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05.05.2014, 11:29 Uhr
Frank Piontek
Logen-Blog
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [404]: Geistliche Erlebnisse

Die Kirche und der Jahrmarkt – es ist auch diese Nähe, die die Auer Dult so bemerkenswert macht. Man hört sie bei Bruckner: in der Dritten Symphonie, wenn sich der Choral und die Polka überlagern. In Karl Valentins Jugenderinnerungen ist leider nicht von der Dult die Rede. In der Loge aber erinnert sich Ottomar, in der nächtlichen Kirche die Orgel spielend, an die Gleichzeitigkeit von Tod und Leben, geistlichem und weltlichem Leben, deren Beschreibung Jean Paul zum großen Ganzheitler unter den Dichtern macht. Wir haben das schon gelesen.

Das war die Orgel über mir. Ich ging zu ihr wie zu einer löschenden Quelle hinauf. Und als ich mit ihren großen Tönen die nächtliche Kirche und die tauben Toten erschütterte und als der alte Staub um mich flog, der auf ihren stummen Lippen bisher gelegen war: so zogen alle vergängliche Menschen, die ich geliebt hatte, nebst ihren vergänglichen Szenen vorüber.

Der Grimm über den Pfaffenunsinn erstickt den ästhetischen und empfindsamen Genuss, schrieb Jean Paul im Juni 1820 aus München.

Nicht immer ist es die Kirche, die für geistliche Erlebnisse sorgt.

Fotos: Frank Piontek, 25.4. 2014 (St. Johann Baptist in Haidhausen, St. Nikolai am Gasteig)



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