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11.03.2018, 11:14 Uhr
Bernhard M. Baron
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Foto: Reinhold Willfurth.

Kleine bayerische Annäherung an Joseph von Eichendorff zu seinem 230. Geburtstag

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Joseph von Eichendorff, Stahlstich 1857 (Bayerische Staatsbibliothek/Porträtsammlung)

Gestern jährte sich der Geburtstag des auf Schloss Lubowitz bei Ratibor in Oberschlesien geborenen Joseph von Eichendorff (1788-1857), eines der bedeutendsten Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik, zum 230. Mal. Zu ihm, seiner Vita, seinem Werk und seiner Rezeption, gibt es zahlreiche bayerische Vernetzungen. Eine Hommage von Bernhard M. Baron auf den großen Dichter.

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Welcher bayerische Männerchor hat nicht die Lieder „O Täler weit, o Höhen, / o schöner, grüner Wald“, „In einem kühlen Grunde / da geht ein Mühlenrad“ oder „Wer hat dich, du schöner Wald, / Aufgebaut so hoch da droben?“ in seinem Repertoire? Kennen die Musikbegeisterten neben dem berühmten Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) aber auch „ihren“ Lyriker? Der spätromantische Oberpfälzer Komponist Max Reger (1873-1916) schien zumindest ein wahrer Fan von Joseph von Eichendorffs Texten zu sein. 1912 kreiert er mit Romantische Suite nach Gedichten von Eichendorff für großes Orchester op. 125 sein wohl populärstes Orchesterwerk. Darin verwendet er die Eichendorff-Gedichte „Nachtzauber“, „Elfe“ und „Adler“. Mit Zwei Gesänge für Bariton bzw. Alt, gemischtem Chor und Orchester op. 144 (darin op. 144a das Eichendorff-Gedicht „Der Einsiedler“) gelangt Max Reger 1915 zu einem letzten Höhepunkt in seinem neueren vokal-instrumentalen Schaffen.

„Bewundert und abgelehnt, geliebt und bespöttelt“ (Walter Neumann) wurde Eichendorff, in der NS-Zeit missbraucht und in der Nachkriegszeit besonders von der jüngeren Generation ungern beachtet. Da kam auch noch die Aussage von Hermann Kesten hinzu: „Von seiner Welt begriff er nichts. Er war unsozial wie ein Wilder...“ Aber Eichendorff dachte sehr wohl sozial und politisch. Nur sah er Politik als ein der Humanität verpflichtendes Handeln an, das sich an christlichen Grundsätzen – Eichendorff war praktizierender Katholik – zu orientieren habe. Um eine Renaissance seiner Dichtung bemühte sich ausgerechnet der „konkret“-Satiriker und gebürtige Oberpfälzer aus Amberg, Eckhard Henscheid, mit seinem Lesebuch von Eichendorff-Gedichten Joseph von Eichendorff. Aus der Heimat hinter den Blitzen rot (1999). Henscheid findet in seinem individuell ausgewählten Eichendorff-Band ganz unterschiedliche Zugangswege zu dem großen Romantiker. Wir sind eingeladen, uns ihm „vertrauensvoll anzuschließen“.

Der in Weiden als Pädagoge wirkende Franz Joachim Behnisch liebte an Eichendorff besonders die Naturpoesie. In russischer Kriegsgefangenschaft gestaltete er im Mai 1947 für seine Mithäftlinge den Abend „Aus dem Leben eines Taugenichts“. Wissenschaftlich widmete sich Behnisch später dem Thema „Eichendorff und das Biedermeier“. Literarisch verfuhr dagegen der in Regensburg lebende Gerhard Kukofka. Seine Gedichte und Prosa waren immer auch eine unterschwellige Eichendorff-Hommage, dem er 1953 sogar einen eigenen Vers widmet:

An Eichendorff

Laß uns mit Deinen Augen wieder
Die Welt als Gottes Wunder sehn

[...]

Bleib bei uns in diesen bittren Tagen
Ein Freund und unser guter Stern!
Wenn wir Dein Lied im Herzen tragen,
Ist uns das Morgenrot nicht fern.

Der aus Oberschlesien stammende Pädagoge und Schriftsteller Karl Schodrok (1890-1978), der den Beinamen „Jünger Eichendorffs“ trug, war von 1947 bis 1955 bayerischer Bezirksschulrat im Oberpfälzischen Neumarkt. Er begründete die „Eichendorff-Stiftung“ neu, die später nach Würzburg verlegt wurde. Als Adalbert Stifters Büste in die von König Ludwig I. begründete Ruhmeshalle Walhalla bei Regensburg einzog, schrieb Karl Schodrok im Magazin Aurora 1955: „Warum nicht Eichendorff?“ Die Aufnahme der Eichendorff-Büste (geschaffen von Prof. Richard Knecht) in die Walhalla erfolgte verhältnismäßig spät am 13. Oktober 1957, letztlich mit initiiert von einer Unterschriften-„Sammelaktion“ des Vorsitzenden der Landsmannschaft der Schlesier, Dr. Herbert Hupka.

