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10.10.2010, 14:29 Uhr
Peter Czoik
Redaktionsblog

„Wie ein Riesenungeheuer mit vorsintflutlichem Durst“. Bernhard Kellermanns Bestseller „Der Tunnel“

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Deutsche Erstausgabe von "Der Tunnel" aus dem Jahre 1913.

Er gilt als erster deutscher Bestseller des 20. Jahrhunderts: Bernhard Kellermanns Science-Fiction-Roman Der Tunnel von 1913. Mit einer Auflage von 100.000 verkauften Exemplaren bereits im Erscheinungsjahr errang der Roman eine ungeheure Popularität, die Karl Kraus in der Dezember-Ausgabe seiner Zeitschrift Die Fackel mit den Worten kommentierte: „Einer der Preise, die nicht vergeben zu werden pflegen, gebührt dem Mann oder auch der Frau, die Kellermanns Tunnel nicht gelesen haben.“ Damit ist auch schon die Ambivalenz umrissen, die Kellermanns Roman insgesamt auszeichnet.

Der Ingenieur Allan, Erfinder des stahlähnlichen Werkstoffs Allanit, verpflichtet sich, im Auftrag des amerikanischen Industriemagnaten C. H. Lloyd und des Atlantik-Tunnel-Syndikats innerhalb von 15 Jahren einen submarinen, Amerika und Europa verbindenden Tunnel zu bauen. Ganze Armeen von Arbeitern gehen an fünf verschiedenen Stellen der Erde ans Werk und treiben den Tunnel voran, bis im siebten Baujahr eine furchtbare Explosion auf der amerikanischen Seite der Arbeit ein Ende setzt. Die Arbeiter flüchten, halb wahnsinnig vor Angst, zerstören den Tunnel, zertreten sich in ihrer Panik gegenseitig und steinigen schließlich hasserfüllt die Familie des Ingenieurs Allan. Die Panik greift auch auf die anderen Baustellen über, an denen die Arbeit eingestellt wird. Streiks, Arbeitslosigkeit auf der ganzen Welt und wirtschaftlicher Bankrott des Syndikats sind die Folgen. Allan zieht sich in die Einsamkeit zurück; doch dann richtet sich der Gebrochene noch einmal auf, um seinen Lebenstraum zu verwirklichen: Mit Lloyds Kapital und dem Vermögen seiner zweiten Frau, der Tochter des alten Lloyd, vollendet er den Tunnelbau in der Gesamtbauzeit von 26 Jahren, und Europa kann den ersten transkontinentalen Zug mit seinen ersten Passagieren Lloyd und Allan begrüßen. (Zit. nach Kindlers Literaturlexikon)

Die auch heute noch packende, leicht verständliche und einprägsame Sprache verbindet präzise geführte Handlungsstränge; eine an die Form der Collage orientierte Erzähltechnik – kontrastierende Szenen erzeugen einen dramatisch schwungvollen Bildablauf – umfasst ein vielgestaltiges Handlungsspektrum aus Magnaten, Ingenieuren, Spekulanten, Kleinaktionären und Arbeitern. Visionär ist Kellermann bei der Einschätzung der technischen Medien, die jedes Geschehen als Sensation verkaufen: von den Printmedien bis hin zu Funk und den Wochenschauen. Der Roman besticht vor allem durch die atmosphärische Dichte und Suggestionskraft von Massenszenen und Katastrophen, wie der Stollenkatastrophe, dem Arbeiteraufstand oder dem Großbrand des Syndikat-Gebäudes in Manhattan.

Wer von Kellermann allerdings eine Beurteilung des von ihm geschilderten Tunnel-Projektes und der damit einhergehenden sozialen Rahmenbedingungen einfordert, wird enttäuscht: die Lebensschicksale erscheinen lediglich als Funktionen des gesellschaftlichen Getriebes und Wandels, während die Moral als Konvention aufgezeigt wird, die steht und fällt, sobald sich die Grundlagen ändern. Der Adressat ist denn auch der moderne Massenmensch, die Arbeiter- und Angestelltenkultur.

Bei der Beschreibung der Technik stößt der Leser unweigerlich auf präzise Sachkenntnis, aber auch auf mythische Überhöhung. Neben dem „wie ein Riesenungeheuer mit vorsintflutlichem Durst“[1] beschriebenen Tunnel wird die von Mac Allan geschaffene Riesenbohrmaschine zum Bildzeichen einer dämonischen, alles verschlingenden Dynamik:

Von Allan ersonnen bis auf die kleinste Einzelheit, glich sie einem ungeheuren, gepanzerten Tintenfisch, Kabel und Elektromotoren als Eingeweide, nackte Menschenleiber im Schädel, einen Schwanz von Drähten und Kabeln hinter sich nachschleifend. Von einer Energie, die der von zwei Schnellzugslokomotiven entsprach, angetrieben, kroch er vorwärts, betastete mit seinen Fühlern, Tastern, Lefzen des vielgespaltenen Maules den Berg, während er helles Licht aus den Kiefern spie. Bebend in urtierischem Zorn, hin und herschwankend vor Wollust des Zerstörens, fraß er sich heulend und donnernd bis an den Kopf hinein ins Gestein. [...] Seine Fühler und Lefzen waren Bohrer und Kronen aus Allanit, hohl mit Wasser gekühlt, und was er durch die hohlen Bohrer in die Löcher spie, war Sprengstoff.[2]

Die Dynamik ist es denn auch, die dem Tunnel eine bittere Zukunft beschert: nach 26 Jahren Bauzeit wird der er zwar vollendet, aber während dieser Zeit sind die Dampfer schneller geworden und Luftschiffe überqueren den Atlantik. Die technischen Vorteile hat der Tunnel damit eingebüßt. Letzten Endes kann man hier – den vorangegangenen Ausführungen zum Trotz – eine von Kellermann bewusst ins Feld geführte Technik- und Gesellschaftskritik erblicken:

Längst ist es nicht mehr Ziel, den Tunnel fertig zu stellen, sondern die Massen zu beschäftigen. Der ganze Plan ist nur noch von psychologischen Elementen abhängig. Hier setzt die Kellermann'sche Gesellschaftskritik ein. Wozu sind die vielen Arbeiter noch gut, wenn das Projekt beendet ist? Was geschieht mit dem Tunnel, der bei Fertigstellung renovierungsbedürftig ist? Was wird mit Fabriken, Transportunternehmen und anderem, wenn die Tunnelbauer nichts mehr benötigen?[3]

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[1] Bernhard Kellermann: Der Tunnel. Roman. Frankfurt/M. 1980, S. 114.

[2] Ebda., S. 129. 

[3] So Erik Schreiber in einer Besprechung bei www.fictionfantasy.de.



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