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Leseprobe aus Bernd Späths neuem Roman "Drei grundanständige Damen"

In eigener Sache:

Verschiedene erzürnte Leser und auch ein bedeutendes Tagesmedium in Fürstenfeldbruck haben die literarischen Darstellungen des dort geborenen Autors durchaus wohlwollend als „erstunken und erlogen“ bezeichnet. Dem kann, gerade seitens des Autors, nur eindringlich zugestimmt werden. Personen und Charaktere wie die auch in diesem Roman dargestellten sind gerade in einer Kleinstadt wie Fürstenfeldbruck völlig undenkbar. Die Bevölkerung von Fürstenfeldbruck ist zum weit überwiegenden Teil soziologisch und klinisch unauffällig. – Sollte beim Studium dieses Werkes dennoch bei einzelnen Lesern ein abweichender Eindruck entstehen, so kann dies nur auf ein furchtbares Missverständnis zurückzuführen sein. Missverständnisse über die Große Kreisstadt Fürstenfeldbruck allerdings liegen keinesfalls in der Absicht des Autors.

 

Für Katharina F.
In mehr als nur Dankbarkeit.


1.

Über ein gewisses Haarbüschel, einen Ständer und einen damit in keiner Weise zusammenhängenden Todesfall.

 

„Mir haben ja quasi“, sagte der Onkel Ade zornig, „mir haben ja quasi bis letztes Jahr praktisch noch einen Verkehr g’habt!“ Seine Züge verfinsterten sich vor Ärger. „Aber jetzt, vastehst“, kopfschüttelnd blickte er an sich hinab, „jetzt mit dem Scheißkrebs, da probier amal, obs d’ noch was z’sammbringst, vastehst!“
„Mhm“ sagte ich mitfühlend.
„Haben s’mir diese saudumme Spritzen geben z’gegens den saudummen Krebs und, zack, nix mehr is. Gar nix mehr! I sag ja, einem Arzt wenns d’ in die Händ’ fallst ... nur Scheiße, vastehst! Nur Scheiße!“

„Ja mei“, grübelte ich, „vielleicht ...“

„Ja was? sag i ...!“ Er haute mit der Faust auf die Sessellehne und blickte wütend in meinem Wohnzimmer umher. „Ja was, sag i zu dene’: Zu was bräuchert ich nachert mit meine einundachtz’g Jahr die Spritzen, ha? Nachert lasst’s ihn halt wachsen, den depperten Krebs, Hauptsach’ mei’ Prostata funktioniert noch, oder?!“ Er wandte sich mit zornblitzenden Augen an mich. „Jetzt funktionieren’s all’zwei nimmer: der Krebs nimmer und mei’ Prostata nimmer! Solcherne Rindviecher, vastehst! Hauen die mir die Spritzen eini! – – Wär’ ich jetzt achtafuchz’g Jahr mit der Fanni verheirat’ und auf einmal lasserten s’mich jetzt nicht mehr!“

Tante Fanni kam lächelnd herein. Ich wusste nicht, ob sie etwas von unserer Unterhaltung mitbekommen hatte. Eine Frau in den hohen Siebzigern, hatte sie einen Schlaganfall und eine nachfolgende Lungenentzündung gut hinter sich gebracht. Ihre faltigen Züge strahlten jene Altersgüte aus, die Menschen mit einer dicht beschriebenen Lebensplatte bisweilen erreichen, aber auch schon als junge Frau war sie wunderbar freundlich und warmherzig zu mir gewesen, obwohl ich genau genommen gar nicht richtig verwandt mit ihr war. Denn sie war nur eine Cousine meiner Stiefmutter Traudi, aber sie hatte es mich niemals spüren lassen.

Das war nicht selbstverständlich: Traudis und Fannis Cousin Martin aus Forst bei Wessobrunn war an den Folgen einer Kriegsverletzung gestorben, als sein Sohn Damerl noch in den Windeln lag. Martins Witwe Beate, eine herzliche und hübsche junge Frau, war von unserer Verwandtschaft von Anfang an brüsk abgelehnt worden, da sie „ein einzig’s Glasl Marmelad’!“ mit in die Ehe gebracht und dafür in ein gut gehendes Schreinereigeschäft mit einer schönen Länderei außen herum hineingeheiratet hatte.

