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01.07.2010, 16:45 Uhr
Katrin Schuster
Redaktionsblog
An dieser Stelle sollte eigentlich ein Bericht über die tschechisch-bayerische Literaturreise stehen, die das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg und das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren organisiert hatten. Doch dann wurde der Text länger und länger. Und nun hat er eben nicht nur eines, sondern mehrere Kapitel, die wir hier in loser Folge veröffentlichen.

Nach Prag und zurück: Kapitel I

Kapitel I. In dem Zahlen erklären sollen, wie einsam die Oberpfalz wirklich ist, und Grenzen, die einmal einen bestimmten Artikel trugen, ihrer Bedeutung hinterher trauern. Es wird am Rande viel geflüstert, und dennoch bleibt die Frage nach der mysteriös erhöhten Temperatur in Tschechien unbeantwortet.

Ich war damals gerade alt genug, dass ich zu verstehen glaubte, was es bedeutete, dass eine Demarkationslinie Europa von Nord nach Süd durchzog, an der sich zwei unvereinbare Welten mit gefährlich grimmigen Mienen gegenüber standen. Schon grammatikalisch war die Sache klar: Es gab bestimmt viele Mauern in Deutschland, aber im Grunde gab es nur die eine, die Mauer. Und es gab viele Grenzen an den Rändern Deutschlands, aber es gab vor allem die eine im Osten, die Grenze. Alle anderen, die ich als Grenzen kennen lernte, waren im Grunde keine. Da musste man nur seinen Pass vorzeigen und konnte dann unbehelligt weiter fahren, Richtung Wien, Rom oder Paris. Und genau das tat ich auch, weshalb ich weder die Grenze noch die Mauer je mit eigenen Augen gesehen habe. Ich kenne nur deren Reste, und das Tempo, in dem vor zwanzig Jahren eine politische Architektur zur Sehenswürdigkeit umfunktioniert wurde, überrascht mich manchmal noch heute.

Auch dass drei der sieben bayerischen Bezirke – Niederbayern, Oberfranken und die Oberpfalz – an den Osten grenzten, war mir damals, trotz wiederholten Familienurlaubs im Bayerischen Wald, schlichtweg nicht bewusst. Diese drei sind zugleich die bevölkerungsärmsten Bezirke in Bayern mit jeweils nicht viel mehr als einer Million Einwohner. Am einsamsten leben die Menschen, bedenkt man allein die Zahlen, in der Oberpfalz: Nur durchschnittlich etwa 110 Einwohner pro Quadratkilometer verzeichnet der Bezirk, der im Übrigen über den längsten Teil der bayerisch-tschechischen Grenze verfügt.

Franz Kafka im Jahr 1906

Wer sich diesem Rand nähert, der hört es zischen und hört es wispern: In vielen Stimmen ist das Wort „Böhmen“ zu vernehmen, mal klingt es melancholisch, mal nach stolz geschwellter Brust, mal nach Vielvölkerstaat, mal nach Blut- und Boden-Rhetorik. Die Tage der k.u.k.-Monarchie und der unabhängigen Tschechoslowakei sind unweigerlich vorbei, auch davon erzählt dieser Landstrich. Und doch ist die Zeit vor 1938 mehr als bloß Erinnerung: Sie ist Literatur, ist Kafka, ist Stifter, ist Rilke, um nur ein paar der Autoren zu nennen, denen die deutsche Sprache eine Selbstverständlichkeit war, obwohl sie jenseits der Grenze geboren wurden und lebten.

Auf diese und andere, auch heutigere Spuren des literarischen Austauschs zwischen Bayern und Tschechien begab sich eine Reise, die das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg (das sich neuerdings und eben nicht ohne Grund, sondern mit Recht „Literaturhaus Oberpfalz“ nennt) gemeinsam mit dem Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren initiiert hatte. Sie begann in Prag – nein, eigentlich begann sie natürlich schon vorher: Von meinem Wohnort München aus gibt es zwei Möglichkeiten, um nach Prag zu reisen. Entweder man fährt mit dem Zug nach Nürnberg und nimmt dort den Bus. Oder man setzt sich in München in den Regionalzug namens ALEX und steigt erst in Prag wieder daraus aus. Beides dauert ungewöhnlich lang dafür, dass nicht einmal 400 Kilometer zu überwinden sind. Ich habe mich jedenfalls für Letzteres entschieden, da man auf diesem Wege eben nicht nur die Autobahnen eines Landes und deren hässliche kommerzielle Borten zu Gesicht bekommt, sondern an den so gleichgültigen wie verletzlichen Rückseiten der teils bestimmt fürchterlich aufgehübschten Fassaden entlang zuckelt.

Die eine Stunde Verspätung, mit der wir in Prag ankamen, haben wir an der Grenze verloren, obwohl die eigentlich gar nicht mehr zu einer solchen taugt, denn unsere Pässe wollte niemand sehen. Ich weiß also nicht, warum wir dort hielten und auf was auch immer wir dort warteten. Fast schien es, als wollte der Bahnhof mit diesem bald unendlich scheinenden und doch von allen recht gleichmütig hingenommenen Halt an seine einstige Bedeutung als Schicksalsort erinnern. Zu sehen war davon tatsächlich nichts mehr. Zumindest nicht aus dem Fenster unseres Abteils. Nicht einmal Menschen habe ich auf dem Bahnsteig wahrnehmen können.

Nach diesem tiefen und langen Luftholen ging es schließlich weiter – und ich bemerkte als erstes, dass man jenseits der Grenze vor allem anders wohnt. Mag auch der Putz fehlen, mag auch das Mäuerchen längst erschöpft in sich zusammen gesackt sein, mag auch das Fensterglas gebrochen sein: Der kleine Swimmingpool im kleinen Garten sitzt stets frech als blitzeblanker türkisfarbener Fleck im dunklen Grün. Ist es in Tschechien wirklich so viel wärmer als bei uns? Tatsächlich fiel mir plötzlich auf, dass die Temperatur deutlich angezogen hatte, es richtiggehend heiß geworden war.

Auf dem Prager Hauptbahnhof empfing uns unsere Reiseführerin Lenka. Sie trug ein ärmelloses Shirt und kurze Hosen und lachte über uns in unseren Schals und Jacken.

Und nächste Woche lesen Sie an dieser Stelle: Wie ich in Prag beinahe vergeblich den Ausgang eines Parks suchte, wie ein Haus zu tanzen begann, eine Ost-West-Liebe zu verstummen drohte, eine Hintertür im Prager Goethe-Institut entdeckt wurde und ich ein Hotelzimmer ohne Steckdosen zu verstehen versuchte.



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