe (Nr. 85) hat als Aufschrift „Götterdämmerung! dann: Diner auf Menterschweig 1. Juni 1861“. Links schwebt auf Zehenspitzen Ernst Förster als nackter Hermes, rechts steht der Schriftsteller Friedrich Beck (1806-1888) als Orpheus mit Leier, dahinter der Mineraloge Franz von Kobell als Dionysos mit Weinfass und Kelch.

In der dritten Reihe (Nr. 86) ist Paul Heyse links als Apoll mit Leier zu sehen; hinter ihm eine Bücherkiste mit seinen Dramen Elisabeth Charlotte (1864), Meleager (1854) und den Sabinerinnen (1859). Rechts neben den drei Grazien befinden sich der Schriftsteller und Jurist Ludwig Steub als Pan und der Karikaturist Pocci selbst mit blauen Schuhen.

Unten (Nr. 87) wiederum ist der Philosoph und Historiker Moritz Carrière (1817-1895), seit 1853 Professor an der Münchner Universität, mit einer seiner Hauptschriften Ästhetik (1859) abgebildet. Am rechten seitlichen Bildrand läuft der Schriftsteller und Slawist Friedrich von Bodenstedt (1819-1892) als Ares mit Speer und Schild.

Neben diesen Bildern gibt es in der Ausstellung aber auch eine Reproduktion einer aquarellierten Bleistiftzeichnung aus dem Protokollbuch der „Zwanglosen Gesellschaft“ zu bewundern: Auf hohem Denkmalsockel steht dort Paul Heyse inmitten von eigenen von eigenen Werken zwischen dem preußischen Adler mit einer Pickelhaube und dem bayerischen Löwen mit einem Kreuz auf dem Kopf. Deutlich erkennbar sind dabei sein Band Novellen, eine Einzelausgabe der (Ar)Rabbiata (1853) sowie die Dramen Elisabeth Charlotte (1864) und Colberg (1868).


Externe Links:

Interview zur Ausstellung mit Ingrid Rückert und Walter Hettche

Digitalisate zur Ausstellung „Paul Heyse – Ein Liebling der Musen (1830-1914)“


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