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06.03.2013, 19:01 Uhr
Joachim Schultz
Panizza-Blog
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Oskar Panizza schuf mit der satirisch-grotesken Himmelstragödie "Das Liebeskonzil" (1894) den Anlass für einen der skandalösesten Blasphemieprozesse der deutschen Literaturgeschichte. Seit Oktober 2012 liest Joachim Schultz wöchentlich Werke von Oskar Panizza und begleitet ihn auf seinen Lebensstationen.

Panizza-Blog [22]: Panizza beschimpft die Münchner

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Ansicht der Münchner Frauenkirche. Im Hintergrund Nationaltheater, Rathaus, Heilig-Geist-Kirche, St. Peter. Fotografie 1898 (Bayerische Staatsbibliothek/Porträtsammlung)

Am 8. August 1896 wird Panizza aus der Haft entlassen. Er fährt nach München, Freunde holen ihn vom Bahnhof ab. Man versammelt sich in Panizzas Wohnung, um die Entlassung zu feiern. Doch wie soll es weitergehen? Man hat ihm ja früher schon empfohlen, in die Schweiz zu gehen. (Vgl. Panizza-Blog 18) Darüber unterhält er sich mit Freunden und Bekannten. Letztlich ist es wohl Ludwig Scharf (1864-1939), einer der 12 Scharfrichter, der ihn darin bestärkt, nach Zürich zu gehen, ja sogar die bayerische Staatsbürgerschaft aufzugeben. Am 26. Oktober 1896 wird er aus der bayerischen Staatsbürgerschaft entlassen. Zuvor muss er aber noch 5,92 Mark zahlen, die er den Behörden schuldig ist. Am 28. November beantragt er die Aufenthaltsgenehmigung für Zürich, die ihm am 17. Februar 1897 gegen eine Kaution von 1200 Mark erteilt wird, allerdings vorerst nur bis zum 31. Dezember. Im selben Jahr veröffentlicht er in Zürich als Broschüre einen Text, der in der Heimat wie eine Bombe einschlägt: Abschied von München. Ein Handschlag. Nun ja, Bombe, das ist vielleicht etwas übertrieben, denn es war damals, wie es heute ist: Für die Schriften und Aktivitäten der Literaten interessiert sich nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung, eine kleine Gruppe. Doch da wirkt Panizzas Handschlag zumindest wie ein Paukenschlag.

Diese gerade mal vierzehn Seiten umfassende Schrift beginnt ganz harmlos, wie ein Brief an Freunde: „Meine lieben Münchner! [...] Setzt Euch her zu mir! Wir wollen ein bisschen Konzil halten; ein süß-vertrauliches, liebes Konzil.“ Panizza hat diese Schrift in der Schweiz unter dem eigenen Namen veröffentlicht, doch spätestens jetzt weiß jeder, der sich für Literatur interessiert, wer der Autor ist: ‚ein liebes Konzil‘... Nun folgt eine Suada von Beschimpfungen, die sich gewaschen hat. Generaltenor: Er wirft den Münchnern ihre „geistige Versumpfung“ vor. Die Münchner Bevölkerung bestehe ja nur aus Bierbrauern und Metzgern bzw. aus Biertrinkern und Fleischfressern. „Wehe, wer Euch [den Münchnern] zumutet, Gedanken zu verdauen! Ihr zerhackt und zermetzgert ihn in der entsetzlichsten Weise.“ „Feindselig schlosset Ihr Euch immer ab gegen alles, was Geist bedeutete. Es war Eure einzige Feindschaft, diese aber unerbittlich.“ Und nun geht Panizza die Geschichte durch und schildert, wie die Münchner immer wieder gegen den Geist und seine Vertreter vorgegangen sind. Und (wie immer bei Panizza) wütet er auch gegen den Katholizismus, gegen seinen Heiligen- und Marienkult. Die Seele der Münchner sei aus der „römischen Kloake“ gespeist worden. ‚Katholisch sein heißt so viel wie dumm sein.‘ Auch wenn er alles andere als ein Wagnerianer ist: Hier muss Wagner herhalten als einer, der von den Münchnern vertrieben wurde. „Seine verminderten Septakkorde waren Euch viel zu sächsisch, sein Profil zu protestantisch, seine Stirn viel zu keck und frei“. Er lässt auch die Münchner zu Wort kommen: Sie hätten sich gebessert. Doch er hält gleich dagegen: „Ihr habt von Büchner und Voltaire gerade so viel gelesen, dass Ihr zu der Erkenntnis gekommen seid: direkt ausrotten, verbrennen oder in der Isar ersäufen kann man heute die Protestanten nicht mehr wie in den Jahren 1519-1521.“

Wieder spricht Panizza nicht von seinem eigenen Schicksal. Aber mit den folgenden Sätzen meint er natürlich auch sich selbst: „Und so habt Ihr jede freie geistige Bewegung bei Euch erstickt. Kommt eine neue Literatur, eine Literatur, die, wie in jüngster Zeit, auf die feinsten Fühlfäden in der menschlichen Natur spekuliert, trampelt Ihr mit Euren derben, bairischen, eisenbeschlagenen Gebirgsschuhen auf ihr herum. Kommt ein neues Theater und bittet Euch um das feinste Lauschen Eurer Seele, reißt Ihr die Mäuler auf und speit Gift und Galle auf das, was, wie Ihr wohl wisst, hundertfach über Euch und Euren trübäugigen Katholizismus erhaben ist.“ Panizza kennt in seinen Beschimpfungen kein Maß und Ziel. Und das soll sich in den nächsten Jahren noch steigern... (Alle Zitate aus einem Nachdruck der Schrift in: Oskar Panizza: Die kriminelle Psychose, genannt Psychopathia Criminalis... München: Verlag Matthes & Seitz 1985, S. 225-238.)

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