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15.03.2018, 13:59 Uhr
Thomas Lang
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„Die Knarre“: Eine Kurzgeschichte von Thomas Lang

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Die Reihe So fremd wie wir Menschen setzt auf Lesungen und Diskussionen nicht nur mit Erwachsenen und Tonangebern, die ihre festen Meinungen oft schon haben, sondern mit Heranwachsenden, mit Schülerinnen und Schülern, die von dem Flüchtlingsthema mindestens ebenso betroffen sind und ganz eigene Erfahrungen und Blickwinkel darauf haben. Unterstützt vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst möchte die Schullesereihe mit Jugendlichen aus allen Schultypen Texte lesen, die aktuelle Situation diskutieren, über Hoffnungen und Ängste sprechen – und Anregungen zum eigenen kreativen Umgang damit bieten.

Der Münchner Schriftsteller und Ingeborg-Bachmann-Preisträger Thomas Lang war im Februar 2018 in der Erzbischöflichen Mädchenrealschule Heilig Blut in Erding zu Gast. Zur Einführung las er seine Kurzgeschichte Die Knarre aus der Anthologie Fremd. In der lebendigen und vielseitigen Diskussion ging es im Anschluss vor allem um eigene Erfahrungen der Schülerinnen mit dem Fremdsein und mit Geflüchteten.

*

Die Knarre

Wir hatten seit Tagen nichts geraucht, das Leben kam uns mies und verwanzt vor. Irgendwie konnte keiner von uns sich aufraffen, Shit zu besorgen. Unsere Quelle verbrachte den Winter ja in Jamaika oder so einer warmen Gegend. Das war schon bitter, ich meine, der Typ machte sich von unserer Kohle ein fettes Leben. Das fanden wir scheiße. Wehmütig dachte ich an den Sommer. Da hatte Port mir ein riesen Piece geschenkt als Gegenleistung für eine französische Ausgabe von seinem Lieblingsbuch, l’Etranger, die ich ihm direkt aus Lourmarin mitgebracht hatte. Wir standen alle drei auf Camus, Port mit Abstand am meisten. Französisch konnte er nicht.

Ich weiß noch, dass wir mbv hörten, die letzte Scheibe von denen war mindestens ein Jahr lang heiß. Port hockte auf seiner Matratze und drehte mechanisch aus den Deckeln alter Blättchenpäckchen Filter für die erträumten Tüten. Nil hatte wieder beim Pissen die Tür offen gelassen, wir konnten seinen Strahl hören. Plötzlich stand er mit einer Knarre im Zimmer.

Ich hatte nicht eigentlich Angst. Trotzdem duckte ich mich instinktiv. Port kuckte erst hin, als Nil auf mich lossprang. Der Idiot drückte mich auf den Boden und setzte mir die Pistole in den Nacken. An einer Stelle steht bei mir ein Wirbel vor. Der wurde unter der Mündung eiskalt und es fuhr mir durch und durch.

Ich dachte, Kacke, wenn das Ding jetzt losgeht, bist du hin. Ich sagte lieber nichts.

Port war Pazifist. Ich dachte, er würde jetzt Zoff machen, weil er keine Waffe in der Wohnung haben wollte. Stattdessen sagte er, „Zeig mal her, Mann! Geiler Scheiß“.

Immerhin wurde ich so die Lebensgefahr los, die mir buchstäblich im Nacken gesessen hatte. Nil lachte. Er hielt das Ding mit ausgestreckten Armen und tat, als müsste er den Raum sichern oder so was. Es sah aus wie im Film. Dann gab er Port die Waffe, immer noch super aufmerksam. Ich rappelte mich auf. Es war sinnlos irgendwas zu sagen. Aber ich war total sauer auf Nil. Er sah, dass ich mich noch auf meine Hände stützte. Schnell warf er mir ein Tuborg zu. Natürlich konnte ich es wieder nicht fangen. Es würde beim Aufmachen schäumen. Nein, es würde nicht schäumen, es war kein Schniepel mehr dran.