Walhalla in Regensburg um 1900.

Als Eichendorff mit seinem Bruder Wilhelm zum Studium der Rechte nach Heidelberg reiste, erreichte er am 12. Mai 1807 auch die Donau- und Bischofsstadt Regensburg. Er notiert in sein Tagebuch: „Baiern ein fruchtbares u. durchaus herrlich bebautes Land. Auffallend schönes Vieh [...] Überall große Klöster u. Schlösser, die noch ein gewißes altes Gepräge tragen [...] um 12 Uhr in der Nacht in Regensburg angekommen, u. in 3 Helmen eingekehrt.“ Ausführlich besichtigt Eichendorff die gotische Stadt: „Es ist herzergreifend, wie diese alte berühmte Stadt jetzt durch die Auflösung des Reichstags öde u. leer ist; nur die Kirchen schauen, erhaben über die kleinlichen Jahre, [noch] einsam aus den alten kräftigen Zeiten der Herrlichkeit herüber.“

Am 18. Mai 1808 kommt er auf seiner Rückreise ins heimatliche oberschlesische Schloss Lubowitz nochmals nach Regensburg und macht Station: „Baron Eichendorff, aus Schlesien“ heißt es im Intelligenzblatt Regensburg. Aus finanziellen Gründen reist Eichendorff von Regensburg bis Wien mit einem Postschiff. Besonders das 1. Kapitel seines Jugendromans Ahnung und Gegenwart (1810 in Wien begonnen, 1815 von Friedrich de la Motte Fouqué herausgegeben) gibt die Stimmung dieser romantisch idealisierten Donaufahrt wieder. Das Donauschiff wird zum „Schiff der Argonauten“: „Und so fahre denn, frische Jugend! Glaube es nicht, daß es einmal anders wird auf Erden. Unsere freudigen Gedanken werden niemals alt und die Jugend ist ewig.“

Der spätere ruhelose Dichter aus der Heimat des Walds und des vertrauten Oder-Stroms, der auch im preußischen Staatsdienst in Danzig seine „Herzensheimat“ Wien nicht aufgab, hatte gleich zweimal die Oberpfalz gekreuzt. Es scheint (nach Dietmar Stutzer) darüber hinaus erwiesen zu sein, dass die Eichendorffs (Herkunftsname zum Ortsnamen Eichendorf an der Vils bei Landau) aus Niederbayern stammten und in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in der Mark Brandenburg Besitz nahmen. Von dort aus gelangte ein Zweig während des Dreißigjährigen Krieges in das damalige südliche Schlesien. Leider ist nicht ersichtlich, ob dies den Brüdern Eichendorff auf ihrer Reise durchs vor-heimatliche Niederbayern auch bekannt war. Vier Jahre vor seinem Tod 1853 wurde Joseph von Eichendorff schließlich vom bayerischen König Maximilian II. „in Anerkennung seiner hervorragenden Leistungen im Gebiete der Kunst zum Mitgliede Unseres Maximilian-Ordens für Wissenschaft und Kunst“ berufen.

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Der Eichendorff-Gedenkstein in Weiden. Foto: Walter Stabla.

Jahrelang (seit 2006) war Prof. Dr. Ursula Regener (Institut für Germanistik an der Universität Regensburg) Präsidentin der 1931 begründeten „Eichendorff-Gesellschaft e.V.“, die sich der Erforschung von Leben und Wirken Joseph von Eichendorffs sowie allgemein der Literatur, Kunst und Musik der klassisch-romantischen Zeit widmete. Die literarische Gesellschaft hatte zeitweise über 400 Mitglieder aus dem In- und Ausland. Eine japanische Zweigstelle bestand sogar in Tokyo. Alle zwei Jahre fanden internationale Kongresse zur Romantikforschung statt. Durch Beschluss der Mitgliederversammlung vom 9. Oktober 2010 löste sich die Eichendorff-Gesellschaft indessen auf, nachdem sich niemand bereit erklärt hatte, in der Vorstandschaft aktiv mitzuwirken oder die Präsidentschaft zu übernehmen. Die Homepage der Gesellschaft wird unter dem Namen Eichendorff-Forum an der Universität Regensburg fortgeführt.