So zu unerwartetem Wohlstand gekommen, war sie schlagartig eine gute Partie geworden, die schon bald wieder einen mittellosen Handwerker heiratete und ganz dreist einen zweiten Sohn in die Welt setzte. Ärger und Missgunst waren beträchtlich, umso mehr, als die Eingeheiratete auch noch glücklich wirkte.

Einmal jährlich fuhren wir mit Papas seifenblauem DKW-Kastenwagen nach Forst: Traudi, Papa, ich, Traudis Mutter Rosa Topfmacher und deren Gatte Friedrich, ein pensionierter Postobersekretär, dem sie vor Jahren den Schließmuskel entfernt hatten. Es war eine Art verwandtschaftlicher Pflichtroutine, trug aber auch versteckt den Charakter einer Inspektionsfahrt, denn eigentlich war es ja „unser Sach’“, auf dem die Fremden hochzufrieden wohnten. Für den kleinen Damerl packte Oma Topfmacher sorgfältig einige kleine Geschenke ein, schließlich war man verwandt. Für den zweiten Sohn, den kleinen Hubert, gab es hingegen nix. „Der geht uns nix an! Mit dem haben mir gar nix!“ – Nichtsdestoweniger stieg die Aufregung im Wagen, je mehr wir uns dem kleinen Weiler Forst im Süden des Ammersees näherten. Die Begrüßungen verliefen stets überschäumend herzlich: Die Weiber kreischten. Die Männer schüttelten sich heftig die Hände und gaben hölzern gebellte Lacher von sich.

Der kleine Hubert stellte sich stets abseits und blickte gefasst ins Nirgendwo, wenn Oma Topfmacher dem Damerl unsere Geschenke überreichte, ihn mit frommen Wünschen segnete und ihm am Ende noch ein Fünfmarkstück in die Finger drückte. Es gab Kaffee, Sandkuchen und Sippengespräche. Wir drei Buben, die wir uns gut verstanden, tobten auf einem unbereiften alten Herrenfahrrad über die große Wiese vor dem Anwesen, dass der frisch ausgebrachte Dung in die Höhe stob.

Nach gut zwei Stunden fuhren wir wieder ab. Auf der Rückfahrt wurde die Familiengeschichte, die zum „Verlust“ des Anwesens aus dem Sippenverband geführt hatte, ausgiebig durchgekaut.

„Hat sich schon arg ‘neing’setzt in unser Sach’“, sagte Oma Topfmacher bitter, „ma’ fahrt halt nauf z’wegens dem Buben, z’wegens der Verwandtschaft. Z’wegens ihr würd i ja weiß Gott net kommen, und er mit seinem Bankert, der geht uns schon gar nix an!“

Das Familienschmuckstück Damerl wurde später Alkoholiker. Der unserem genetischen Pool nicht zugehörige Hubert gründete eine Familie und war ganz erfolgreich.

Beim Wühlen in alten Schubladen nach Traudis Tod vor zwanzig Jahren hatte ich eine frühe Porträt-Aufnahme gefunden, die Traudi und Fanni zeigte: zwei geile Luder Mitte zwanzig. Kühles, kalkulierendes Selbstbewusstsein im Gesicht, wohl wissend um die eigene Ausstrahlung. Die Mannsbilder mussten reihenweise an ihnen verglüht sein. Die Aufnahme datierte von 1946 und trug die Aufschrift „Foto-Kropfhammer“, damals das erste Foto-Geschäft in Fürstenfeldbruck, gleich auf der Hauptstraße. Fanni erzählte, sie sei vor dem Geschäft gestanden, als 1945 der NSdAPKreisleiter Emmer drunten am Marktplatz eine junge Bäuerin aus dem Nachbardorf Aich an den Pranger stellen ließ, weil sie einem Franzosen in einer vorbeimarschierenden Gruppe von Zwangsarbeitern ein paar Zigaretten geschenkt hatte. Der Überglückliche hatte sie in den Arm genommen und geküsst. Die SS führte ihn sofort ab. Die Bäuerin verbrachte eine einsame Nacht in der Haftzelle des Brucker Rathauses, keine hundertfünfzig Meter vom Foto-Kropfhammer entfernt. Am nächsten Morgen musste der Kommunalbeamte Michi Obendank einen Stuhl und einen Strick besorgen. Sie zwangen die junge Frau vor dem Rathaus auf den Stuhl, fesselten sie mit dem Strick und hängten ihr ein grosses Schild um: „Ich bin aus Aich und ein Franzosenmenscherl!“ – Wohl gemerkt: Der Mensch war ein Angehöriger der menschlichen Rasse – das Mensch war im Bayerischen lediglich eine Weibsperson.

