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10.04.2018, 19:26 Uhr
Renée Rauchalles
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© Folker Schellenberg

Über die Kinder- und Jugendbuchautorin Mirjam Pressler

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Mirjam Pressler im Literaturhaus München © Juliana Krohn

Spiegel bayerischer Literatur und Kultur, fundiert und unterhaltsam, Essays, Prosatexte und Gedichte von prominenten und unbekannten Autoren: Das ist die Zeitschrift Literatur in Bayern, die im Allitera Verlag erscheint. Seit über 30 Jahren informiert sie über das literarische Geschehen des Freistaats. Der folgende Beitrag von Renée Rauchalles ist der Kinder- und Jugendbuchautorin Mirjam Pressler gewidmet, die 2017 mit dem Münchner Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Die Auszeichnung erhielt sie für ihr Gesamtwerk, das „Brücken zwischen den Generationen und Kulturen, zwischen uns und unserer Geschichte“ baut.

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„Ich weiß nicht, was aus meinem Leben ohne Bücher geworden wäre. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, Bücher können die Welt verändern, aber für den einzelnen Menschen kann ein bestimmtes Buch eine wichtige, Welt bewegende Bedeutung erlangen“, so Mirjam Pressler. Ihre eigene Lebensgeschichte ist der beste Beweis.

Noch vor der Drucklegung ihres ersten Jugendromans Bitterschokolade (400.000 verkaufte Exemplare), in dem es um ein essgestörtes Mädchen geht, erhielt die in Darmstadt geborene Autorin 1980 den mit 10.000 DM dotierten Oldenburger Jugendbuchpreis, wodurch sie mit ihrem damaligen Job, der nur für die Miete reichte, bald aufhören und sich ganz dem Schreiben widmen konnte. Das brachte ihr bis heute (ihr Werk umfasst mehr als dreißig selbstgeschriebene und weit über 400 ins Deutsche übersetzte Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-Bücher aus dem Englischen, Hebräischen, Niederländischen, Flämischen sowie Africaans) zahlreiche Preise ein, unter anderem 1998 den Friedrich-Bödecker-Preis für ihr schriftstellerisches Gesamtwerk und das Bundesverdienstkreuz I. Klasse, 2001 die Carl-Zuckmayer-Medaille für Verdienste um die deutsche Sprache, 2004 den Deutschen Bücherpreis für das literarische Lebenswerk, 2015 den Internationalen Literaturpreis für ihre Übersetzung des Romans Judas von Amos Oz aus dem Hebräischen, und am 20. Juni 2017 den mit 10.000 Euro dotierten Münchner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk.

„Mirjam Pressler baut Brücken zwischen den Generationen und Kulturen, zwischen uns und unserer Geschichte“, so die Jury. Bürgermeister Josef Schmid hielt die Begrüßungsrede, die Publizistin Christine Knödler Hereine sehr berührende und umfassende Laudatio.

Wenige Monate später, am 17. Oktober, erhält diese außergewöhnliche Bestsellerautorin den Kulturpreis der Stadt Landshut, wo sie seit 2007 zusammen mit ihrem Lebensgefährten lebt. Begründung: „Mirjam Pressler setzt als Autorin und Übersetzerin wichtige Zeichen und Impulse für Toleranz und ein friedliches Miteinander der Völker, Religionen und auch Generationen.“

Damit ist fast alles gesagt, was eine der bedeutendsten und erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands zum Schreiben antreibt, obwohl sie keine Botschaft habe, wie sie bei der Preisverleihung in München sagte. Befragt, ob die Jugend heute andere Probleme hat, verneinte sie.

 

 

Mirjam Pressler im Literaturhaus München und in Landshut 2017 © Juliana Krohn / privat

 

Pressler begann erst mit 39 Jahren zu schreiben. Gelernt hatte sie es nie, aber unendlich viel gelesen, denn Bücher waren für sie überlebensnotwendig, boten ihr eine andere Wirklichkeit als die ihre. Sie halfen ihrer unglücklichen Kindheit zu entfliehen. Heimlich musste sie lesen, im Wald oder beim Holzhacken im Hinterhof (die Bücher standen dabei auf dem Sägebock), während sie als uneheliche Tochter einer jüdischen Mutter bei armen, nichtjüdischen, prügelnden und weiteren vier Enkelkinder großziehenden Pflegeeltern aufwuchs. Da wurde kaum gesprochen und Bücherlesen galt als Zeitverschwendung. Mit elf Jahren kam sie schließlich in ein Internat, das auch keine Erlösung brachte.

 

Zuflucht im Schreiben

Später konnte sie das Abitur machen, dann Malerei an der Akademie für Bildende Künste in Frankfurt studieren sowie Sprachen in München. Anschließend lebte und arbeitete sie ein Jahr in einem Kibbuz in Israel. Wieder zurück in München heiratete sie 1964 einen Israeli und brachte innerhalb von drei Jahren drei Töchter zur Welt. Die Ehe scheiterte. Wie nun überleben als alleinerziehende Mutter? Durch die Eröffnung eines Jeansladens in der Türkenstraße, 1970, zusammen mit einem Freund. 1979 war wieder Schluss, ihr wurde gekündigt.. Diese Katastrophe war aber nicht der Anfang vom Ende, sie führte zur eigentlichen Berufung. Durch die existenzielle Not entschied sich Mirjam Pressler für die Zuflucht im Schreiben. Und sie machte den Taxiführerschein für München. Wegen eines unverschuldeten Unfalls war gleich ihre erste Fahrt die letzte.

