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12.05.2014, 12:23 Uhr
Frank Piontek
Logen-Blog
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [408]: Die Zensur, die Kunst, die Liebe

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Was ist Jean Paul die Münchner Freiheit wert?

Er fühlt sich nicht wirklich wohl in der Landeshauptstadt, eine Rippenprellung sorgt zusätzlich für Gebresten. Auch spürt er das Oben und Unten, wenn er nicht zur königlichen Tafel geladen wird, wo er seine brillanten Gedanken herauslassen könnte – und Montgelas empfängt ihn nur einmal; beim zweiten Mal lässt er sich verleugnen. Jean Pauls Gedankenfreiheit war ihm wohl einfach zu anstrengend.

Kraft und Freiheit des Denkens sind die Sonnenstrahlen des Staats, hatte Jean Paul einige Jahre zuvor geschrieben. Es wurde hier in Zusammenhang mit einem bedeutenden bayerischen Politiker zitiert, über den er am 17. Juni 1820 am Karoline schreibt: Zentner komme vielleicht an Thürheims Stelle (und beim Vielleicht sollte es auch bleiben. 1823 wird der Herr von Zentner allerdings vom Mitarbeiter des Innenministeriums zum Justizminister aufsteigen).

Jean Paul schrieb, gegen die Zensur, ein Freiheitsbüchlein, doch schon Die unsichtbare Loge ist ein Freiheitsroman. Um dies zu begreifen, muss man nicht einmal Stellen wie Folgende lesen:

Bei Ihnen hat man das Schicksal, zu verlieren – aber meinem Vogel können Sie die Freiheit nicht nehmen.

Schon im Vorredner sagt uns der Autor in aller Deutlichkeit, wie er es mit der Welt und der Freiheit hält:

Unter dem Aussteigen strömte vor meinem Gesicht eine ätherische Morgenluft vorüber; sie drückte mich nicht mit dem schwülen West eines Trauerfächers, sondern hob mich mit dem Wehen einer Freiheitfahne .... Wahrhaftig ich wollte unter einem Luftschiffe ganz andre Epopöen und unter einer Täucherglocke ganz andre Feudalrechte schreiben, als die Welt gegenwärtig hat ....

Ich frage mich, wie unter den Feudalrechten des Scheerauer Hofs die freie Liebe von Beata und Gustav erblühen soll: eine Liebe, die uns der Dichter als die unschuldigste, ja: als die paradiesischste und himmlischste imaginiert – so wie der Bildhauer, der am Adam-und-Eva-Haus in der Ainmillerstraße die beiden Urliebenden jugendstilhaft verewigt hat.

Vielleicht sollten Gustav und Beata nach Schwabing ziehen, wo es – nicht allein in der Kunst – lustiger zu leben ist als im geistesöden und kunstfernen Scheerau. Dass sich Gustav vielleicht schneller, als er ahnt, in ein hübsches Model verschauen würde: das ist der Preis der Freiheit, vor der man – siehe Erich Fromm – keine Furcht haben sollte. Dass Beata darüber kreuzunglücklich werden würde: es ist nicht ausgemacht, wo der nächste Literat schon an die Tür der jungen Schönheit klopfen würde.

Wer dies für die Zynismen eines „erfahrenen“ Mannes hält, verkennt, dass diese Spekulationen nur in jener Freiheit des Denkens begründet liegen – die allerdings mit dem Idealismus jeanpaulscher Prägung nicht aufzurechnen sind. Der Aphorismusautor Jean Paul, der so gern über Mann und Frau gelästert hat, wird wissen, dass jede Medaille bekanntlich zwei Seiten hat – und im Zeichen von Adam und Eva muss ja nicht jede Entscheidung, die man (und frau) in Freiheit trifft, eine falsche sein.

Eben deshalb ist die Freiheit, die sich Gustav und Beata gegenüber den Unterdrückungsmechanismen einer bürgerlichen und adligen Gesellschaft gewähren, so ungeheuer wertvoll.

Damals wie heute ein Ort auch der literarischen Reflexion: die Münchner Freiheit, der prägnanteste Eingang zum Schwabing der Dichter und Maler, in dem Kunst und Leben ineinander verschmolzen – und wo mit dem Kosmiker-Kreis ein Dichter namens Stefan George saß, der eine bedeutende Jean-Paul-Sammlung herausgab.

Fotos: Frank Piontek, 26.4. 2014



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