Der Friseur Toni Plinganser wurde auf Weisung des NS-Kreisleiters aus seinem Laden gegenüber vom Foto-Kropfhammer geholt, stellte sich in seinem weißen Haarschneiderkittel feixend hinter die Unglückliche und schor ihr unter dem Gejohle der Parteigänger den Schädel kahl. Direkt neben dem Kriegerdenkmal, wo sich heute der chromblitzende Eingang der Sparkasse befindet. Die Frau saß still und unter Tränen. Als die Prozedur endlich vorbei war, „da hat’s a paar Tag später einen Abgang g’habt. Sowas kannst dir leicht vorstellen, dass de Frau nach dem ganzen Trara ihr Kind nimmer im Bauch b’halt!“

Traudi hatte es nicht ganz so schwer mit ihren Liebschaften. Sie hatte sich nach dem Kriegsende einen Bauernsohn aus Hoflach angelacht, der alle paar Tage brav in ihrem Elternhaus auftauchte und ihnen Brot, Eier, Butter, Speck und Milch mitbrachte. „Drüber lassen hat’s ihn trotzdem nicht, des Luder!“, hatte Fanni mir mit Augurenlächeln erzählt. „Aber warm g’halten hat’s ihn immer, bis die Zeit wieder besser worden is ... War schon a rechter Depp!“ – – – Traudi war frisch verwitwet, kurz vor Kriegsende hatte der Amerikaner ihren ersten Mann noch in der Eifel erwischt. Und der Überlebenskampf war hart damals und rechtfertigte alle Mittel.

Als mein Vater sie 1954 geheiratet hatte, gerade ein Jahr, nachdem er von meiner Mutter geschieden wurde, da kam die dunkelhaarige Tante Fanni gleich mit in mein kleines Leben. Denn praktischerweise wohnte sie im Haus gegenüber von unserer Bäckerei, und da sie und der Ade ebenfalls einen kleinen Sohn hatten, passte alles gut zusammen. Schon nach kurzer Zeit war sie eine meiner beiden Lieblingstanten: Es ging etwas wunderbar Unkompliziertes von ihr aus, was man als Kind sofort dankbar verspürte. – Sie nahm einen ernst, ohne permanent herablassende Belehrungen zu bellen. Das war eine Seltenheit damals, und ich schloss sie so tief in mein kleines Herz, dass es über all die Jahrzehnte andauern sollte.

Fanni war eine recht attraktive, wohlproportionierte Frau in den Mittdreißigern mit einer sehr warmen und herzlichen Ausstrahlung. Als ich fünf war, nahm sie mich zusammen mit ihrem Sohn Heini zu einem einwöchigen Urlaub auf einen Bauernhof in der Nähe von Miesbach, während Ade weiter in München arbeiten ging. Am ersten Abend lagen Heini und ich in dem gezimmerten Ehebett mit den aufgemalten Rosen- und Herzerlmotiven. Wir hatten die Köpfe auf das große weiße Federkopfkissen gelegt und unterhielten uns recht ernsthaft über die Pferdeherde des Bauern, die unten mit donnernden Hufen über den großen Hof stürmte, als Fanni sich einfach auszuziehen begann. Sie streifte den grauen Trachtenrock ab und zeigte ein Paar ziemlich wohlgeformter heller Oberschenkel. Ich redete einfach mit Heini weiter und bemühte mich zu tun, als bemerkte ich nichts. Fanni schälte sich aus ihrer weißen Leinenbluse. Dass sie wohlgeformte und angenehm weiche Brüste hatte, war mir schon öfter aufgefallen, wenn ich mit ihr herumschmuste. Einen schwarzen Büstenhalter allerdings sah ich zum ersten Mal in meinem Leben. Er war so geschnitten, dass ihre beiden weißen Brüste darin glänzten, als hätte jemand sie wie zwei Früchte von oben hinein gelegt. – Bisher kannte ich nur die BHs meiner Stiefmutter Traudi. Diese waren ausnahmslos fleischfarben und von billigster Qualität. Sie holte sich alle paar Monate ein – zwei Stück davon aus dem Wühlkorb mit den Billigangeboten beim Oberpollinger, wenn sie mit mir zum Einkaufen nach München fuhr, und sie sah entsprechend darin aus.