Sie arbeitete nun halbtags im Büro und – angeregt vor allem durch skandinavische Jugendbücher ihrer Kinder –, schrieb sie innerhalb von zwei Jahren fünf sozialkritische Kinder- und Jugendbücher. Schon 1981 konnte sie mit den drei Romanen Kratzer im Lack, Nun red doch endlich und Stolperschritte, 1982 mit Zeit am Stil und dem bewegenden, auch verfilmten und als Audio-CDs vorliegenden Roman Novemberkatzen  (ein kleines schwaches Mädchen erobert sich trotz aller ihr widerfahrenen Ungerechtigkeit seinen Platz in der Welt) ihren Erstlingserfolg fortsetzen. Letzterer zählt zu den „Einschnittsbüchern", wie die Autorin ihre wichtigsten Romane nennt, in denen sie schonungslos die Wirklichkeit zeigt. Oft fließen in ihre Werke biografische, manchmal auch autobiografische Elemente ein.

Aus der Sprachlosigkeit ihrer „beschädigten Kindheit“ – eine zentrale Thematik in vielen ihrer Bücher –, wurde „Sprachüberschüttung“, die bis heute anhält, auch in ihren zahlreichen Übersetzungen, durch die sich noch eine weitere Komponente ergab. Notgedrungen betätigt sie sich auch als Lektorin, wenn da steht, dass die Frösche im Winter quaken, obwohl sie das nur im Sommer tun, erzählte die sympathische und unprätentiös auftretende Autorin bei der Münchner Preisverleihung als amüsantes Beispiel. Sie übersetzt Weltliteratur, darunter die von Zeruya Shalev, Uri Orlev und Amos Oz. Ihre berühmteste Übersetzung ist die Kritische Ausgabe der Tagebücher der Anne Frank (1991 aus dem Niederländischen). 1992 schrieb sie die Biografie Ich sehne mich so: Die Lebensgeschichte der Anne Frank und 2009 „Grüße und Küsse an alle“. Die Geschichte der Familie von Anne Frank.

Presslers langjährige und intensive Beschäftigung mit diesem Thema veränderte sie in ihrem Jüdischsein, das immer mit Scham und Ablehnung besetzt war. Sie öffnete ihr eine neue Welt, machte sie freier durch das Annehmen und Akzeptieren ihrer jüdischen Identität und gab den Anstoß, jüdische Geschichten zu schreiben, die auch vertraut machen mit jüdischer Kultur. So entstanden spannende Romane wie Shylocks Tochter (ein Zeitgemälde jüdischen Lebens in Venedig), Malka Mai (eine authentische, ergreifende Fluchtgeschichte), Golem stiller Bruder (handelt von menschlicher Vermessenheit), Nathan und seine Kinder (ein Buch über die friedliche Koexistenz der drei Religionen), oder ihr Lieblingsroman Ein Buch für Hanna (das bewegende Schicksal eines jüdischen Mädchens im Zweiten Weltkrieg beruht auf einer wahren Begebenheit).

In 38 Jahren schuf Mirjam Pressler ein bemerkenswert umfangreiches, von literarischer Tiefe zeugendes Werk, das oft in mehreren Auflagen sowie als Audio-CDs erschien. Sie war auf vielen Lesungen zu hören, auch in Schulen. Der Titel ihres 1994 erschienenen Romans Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen, könnte ihr Lebensmotto sein. Es ist Glück, dass sie trotz schwerer Krankheit weiterarbeiten kann, denn Schreiben bedeutet Leben. Anfang 2018 erscheint ihr neuer Roman Ich bin Kitty. Aus dem Leben einer Katze, der (nicht nur) tierisches Vergnügen verspricht. Und natürlich arbeitet sie schon wieder am nächsten Roman, in dem es um die Gegenüberstellung von Erinnerung und Gegenwart geht.

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Renée Rauchalles ist Autorin, Künstlerin und Dozentin und lebt in ihrer Geburtsstadt München, wo sie Grafik, Malerei, Operngesang und Schauspiel studierte und u.a. am Residenztheater München tätig war. 17 Jahre stellte sie in ihrer ZEITfürKunst-GALERIE in selbstkonzipierten zahlreichen Lesungen vorwiegend Lyrikerinnen vor, die teilweise auch Eingang fanden in ihre Lyrik-Anthologie Mir träumte meine Mutter wieder – Autorinnen und Autoren über ihre Mütter. Sie veröffentlicht eigene Lyrik, Prosa, Essays sowie Sachliteratur. Ihr bildnerisches Werk ist regelmäßig in Ausstellungen zu sehen.


Externe Links:

Homepage von Mirjam Pressler

Website Literatur in Bayern

Zur Homepage der Autorin


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