Leider in negativer Erinnerung geblieben ist der Streit um die nicht erfolgte Namensgebung „Eichendorff-Gymnasium“ für das 1972 begründete und 1977 baulich errichtete Staatliche Gymnasium Neustadt a.d. Waldnaab auf dem Felixberg. Aber die nördliche Oberpfalz hat auch ein sichtbares Denkmal für den großen deutschen romantischen Dichter Joseph von Eichendorff gewonnen. Aus Anlass seines 200. Geburtstages wurde in der Konrad-Adenauer-Anlage in Weiden durch die Landsmannschaft der Oberschlesier – initiiert vom Landesvorsitzenden Rupert A. Baron – ein Eichendorff-Gedenkstein enthüllt. An der Feierstunde nahm auch der Oberpfälzer Regierungspräsident Karl Krampol (Regensburg) teil. Erstmals verlieh im anschließenden Festakt im historischen Alten Rathaus zu Weiden die Landesgruppe Bayern der Landsmannschaft die neugeschaffene „Eichendorff-Plakette“. Natürlich erinnert in Weiden wie in vielen anderen bayerischen Städten eine „Eichendorff-Straße“ ebenfalls an den Dichter.

„Das Eichendorffsche Liedergut ist längst in den Generationen verwachsen, als dass noch Urteile und Belege notwendig wären“, so Arno Lubos. Waldesrauschen, Nachtigallenschlagen, der Lautengesang, das Murmeln der Quellen, unter Stein und Blumen der Springbrunnen, ein stiller See, die fernen Lande, der weite Himmel, das Heimatschloss mit dem Garten, dem Mädchen auf den kühlen Gängen, der lockende Hornruf, die Einsamkeit am Fenster, in die ein Posthorn hinüber klingt, das Nahen der Wandersburschen, der Bewegung, die hinüberführt zu den Marmorbildern und Mondscheinpalästen, das Lösen der Stille von Wipfeln und Saaten zu dem Wiegen der Gedanken und dem Rauschen der Haine und dem Fliegen der Wolken bis zum Ausruf „Schön wie die Nacht!“, der uralte Mythos der Vermählung von Himmel und Erde, ihres träumenden Empfangens und Hingebens – es sind Bilder, die sich immer in anderer Variation wiederholen, aber doch nie vollends erschöpfen.


Sekundärliteratur:

Aurora. Eichendorff-Almanach (1953/55): Jahresgabe der Eichendorff-Stiftung. Neumarkt. Bd. 13, S. 76; Bd. 15, S. 99f. u. 104.

Baron, Bernhard M. (2011): Eichendorff in der Oberpfalz. In: Oberpfälzer Heimat 55, S. 103-116.

Ders. (2016): Der Eichendorff-Gedenkstein in Weiden i.d. OPf. In: Eichendorff-Hefte/Zeszyty Eichendorffa 53, S. 80-83.

Conrady, Karl Otto (1977): Das große deutsche Gedichtbuch. Kronberg/Ts., S. 382-390.  

Eichendorff, Joseph Freiherr von (1908/2006): Tagebücher. In: Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe [HKA], begr. von Kosch, Wilhelm; Sauer, August. Bd. XI weitergef. von Heiduk, Franz; Regener, Ursula. Regensburg, S. 191-193.

Ders. (1970): Werke. Bd. 2. München, S. 7ff.

Gajek, Bernhard (2014): Romantik in Regensburg. Achim von Arnim, Joseph von Eichendorff, Clemens Brentano. In: Barbey, Rainer (Hg.): Kleine Regensburger Literaturgeschichte. Regensburg, S. 204-216.

Heiduk, Franz (1988): Joseph von Eichendorff. Leben und Werk in Texten und Bildern (Insel-TB 1064). Frankfurt am Main.

Henscheid, Eckhard (1999): Joseph von Eichendorff. Aus der Heimat hinter den Blitzen rot. Ein Lesebuch mit Eichendorff-Gedichten. München.

Hermlin, Stephan (Hg.) (1976): Deutsches Lesebuch. Von Luther bis Liebknecht. Leipzig, S. 360-366.

Lubos, Arno (1960): Geschichte der Literatur Schlesiens. Bd. 1. München, S. 237-249.

Neumann, Walter (2017): Gärtner der Poesie. Joseph von Eichendorff zum 160. Todestag. In: Schlesischer Kulturspiegel 52 (Oktober – Dezember), S. 62.

Otto, Eberhard (1986): Max Reger. Von Weiden in die Welt [mit Werksverzeichnis]. Weiden i.d. OPf., S. 53 u. 64.

Schiwy, Günter (20072): Eichendorff. Der Dichter in seiner Zeit. Eine Biographie. München, S. 27.

Stein, Volkmar (2001): Joseph von Eichendorff. Ein Lebensbild. München.

Stutzer, Dietmar (1974): Die Güter der Herren von Eichendorff in Oberschlesien und Mähren (Aurora-Buchreihe, 1). Würzburg, S. 24ff.

Externe Links:

Ordens-Decret für Eichendorff von 1853

Eichendorff-Forum

Joseph von Eichendorff in der Marktgemeinde Eichendorf


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