Fanni schälte ihre beiden wunderbaren Teile aus den Körbchen und verschob den BH an ihrem Körper, bis der rückwärtige Verschluss über ihrem Brustbein lag. Dann hakte sie ihn auf und legte das sündige schwarze Accessoire über die Lehne des Stuhls, der vor der Spiegelkommode gegenüber dem Bettende stand. Sie hatte große dunkle Warzen, die irgendwie feucht glänzten und breite schwarzbraune Höfe darum, die von kleinen glänzenden Wärzchen übersät waren. Ich wurde aufgeregt und zugleich verlegen und vertiefte mich umso zwanghafter in mein Gespräch mit Heini, während meine Augen zwischen ihm und Tante Fannis Brüsten hin und her sprangen, um nur ja nichts zu versäumen.

Fanni stand im rechten Winkel zu meiner Blickrichtung und war ganz vertieft. Sie strich mit einem Finger prüfend von oben über ihre linke Brust, bis sie an der festen Knospe angelangt war, dann verharrte sie einen Moment, als ob sie etwas überlegte. Mit zwei Fingern ihrer Rechten strich sie ihre Brust von unten her nach oben und verharrte erneut. Sie trug jetzt nur noch ihren glatten schwarzen Slip. Damals waren solche Teile noch ausladend geschnitten und hatten vorrangig die Aufgabe, alles Interessante zu verdecken, „damit d’Mannsbilder net auf Gedanken kommen.“ Fanni blickte konzentriert auf die Tür des nussbaumfarbenen Kleiderschranks, der an der linken Zimmerwand stand, während Heini mir mit lauter Stimme erklärte, dass Pferde unbedingt viel furzen mussten, weil sie sich nicht erbrechen konnten.

Dann zog sie ihren Slip bis zu den Schenkeln herunter und ich bekam augenblicklich einen Riesenständer. Sie hatte ein dichtes und wuscheliges schwarzbraunes Dreieck, das sich aus ihrer Scham herausreckte wie ein großes Moosbüschel. Darüber wölbte sich eine leichte Bauchfalte, die sie sich vermutlich bei Heinis Geburt zugelegt hatte. Heini quakte unsensibel weiter, während mein Ständer sich aus meiner Schlafanzughose zu schieben begann. Fanni ließ ihren Slip fallen und stieg aus ihm heraus, dann beugte sie sich vornüber, um ihn aufzuheben und strich ihn sorgsam über den BH auf der Stuhllehne. Sie legte zwei Finger in ihre linke Leiste und schob sie prüfend hin und her, während sie ihre Bewegungen aufmerksam verfolgte. – Irgendwie, so bekam ich ein Gefühl, waren Frauen ganz andere Wesen als wir. Sie besaßen ein geheimnisvolles Wissen und Forschen um ihren Körper, das uns Männern niemals zu Eigen sein würde.

Fanni strich langsam und mit großer Sorgfalt ihre Leiste entlang, und ich konnte an einer kurzen Bewegung ihrer Pobacken sehen, wie sie einmal zusammenzuckte. Ich zuckte mit. Mein Schwanz, dessen Vorhaut sich bis zur Schmerzgrenze nach hinten geschoben hatte, fühlte sich von seiner Spitze her seltsam kühl an, nachdem er sich aus dem Hosenschlitz geschoben hatte. Heini merkte nichts davon. Er war oft etwas trampelhaft, schob sich gerne mit seinem Wissen in den Vordergrund und merkte niemals, wann er einem mit seinem Gerede auf den Sack zu gehen begann. Ich hörte ihm unkonzentriert zu und sagte „Hm, hm ... hm“ und „Nein, wirklich?“, während mein kleiner Verstand sich zusehends eintrübte. Fanni schob den Stuhl vor der Spiegelkommode nach hinten und setzte den rechten Fuß darauf, während sie nunmehr ihren rechten Oberschenkel und dann die rechte Leiste abzusuchen begann.

