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Laudationes und Poetry-Slam-Filme der IBK-Förderpreisträger 2013 in der Sparte Slam Poetry

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Die IBK-Förderpreisträger 2013 von links nach rechts: Alexander Burkhard, Lara Stoll, Gabriel Vetter, Philipp Reichling, Renato Kaiser, Sophie Passmann und Hazel Brugger. Rechts daneben Ko Bylanzky (Moderation), Rayl Patzak (DJ), RDin Dr. Elisabeth Donoughue (Bayerisches Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst) und MR Michael Hinterdobler (Bayerische Staatskanzlei).

Laudatio von Suzanne Zahnd an Hazel Brugger (Kanton Zürich): Kein Zweifel, Hazel Brugger fällt es leicht, die Welt in der sie lebt, kühl zu analysieren, doch in ihrer Lakonik schwingt immer die Verletzlichkeit derer mit, die gegen den Strom der Selbstzufriedenen anschwimmen und nach echter Erfahrung hungern.

Hazel Bruggers Texte haben keinen klaren Anfangspunkt. Sie schleichen sich hinterrücks auf die Bühne, brechen dann oft die Spielregeln der Sparte, wechseln die Perspektive, schweifen ab. Sie sägen am Stuhlbein des Systems Slam, von dem die kritische Autorin natürlich selber Teil ist, und dessen Verwertbarkeit. Bei Hazel Brugger ist das mehr als ein anachronistischer Griff in die Mottenkiste der Popmethoden. Denn gerade weil sie sich als Kampfstern inszeniert, wird ihre Grantigkeit transparent und offenbart ein zartes Innenleben sowie einen scharfen Verstand. Die Kunstfigur Hazel Brugger wird so aus dem Munde der Autorin Hazel Brugger zur Platzhalterin einer Generation, die mindestens virtuell schon alles gesehen hat und die der endlosen Flut von Information überdrüssig geworden ist. So werden Hazel Bruggers scheinbar hingeworfenen Texte recht eigentlich zu präzisen und preziösen Zeitbildern.

  

Laudatio von Sven Kemmler an Alexander Burkhard (Freistaat Bayern): Alexander Burkhard ist Performance Poet und Storyteller, doch festzumachen, wo bei ihm das eine beginnt und das andere endet, ist wie in einer schwedischen Mittsommernacht Tag und Nacht zu unterscheiden. Ja, der künftige Skandinavist ist offen und offensichtlich Romantiker, doch ohne anhängige Hysterie oder manische Depression. Im Gestus leise, beinahe unterkühlt, hält er doch die Spannung und zieht das Publikum mit großen Ködern wie dem ‚Guten, Wahren und Schönen’ in seine Studentenwelt. Doch obwohl er sich dabei konsequent den Verlockungen der ironischen Brechung verweigert, strindbergt es textlich zwischen den emotionalen Hölderlinereien. Oder lebensweltlicher formuliert: er erinnert im Vortrag an nordische Skispringer. Junge, unbewegliche Gesichter, die mit einem Ausdruck formvollendeter Melancholia und ganz entgegen ihrer vermeintlichen Fragilität enorm weit fliegen. So bestünde denn auch die Möglichkeit, dass dieser Preis, als die vorsichtige Erfüllung einer seinen Texten innewohnenden romantischen Sehnsucht, eben diesen Vorschub leistet. Dass zwar meist der Stärkere gewinnt, aber zuweilen eben auch der Richtige.

  

Laudatio von Andreas Niedermann an Renato Kaiser (Kanton St. Gallen): Was sagt ein Rastafari wenn ihm das Gras ausgeht? Was ist denn das für eine Scheißmusik! Ja, immer mit einem Witz beginnen, das hält die Synapsen geschmeidig, ölt die Nervenbahnen und streichelt die Amygdala, aber wenn der Renato, der Kaiser, loslegt, dann könnte der Witz auch nur die Falle sein, in die er uns lockt, der Poeten-Kerl, und wie der Schwimmer, der sich zu weit hinaus gewagt hat, bemerkt der Zuhörer mit einem Mal die Strömung, die ihn ins offene Meer hinauszieht. Nun ist es zu spät. Und das ist gut so. Denn jetzt entfaltet Renato Kaiser sein Talentboot, setzt Segel, zeigt uns, was er am Wortruder draufhat und dann, weit draußen, ins Blau von Himmel und Meer getaucht, schenkt er uns ein. Er schont dabei weder sich noch uns und auch wer kein Wort versteht, weiß, dass es richtig gut ist, was er zu hören bekommt. Ja, Weises vielleicht oder mehr noch, Durchblickendes, denn Renato Kaiser hat diesen unverschämten Durchblick, dieser Dichter, mit seinen schlanken 27 Jahren. Wie soll das nur weitergehen, mit so einem? Gratulation! – und ... weiter im Text.