„Super“, sagte ich, „was soll ich mit dem Kack?“

Es klang tatsächlich mal böse.

„Ich schieß ein Loch rein“, grinste Nil.

Port ließ sich genau erklären, wie die Knarre funktionierte. Auch er fand sie ziemlich schwer. Mit nur einer Hand konnte er sie kaum halten. Als Nächstes steckte der Idiot sie in den Mund. Es lief gerade Sometimes. Vielleicht wünsche ich mir das im Nachhinein auch nur; es hätte so verdammt gut gepasst.

„Wäh, das schmeckt voll nach Öl.“

Er spuckte einfach auf den Boden und nahm einen riesen Schluck aus seiner Kanne. Aber er fummelte weiter mit der Knarre rum, als wollte er sich erschießen.

Den ganzen Herbst redeten wir schon über Selbstmord. Es war wahrscheinlich noch vor dem Tod von Kurt. Das lag irgendwie in der Luft. Ich meine, ich glaube nicht, dass einer von uns es wirklich tun wollte. Aber so eine Stimmung war schon da. Irgendwas wollte zu Ende gehen, glaube ich. Schmerz und Langeweile war unser Sein. Es gab kein Ziel, keinen Sinn natürlich, kein Glück. Die Erde verdient keinen Seufzer. Das hat Nietzsche schon gesagt, aber der hat es angeblich auch geklaut.

Sicher hat keiner von uns Nil damals gefragt, ob das Ding geladen war. Wir fragten auch nicht, wie er da rangekommen war oder wofür er das Teil brauchte. Oder ich habe es wieder vergessen.

Nach und nach gewöhnten wir uns an die Waffe. Manchmal rutschte sie Nil aus dem Hosenbund und polterte auf den Dielenboden. Dann waren wir wieder froh, dass sich kein Schuss gelöst hatte. Wir hatten endlich was zu rauchen, aber kein Vergleich.

Einmal fuhr ich spät mit der S-Bahn in die Stadt zurück. Ich war nicht gut drauf an dem Abend, wahrscheinlich hatte ich ein Date vermasselt. Meine Füße lagen auf der Bank gegenüber und freuten sich über ein bisschen Pause. In dem Vierer neben mir hockte ein halbes Dutzend Marokkaner, sie zogen einen durch und sprachen laut und rau. Plötzlich pflanzte sich ein Skin vor mir auf. Er wirkte angriffslustig in den riesen Schnürstiefeln und aufgekrempelten Jeans. Die Daumen hatte er hinter die Hosenträger gehakt.

„Ey, Assel, tu die Füße runter!“

Ich gehorchte. Es war komisch, ich meine, der Typ war ein halbes Kind, bestimmt einen Kopf kleiner als ich und nicht besonders kräftig. Trotzdem hatte ich Angst vor ihm. Nicht die Spur einer Aggression kam in mir hoch. Als ich die Füße auf dem Boden hatte, spuckte er auf meine Stiefel. Die Marokks hatten aufgehört zu quatschen. Einer von ihnen ließ eine Perlenschnur durch die Finger wandern. Sie kuckten bloß. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, die sehen die Wand hinter mir an. Der kleine Glatzkopf sagte, ich müsse beim nächsten Halt aussteigen. „Ist gut“, murmelte ich und stand schon mal auf. Er ließ mich durch. Ich fühlte meine Beine schlottern. Sobald die Tür aufging, sprang ich aus dem Zug. Auf dem Bahnsteig war kein Mensch zu sehen. Ich war heilfroh, dass der Skin drinnen blieb und mir nur die üblichen Beschimpfungen hinterherrief. Ich wartete eine Stunde lang auf die nächste scheiß S-Bahn und fror mir den Arsch ab.

Am nächsten Tag besorgte ich mir zwei neue Antifa-Aufnäher, die mit dem gesmashten Hakenkreuz, und färbte meinen Iro von blond auf rot. Als ich Nil und Port von der Sache erzählte, waren sie beide sauer auf die Nazis. Sie fanden, dass ich es richtig gemacht hatte, mich nicht gegen den Schwachkopf zu wehren, vielleicht hätte er mich sonst zusammengetreten.