„So ein Pferdl kriegt einmal im Jahr ein Heiss...“ faselte Heini unerbittlich. Vom Hof her ertönten derbe Kommandos einer Frauenstimme: Die Pferde wurden von der Magd zurückgetrieben in den Stall.

Als Fanni sich plötzlich frontal zu uns drehte, war mir, als würde ein Blitz in mich fahren, und es schüttelte mich regelrecht durch. Mit meiner Stiefmutter Traudi hatte ich seit jeher am Freitag gebadet, es besaß nichts Erotisches für mich. Aber Fanni war, von Traudi abgesehen, die erste Frau in meinem Leben, die ich im Naturzustand zu sehen bekam. Ich starrte sie aufgeregt an und versuchte gleichzeitig ruhig zu bleiben, um mir nichts anmerken zu lassen. Ihre Haut war hell und straff, ihre Taille schmal und ihr Becken stand sanft und ansprechend gerundet daraus hervor. Ihr Dreieck war wirklich erstaunlich dicht, und während Traudis Muschi auf mich immer fahl und glanzlos gewirkt hatte, zeigte Fannis dichte Behaarung einen feinen seidigen Schimmer, und die Anmut ihres Bewuchses verstärkte sich noch dadurch, dass er in kleinen Strähnen aufwärts wuchs, so wie kleine leckende Zungen, und dass das schwarze Polster sich zu seinen scharf abgegrenzten Rändern hin ins Rötlich-Braune verfärbte, was ihm eine erregende Lebhaftigkeit verlieh.

Fanni blickte konzentriert auf unser Bett, sah jedoch durch uns hindurch. „He, was is?!“, rempelte Heini mich, während mein Ständer mich zu schmerzen begann und ich zusehends das Gefühl bekam, dass mein Schwanz sich nach oben durchbog.

Sie tat zwei Schritte auf uns zu und ergriff das weiße Flanellnachthemd, das sie über das dick gebauschte Federbett gebreitet hatte, hob es hoch – und hing es über die Bettkante am Fußende. Ich zog tief die Luft ein. „Jetzt haben’s die Pferdl in den Stall ... zurück getan ...“, murmelte ich zerstreut.

Fanni hatte sich mit dem Gesicht zur Spiegelkommode gewandt, stand davor und besah sich. Ich besah mir ihren wunderbaren Arsch, und da sie mit leicht geöffneten Schenkeln vor dem Spiegel stand, schoben sich einige Haarsträhnen zwischen ihren Beinen hindurch und blinkten mich herausfordernd an. Manchmal frage ich mich, ob meine Schwäche für gut gebaute Frauenärsche von jenem Abend herstammt. Jedenfalls hob sie die Hände zu ihrem Hinterkopf und tupfte ihr Haar zurecht. Dann legte sie ihre rechte Hand in ihre ebenfalls dicht bewaldete Achselhöhle und blickte mit vollendeter Anmut hinein. Genau so prüfte sie anschließend ihre rechte Achsel. – Mit jeder Bewegung ihrer Arme bewegte sich auch ihr Gesäß. Je nachdem wie sie die Arme führte, hoben sich beide ihrer appetitlichen Pohälften, senkten sich, verschoben sich leicht gegeneinander oder öffneten sich kurz, um dann mit ein – zwei schwingenden Bewegungen in ihre Ausgangslage zurückzufinden. Ich begann mich schwelgerisch zu fühlen. Obwohl ich noch nicht wusste, was man als Mann mit einer Frau genau zu tun hatte, geilte mich der Anblick enorm auf und vermittelte mir das wohltuende Gefühl einer, wenn auch – wie der alte Freud sagt – unorganisierten kindlichen Sexualität.