  

Laudatio von Prof. Dr. Hansgeorg Schmidt-Bergmann an Sophie Passmann (Land Baden-Württemberg): Sophie Passmann ist im wahrsten Sinne des Wortes mitreißend: Mit großer Gestik trägt sie perfekt metrisch getaktet ihre gleichermaßen trocken-humorigen wie feinsinnigen Texte vor und zieht den faszinierten Zuhörer scheinbar unmerklich in die Realität der Lebenswelt ihrer Generation. Ob sie die Protagonisten ihrer Geschichten durch Alltäglichkeiten und abwegige Gedankengänge schickt, sich selbstironisch mit der eigenen Persönlichkeit auseinandersetzt, schonungslos-komisch die Ungereimtheiten der Liebe reflektiert oder in ihren durchdachten Wortschöpfungen das Menschsein generell thematisiert – bei allem Wortwitz entwickelt sie trotz ihres noch jungen Alters Gedanken faszinierender Tiefe. Textvortrag und Performance sind optimal aufeinander abgestimmt und damit steht sie in bester ‚Slammertradition’. Von ihr wird noch viel zu erwarten sein.

  

Laudatio von Suzanne Zahnd an Philipp Reichling (Kanton Zürich): Philipp Reichling baut aus globalen Problemen, philosophischen Thesen und alltäglichen Beobachtungen kleine Geschichten, die mit großer Leichtigkeit und meist in klassischen Versmaßen daherkommen. Phibi Reichling reimt zwar zungenfertig und performt selbstsicher, jedoch mit einer gewissen Bescheidenheit, die wunderbar zum vordergründig Kleinformatigen seiner Geschichten passt. Philipp Reichlings Tiefsinn ist unaufdringlich und sein Wille zum Nachdenken wohl weniger als melancholisches Grübeln zu verstehen. Vielmehr als ein Nachdenken im Sinne eines Friedrich Heinrich Jacobi, der Tiefsinn eher als ein „Nachgrübeln über die Ewigkeit a parte ante“ verstand und ihn deshalb als „kindischen Tiefsinn“ bezeichnete. Was natürlich keineswegs bedeutet, dass diesem der Tiefgang fehlt. So gelingt es Philipp Reichling stets, einen Schritt zurück zu machen, und im Kleinen das Große, ‚The bigger Picture’, einzufangen.

  

Laudatio von Richi Küttel an Lara Stoll (Kanton Thurgau): Lara Stoll ist das Fräuleinwunder des Poetry Slam, ist die Brachialgewalt im Schafspelz, ist die Bühnenpräsenz und Überraschung in Person. Seit gut 7 Jahren unterwegs auf den Slambühnen in ganz Europa hat sie alles für sich eingenommen, was eingenommen werden kann und war fast immer die Erste dabei. Erste U20-Slam-Championesse der Schweiz, erste Schweizerin, die den deutschsprachigen U20-Wettbewerb gewann, erste Schweizermeisterin im Poetry Slam, erste Europameisterin im Poetry Slam, erste Schweizermeisterin im Team-Slam zusammen mit Martin Hügi. Sei es in ihren Texten oder in ihrem Lebenslauf: Wenn man glaubt, dass es nicht noch besser, noch wilder, noch verrückter werden kann, beweist Lara Stoll, dass es möglich ist und zwar einfach so, aus dem Effeff, aus Lust an der Sache, aus Freude und Spaß, und das ohne dabei abzuheben, ohne aufzuhören, sich und das Tun zu reflektieren. Und genau das sind die Qualitäten von Lara Stoll: Bodenhaftung, Begeisterung, Mut zum Verrückten und eine Kreativität, die sie stetig weiterentwickelt, um immer wieder zu überraschen und zu berühren.

  

Laudatio von Ralf Schlatter an Gabriel Vetter (Kanton Schaffhausen): Er wirkt unscheinbar, wie er vor dem Slam-Lokal steht. Ein bisschen bleich. Auf der Bühne beginnt er harmlos. Aber schon nach ein paar Zeilen, da kann er ihn nicht mehr im Zaum halten, den Wahnsinn. Wie ein Drache, der schon lange auf seine sechs Minuten Freigang wartet, kommt der Wahnsinn aus seinem Mund geschossen und packt das Publikum an der Gurgel, Flucht ist zwecklos, es ist schon lange zu spät. Er entwickelt sein Thema wie eine Tirade, das Tier brennt mit ihm durch, bis weit über den Abgrund hinaus. Wenn er zum Beispiel die Statuten der freiwilligen Feuerwehr in den Irrsinn treibt, dann kommt er einem vor wie eine von Frankenstein zusammengenähte Mischung von Klaus Kinski und Karl Valentin auf Speed. Es ist die Mischung aus grandios verspielter Sprache, höherem Nonsens und aus den Tiefen des Alltags gespiesenem Wahnsinn, die die Texte von Gabriel Vetter einzigartig und unverkennbar machen. Zusammen mit einer perfekt den Texten angepassten Performance. Der Drache verschwindet am Ende so schnell im Käfig, wie er gekommen ist, und da steht er dann wieder irgendwo rum und raucht eine Zigarette: Gabriel Vetter, diese Rampensau im Schafspelz.

  


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