„Es sei denn“, grinste Nil, „du hättest die Knarre dabei gehabt. Willst du sie ausleihen?“

Wie aus dem Nichts hatte er die Pistole in der Hand und warf sie mir zu. Ich fing sie auf, aber ich hatte höllische Angst, dass sie losgehen könnte. Zum ersten Mal nahm ich sie richtig in die Hand. Der Griff fühlte sich gut an. Das war so eines von den Dingern, die du gern anfasst, weil sie irgendwie den Händen schmeicheln. Nur schwer war sie immer noch. Ich streckte die Hand aus und zielte auf die Wand. Auge zu. Finger krumm. Ein Skin weniger.

Natürlich legte ich das Ding wieder weg, ohne zu schießen oder es zu entsichern und was man alles machen muss. Aber Nil sagte, „ich pass auf dich auf“, und tatsächlich begleitete er mich in den kommenden Wochen häufiger, selbst wenn Port und die Banditin nicht mitkamen. Die beiden waren ja jetzt zusammen. Ich kam mir klein vor.

Unsern Shit besorgten wir eine Zeitlang in der B-Ebene. Da standen die Marokks von morgens bis nachts dutzendweise rum und quatschten sowieso jeden an. Eigentlich gab es keine Probleme, nur einmal erwischte Nil ziemlich mieses Dope. Wieder hingehen und sich beschweren war praktisch ausgeschlossen. Es hingen immer andere Typen da ab, jedenfalls kam es uns so vor.

Auf dem Weg zum Konzert von so einer Band, von der man dann nie wieder was gehört hat, sahen wir die dunklen Typen auf dem Plateau rumlungern. Sie starrten uns an. Wie schon vorher in der S-Bahn hatte ich das Gefühl, wir wären trotzdem Luft für sie. Nil sagte, „die Banditin hat mir erzählt, dass sie ihre Freundin mal voll auf die Fresse gelegt haben“.

„Wie’n das?“

„Die ist hier nachts mit dem Fahrrad gefahren. Und, ich weiß nicht, die Typen haben eine Kette gespannt. Da hat es sie vom Rad gesemmelt.“

„Krass. Und dann?“

„Kein Ahnung, nix dann.“

In der B-Ebene war irgendwas los, das merkte man gleich. Nicht mehr Leute, aber mehr, die so rumstanden. Ich dachte, es kommt von dem Beachvolleyball. Die hatten nämlich massenhaft Sand da unten reingekippt, und ein paar braun gebrannte Jungs und Mädels versuchten zu spielen. Dabei war die Decke viel zu niedrig, und der Ball knallte immer oben gegen und den Spielern auf den Kopf oder auf den Rücken. Irgendein idiotischer Werber hatte sich das ausgedacht. Es war ziemlich lustig zuzuschauen, wenn man was geraucht hatte.

Die vier Jungs mit ihren nackten Oberkörpern hörten auf zu spielen. Sie riefen was, dann gingen sie rüber zu einer Gruppe Marokks und machten sie irgendwie an. Etwas abseits zogen die vier Mädchen sich knallblaue Bademäntel über.

„Geht nicht gut aus“, zischte Nil durch die Zähne. Er langte mit der Hand unter die Jacke.

Es passierte, als einer von den Sunnyboys einen Marokk am Arm packte. Ich sage Marokk, weil sie halt nordafrikanisch aussahen. Die waren ja wahrscheinlich von hier. Der Typ sprang vor, der Sunny kreischte, und auf einmal blutete sein Arm. Die Mädchen schrien nach einem Arzt.

In Nils Gesicht tauchte ein unbeschreiblicher Ausdruck auf. Ich weiß nicht, früher hätte man das wahrscheinlich Mordlust genannt. Ich sah seine Hand mit der Knarre zum Vorschein kommen. „Mach kein’ Scheiß, Nil, bitte“, flehte ich.

