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01.10.2010, 12:35 Uhr
Peter Czoik
Redaktionsblog

Phantastische Gratwanderungen. Die Romane der Fabienne Pakleppa

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In ihren Romanen entwirft Fabienne Pakleppa oftmals phantastisch-pessimistische Zukunftsvisionen vor dem Hintergrund heutiger gesellschaftlicher Umbrüche. Neben der Zivilisationskritik sind Manipulierbarkeit und Erotik, derer sie sich mit Humor und scharfsichtiger Beobachtungsgabe annähert, ihre bevorzugten Themen. Dabei setzt sie auf bewährte Stilmittel, wie Übertreibung, Verzerrung und Zuspitzung. Immer wieder klingen die Romane versöhnlich aus: der letzte Schrecken wird durch ein Happy-End teilweise abgeschwächt. So in Pakleppas zweitem Roman Die Aufsässigen, wo die Liebe als eine die Missstände überwindende schöpferische Kraft beschrieben wird.

Die Himmelsjäger (1993)

In Pakleppas erstem Roman Die Himmelsjäger treffen drei Menschen in einem wissenschaftlichen Experiment zusammen. Anna, Vertreterin der modernen Single-Gesellschaft und Probandin, will erfahren, was geschieht, wenn sie die lineare Zeitachse verlässt und nicht mehr den Gesetzen der Kausalität unterworfen ist. Der Leiter Professor Roden möchte seine Theorie, dass das Wissen des Universums in der kleinsten Einheit bzw. in jedem Menschen enthalten sei, durch ebendieses Experiment untermauern. Sein Assistent, der Ich-Erzähler Christoph Bergmann, wiederum will die Theorie des Wissenschaftlers widerlegen und wird zu dessen Gegenspieler.

Anna scheint für den Versuch des Professors, der sie in Hypnose versetzt, wie gemacht zu sein: „Sie schläft gern ein, schon immer. Sie mag das Gefühl, die Knoten des Bewußtseins zu lösen, wie man lange Zöpfe öffnet und auskämmt und Stück für Stück den Tag, die Realität losläßt.“ Als ihr Bewusstsein allerdings auf eine Reise ins Weltall geschickt wird, kehrt sie nicht mehr zurück: ihr Körper bleibt auf der Erde liegen, während ihr Geist in kosmische, nicht mehr zu verfolgende Sphären entrückt ist.

Annas Wahrnehmungen werden durch Bergmann wiedergegeben. Doch auch er, der sich ihr zunehmend näher fühlt und sich in sie verliebt, erliegt dem Bann fremder Welten, wie er umgekehrt den Gesetzen der Sprache noch ausgesetzt ist:

Ich bin aus der Zeitlinearität ausgestiegen, ich habe eine andere Dimension betreten, in der Anfang und Ende nichts bedeuten.

Die Sprache ist es, was mir immer noch im Weg steht, diese absurde Linearität der Sprache, die meine Gedanken in Zeit und Raum zurückdrängt. Ich muss aus ihren Strukturen ausbrechen, ich will etwas anderes sagen.

Als Anna schließlich aufwacht, findet Bergmann Aufzeichnungen von dem, was Anna auf ihrer Reise erkennen wird: „Es gibt keinen Tod“. Und: „Wir sind eins, immer und ewig.“

Die Aufsässigen (1995)

Der zweite Roman von Fabienne Pakleppa, Die Aufsässigen, handelt von der Pervertierung der Macht sowie der Gesellschaft, die vor den alltäglichen Zwängen kapituliert: „Es gab immer mehr Sachen, die wir normal fanden, obwohl sie es im Grunde überhaupt nicht waren.“ In einem fiktiven Brief im ersten Teil des Romans schreibt die Ich-Erzählerin Judith Hellmann ihren Kindern von den immer unerträglicher werdenden klimatischen Verhältnissen in der Stadt und den Lügen, die von offizieller Seite aus verbreitet werden. Judith gelingt es, an einen Ort in der Wildnis zu fliehen und so einen Neuanfang zu wagen.

Im zweiten Teil des Romans wechselt die Perspektive und der Ich-Erzähler Norman tritt auf. Norman lebt zusammen mit Judiths ältester Tochter Myriam in einem von außen abgeschirmten, streng bewachten Erziehungsheim. Ähnlich wie Judith gelingt auch ihnen während eines Aufstandes die Flucht in die Wildnis als Konstrukt einer offenbar besseren Welt.

Die Birke (1999)

Die Birke, Pakleppas dritter Roman, spart derlei optimistische Aufbrüche dagegen aus. Aus der Perspektive einer Wachkoma-Patientin wird die schmerzlich-genaue Beschreibung der Vorgänge innerhalb und außerhalb des Körpers vollzogen. „Mithilfe einer verknappten Sprache, die sich manchmal bis aufs Fragmentarische reduziert, wird die beklemmende Situation einer Frau beschworen, für die es keinen Ausweg aus ihrem unsichtbaren Gefängnis gibt.“ (Gunna Wendt)



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