Heini schien meinen verklärten Gesichtsausdruck zu bemerken, und es schien ihm zu stinken. „Ja, was is jetzt?!“, rempelte er mich an. Ich krampfte die Hand in seinen Unterarm und nickte zu seiner Mutter hin, die mit den Fingerkuppen gerade ihre Schlüsselbeinregion abtastete. „Ja und?“, sagte er gereizt und viel zu laut, „sag mal, spinnst du? So was is doch völlig normal, oder?!“ Für Heini war, wie ich immer wieder herausfinden sollte, vieles viel normaler im Leben als für mich, denn beide seiner Eltern waren weltoffene, lebenszugewandte Menschen, die ihr Kind mit Information zu erziehen versuchten und nicht mit dem Drill und den unendlich vielfältigen und unendlich sinnlosen Verboten ihrer Generation.

Fanni wandte sich halb um und griff sich ihr Nachthemd. Als sie hinein geschlüpft war, trat sie zu mir ans Bett und gab mir einen Gutenachtkuss. Ich versank fast in der Erde vor Verlegenheit und hoffte inbrünstig, sie würde nicht noch einmal meine Zudecke hochheben, um mich richtig hineinzupacken. Stattdessen streichelte sie mir mit ihrer warmen Hand mütterlich über die Wange und sagte liebevoll: „Schlaf gut, mein Bub, ’s wird sicher ein wunderschöner Urlaub mit uns Dreien.“

Sie ging um das Bett herum auf die andere Seite, krabbelte zu ihrem Sohn unter die Decke, nahm ihn in die Arme und begann ihn liebevoll zu herzen. Es waren Gesten, die ich von zu Hause her eher weniger kannte, und ich war halb enttäuscht und halb erleichtert, dass ich es nicht sein durfte, der nun in ihren Armen lag, den Duft ihres Körpers einatmete und vielleicht beim Einschlafen einen kleinen Fuß unschuldig zwischen ihre Schenkel schieben würde.

Der Urlaub wurde tatsächlich zu einem der schönsten Erlebnisse meiner Kindheit. Fanni war eine begeisterte Wanderin, und sie führte mich in die geheimnisvollen Tiefen des Bergwaldes ein, in die eisige Kälte eines kristallklaren Gebirgsbaches, den ich stöhnend und zeternd durchwaten musste und in das ganz spezielle Licht einer sonnendurchfluteten Waldlichtung, dort, wo der Wald eben noch am dunkelsten gewesen war. – Es sind Erinnerungen einer tiefen Harmonie zwischen drei Menschen, aber auch zwischen den Menschen und der Natur. Erstmalig in meinem Leben sah ich ein hölzernes Butterfass, neben dem eine alte Bäuerin auf der Bank vor ihrem Hof saß und dessen Kurbel sie mit dem unendlichen Gleichmut der Landleute drehte. Ich genoss den Geschmack frischer, leicht gesalzener Bauernbutter auf selbst gebackenem Brot, das man von riesigen Laiben schnitt, mit frisch geschnittenem Schnittlauch darauf. Ich erfuhr die Gemeinschaft zwischen Bauersleuten und Gesinde, wenn wir abends an dem rohen Holztisch vor unserem Hof saßen und einander erzählten. Die Magd Afra ließ dann die Pferde aus dem Stall. Bald schon tobten zwei Dutzend wilder, wiehernder Rotfüchse und ein junger Rappe über den sandigen Hof wie ein Schwarm losgelassener Teufel. Einmal überquerte ich unbedacht vor der heranstürmenden Pferdemeute den Hof, auch weil ich der Frau, die mich in so einen fremdartigen Rausch versetzt hatte, imponieren wollte. Die wiehernde Rotte war schon so nahe, dass ich um ein Haar unter ihren Hufen geendet hätte. Mit der flinken Unbeschwertheit des Kindes sprang ich im letzten Moment aus ihrem Weg, während hinter mir hundert ausgelassene Hufe den Staub emporjagten. Fanni schrie entsetzt auf und riss mich in ihre Arme, und ich fühlte mich wie ein kleiner Cowboy, der in der Gefahr bestanden hatte und nun in den Armen einer Frau Geborgenheit fand. Als ich die drei festen Klapse auf meinem Hintern spürte, wusste ich, dass es immer noch einen Unterschied gab zwischen der kindlichen Wirklichkeit und den billigen Westernfilmen, die wir samstagnachmittags in verschneitem Schwarzweiß im Mozartkino bestaunten.