Außer mir schien niemand mitzukriegen, dass er mit einer Pistole dastand. Sie starrten alle auf den blutenden Arm des schönen Knaben. Die Marokkaner steckten die Köpfe zusammen und schienen sich zu beraten. Von oben war schon dumpfes Sirenengeheul zu hören. Das brachte die Typen zum Rennen. Ein paar Leute versuchten sie festzuhalten. Es gab ein Riesentohuwabohu.

Bis heute kann ich nicht sagen, ob Nil absichtlich geschossen hat. Aber ich werde nie vergessen, wie unglaublich laut es knallte. Ich dachte, mir fliegen die Ohren weg. Dann plampte und heulte es, das war der Querschläger. Einer von den Gaffern sackte mit fragendem Gesicht zusammen. Wir hatten genug in der Birne, um nicht einfach wegzurennen. Fast gemütlich, ein bisschen genervt von dem Auflauf, gingen wir zur Rolltreppe und fuhren auf den Bahnsteig runter. Ich kannte da jeden möglichen Weg. Wir wechselten auf den Bahnsteig der U5 und stiegen auf der ganz anderen Seite wieder nach oben.

Nil wollte die Knarre von der Brücke schmeißen. Ich sagte, „spinnst du, da sind doch überall Kameras“. Also suchten wir eine sehr dunkle Stelle am Ufer. Nil wischte die Waffe ordentlich ab und ich setzte sie auf ein Holzstück, das da rumlag. Selbst durch den Jackenärmel fasste sich der Griff unheimlich gut an. Kurz sahen wir zu, wie das schwarze Ding auf seinem schwankenden Boot mit der Strömung wegtrieb. Bald war es in der Dunkelheit verschwunden. Ich glaubte nicht, dass unser kleines Schiff mit seiner Ladung auch nur bis zum nächsten Wehr kommen würde.

Uns war nach einem Bier wie noch nie im Leben. Aber scheiße, zu einem Wasserhäuschen zu gehen, trauten wir uns nicht. Nil war anders als sonst, ich meine, er war ja fast immer kurz vorm Explodieren, aber an dem Abend wirkte er auf mich total friedlich. Irgendwie erleichtert oder so.

„Schade um die Knarre“, sagt er, „sind teuer, die Dinger“.

„Ey, du willst doch nicht sagen, dass du die gekauft hast oder was?“

„Nee, die hab ich vom Baum gepflückt.“

Wir liefen ein bisschen kreuz und quer, kamen aber doch in Richtung unseres Viertels. Mir war kalt und ich ging ein bisschen schneller. Nil hielt mich mit der Hand zurück.

„Weißt du, was ich die ganze Zeit denke?“

„Klar, Mann.“

„Der zweite Teil von der Story hat mir nie gefallen. Wie der Typ im Knast sitzt und so. Null Action.“

Er redete von dem Camus-Buch. Ich dachte, jetzt hat er Schiss, in den Knast zu kommen. Aber irgendwie wollte ich nicht über die Sache reden. Dieser Typ, der da weggesackt war, vielleicht hatte Nil das gar nicht mitgekriegt.

„Ich glaube, ich hab noch ein kleines Piece zu Hause. Wollen wir noch einen durchziehen?“

„Warum sagst’n das nicht gleich, Pisser? Klar wollen wir.“

An dem Wasserhäuschen bei mir um die Ecke kaufte Nil ein paar Bier. Wir gingen da sowieso immer hin.

**

 

       

Eindrücke von der ersten Schullesung in Erding. Die zweite Lesung am Folgetag bestritt mit Andreas Unger ein weiterer Fremd-Autor mit seinem Text Der Pegide in mir. An beiden Tagen zeigten sich die Schülerinnen äußerst aufgeschlossen und beteilgten sich rege an der Diskussion. Ein großer Dank gilt auch der Schule für die große Offenheit und insbesondere der betreuenden Lehrkraft Frau Scherer.


Externe Links:

Albert Camus Der Fremde

Homepage von Thomas Lang

Erzbischöfliche Mädchenrealschule Heilig Blut Erding

Fremd im P. Kirchheim Verlag

 


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