Ein, zweimal holte Simmerl, der alte Bauer mit seinem verschmitzt hängenden Schnauzbart und dem dicken Goldring im linken Ohr, seine Zither, gesellte sich zu uns und spielte. Für mich war das Glück vollkommen. Es war eine der wenigen Phasen, in denen ich mein Kindsein unbeschwert genoss. Es war ganz anders als die Kämpfe, Streitereien und
Gehässigkeiten in meinem Zuhause, und Fanni in ihrer ruhigen Souveränität war der Gegenpol zu Traudis zickigen und hysterischen Ausbrüchen, vor denen man niemals sicher war.

Fanni allerdings hatte nach dem ersten Abend aufgehört sich auszuziehen. Sie ging zur Bettzeit kurz aus dem Zimmer und kehrte dann in ihrem weißen Flanellnachthemd zurück. – Ich kann nicht einmal sagen, dass es mich enttäuschte. Nach den hitzigen Träumen der ersten Nacht kehrte ich darüber wieder in meinen tiefen, unbeschwerten Kinderschlaf zurück, den ich mir mit den Wanderungen des Tages ehrlich verdient hatte, und der mich wohlig übermannte, sobald ich mich unter die dick gebauschte Zudecke mit den von den Bauersleuten selbst gerupften Gänsefedern schob. Ich rechne es ihr heute noch an, dass sie mit ihrem feinen Gespür die Glut vernahm, die ihr Anblick in mir aufgebaut hatte, und dass sie mir weitere Röstungen ersparte.

„Was habt’s denn, ihr zwei?“, strahlte Fanni liebevoll, und Ade murmelte grantig: „Ah, nix!“ Und nach einer kurzen Pause brummelte er: „G’lump, vastehst!“ Fanni sah ihn belustigt an, natürlich ahnte sie die Ursache seines Grants. Ob sie seinen Ausfall bedauerte, war ihr nicht anzumerken. – Ohnehin, dem Ade hatten sie einen Schrittmacher eingesetzt, aber gegen seine verkalkte Halsschlagader half auch der nicht. Manchmal tat es mir weh, ihn so zu sehen. Der braungebrannte Leichtathlet, der fast jeden Abend seine Kilometer gerannt war, und den im Alpenverein jeder bewundert hatte für seine Bergerfahrung und seine Zähigkeit. – Meine ganzen weiblichen Verwandten waren scharf auf ihn gewesen. Tante Karli, die nur ein paar Häuser weiter gewohnt hatte, hatte ihn eines Sommernachmittags angegraben, als er in seinem Holzschuppen stand und Schwartlinge hackte.

Holzschuppen waren damals ein normaler Bestandteil jedes Gartens: In ihnen stapelte man das gehackte Feuerholz, und auf einem Gestell unter dem Dach hingen alle Arten von Brettern, die man ja ständig für irgendwelche Reparaturen im Haus benötigte. In der Regel stand vor dem wandhohen Stapel von Scheiten ein vernarbter Hackstock, in dessen Mitte ein Handbeil steckte und neben dem ein schwerer handgeflochtener Weidenkorb lag, der möglichst ein Leben lang für den Holztransport zwischen Schuppen und Wohnung halten musste. Die Schwartlinge brachte der Klockzin mit seinem Pferdefuhrwerk. Wir belustigten uns alle daran, dass er mit seinem langen schmalen Gesicht und den großen gelben Zähnen seinen zwei Braunen recht ähnlich sah, aber er war ein angenehmer Mann, dessen Zufriedenheit mit sich und der Welt täglich von seinem Kutschbock herabstrahlte. Wenn man Schwartlinge bei ihm bestellte, dann fuhr er mit seinem Gespann zum Klostersägewerk, das neben dem Klostergut Fürstenfeld an einem Nebenarm der Amper lag. Mein Opa Sepp Früchtl hatte früher dort gearbeitet und seinen rechten Zeige- und Mittelfinger dort gelassen. „Ratsch hat’s g’macht, und schon sind’s hint’re g’flogen ...!“ Sie schoben dicke Stämme in die riesige Gittersäge und zerteilten sie zu Brettern, und was über blieb, waren die Schwartlinge, die als Abfallprodukt billig waren und gut brannten. Da sie unter ihrer Rindenschwarte harzdurchtränkt waren, verbreitete sich schnell ein würziger Geruch im Raum, wenn man winters um den Ofen saß und vielleicht noch ein paar Bratäpfel auf die Ofenplatte legte.

Jedenfalls, die Schwartlinge mussten in ofengerechte Stücke zerteilt werden. Das war nicht sehr schwierig, man konnte sie mit dem Beil durchhauen. Manche legten auch mehrere Schwartlinge übereinander auf den hölzernen Sägebock und schnitten sie mit der Zimmermannssäge zurecht. Da eine normale Lieferung allerdings aus zwei oder drei Ster Schwartlingen bestand, wurde die Zubereitung von Brennholz schon bald zu einer verfluchten Plackerei. Deshalb ließen viele einfach den Triebl kommen.

Der Triebl fuhr das skurrilste Gefährt, dem ich überhaupt in meinem Leben begegnet bin: Man erkannte es schon von weitem an dem rhythmisch stampfenden Tack-tack-tack-tack-tack, mit dem der langhubige Kolbenmotor sich bemerkbar machte. Dann kam etwas herangezockelt, was man beim ersten verwirrten Blick für eine gerade explodierende Dampfmaschine hielt. Beim zweiten Blick neigte man eher der Ansicht zu, ein besonders kleiner Straßenbahnwaggon, von dem die Außenverkleidung abgefallen sei, habe sich in München selbständig gemacht, am Fürstenfeldbrucker Bahnhof eigenmächtig die Geleise verlassen und rolle nun auch noch gegen alle Gesetze der Nachkriegsphysik das „Anlagenbergerl“ hinauf, wo die Landsberger Straße ihren Anfang nahm.

Das stimmte aber auch nicht, denn am vorderen Ende dieses draisinenartigen Wundergefährts saß der Triebl mit einem dunkelbraunen Lederschurz und festen Stiefeln an einem schwarzen Lenkrad, zeigte wie stets sein verkniffenes Flüchtlingsgesicht unter dem grünen Jägerhut, grüßte weder links noch rechts beim Fahren und stieß beim Reden mit der Zunge an, sobald er das Fahrzeug angehalten hatte. Das taten überhaupt viele von denen, den Flüchtling erkennst du quasi sofort an seiner Aussprach’.

Egal welches Wetter herrschte, der Triebl hockte auf seinem zersessenen schwarzen Fahrersitz an seinem schwarzen Lenkrad und wurde vom Fahrtwind ungeschützt durchgepustet, denn der einzige Schutz am ganzen Fahrzeug war das geschwungene Blechdach hoch über ihm, an dessen beiden Längsseiten er handgemalte Firmenschilder geschraubt hatte. Das war völlig überflüssig, denn im Umkreis von hundert Kilometern gab es keinen wie ihn, und selbst die Blinden, die Taubstummen und die Depperten in der Stadt wussten jederzeit über ihn Bescheid.

Hinter dem Triebl seinem Kopf hing drohend ein riesiges rotes Schwungrad mit einem Exzenter, der das Hackl antrieb. Das Hackl war ein mächtiges stählernes Beil, das, sobald man es einmal in Betrieb gesetzt hatte, unentwegt gefährlich auf und ab hüpfte. Man brauchte bloß ein Bündel Holzscheite auf die stählerne Arbeitsplatte zu schieben und es flink drunter zu halten, dann brauchte man nur noch aufzupassen, dass man die Pratzen nicht dazwischen kriegte, und das Hackl fuhr von oben immer wieder hinein und zerteilte auf wunderbare Weise alles, was ihm unterkam – selbst dicke Stämme. Wie gesagt, auch Pratzen, wenn man beispielsweise unaufmerksam zur Seite guckte, weil einen ein besonders hartnäckiger Zuschauer fragte: „Is jetzt des a Zweitakter, ha?“

 

Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des IL-Verlags. Originalausgabe 2013. Copyright © 2013 by Bernd Späth. Copyright © 2013 by IL-Verlag (ILV), Basel


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