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Zum 30. Todestag des Dichters René Char

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Morgen, am 19. Februar, jährt sich der Tod René Chars zum dreißigsten Mal. Seine Erfahrungen in der Résistance machten ihn zum Dichter der Brüderlichkeit und Freiheit. Eine Würdigung von Leben und Werk.

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Als ich das erste Mal mit der Lyrik René Chars in Berührung kam, verstand ich kaum etwas von dem, was ich da las. Sie erschien mir hermetisch, unzugänglich und kaum deutbar. Ich legte den Band Einen Blitz bewohnen, der Gedichte aus mehreren Jahrzehnten versammelt, vorerst zur Seite, nahm ihn aber gelegentlich aus Neugier wieder zur Hand. Irgendwo musste eine Tür sein.

Einzelne Sätze waren es zunächst, die Einlass versprachen, Sätze wie dieser aus dem Gedicht „Gemeinsame Gegenwart“: „Wirklich du bist mit dem Leben im Rückstand/ Dem unsäglichen Leben/ Dem einzigen schließlich dem du dich vereinigen magst“. Hier war ein Anhaltspunkt gegeben, denn: Wer fühlte sich nicht zuweilen „im Rückstand“ mit der Verwirklichung seiner Träume, seiner Ideen, dessen, was man Leben nennt? Bei der weiteren Lektüre stieß ich auf Sätze, die die Tür Spalt für Spalt öffneten: „Beuge dich nur, um zu lieben“, war einer davon. Was für ein Appell, aufrecht zu gehen, aufrecht zu leben! Und gleichzeitig welch widersprüchliche Formulierung: Lieben und sich beugen, wie passte das zusammen? Ich war auf das markanteste Zeichen von René Chars Lyrik gestoßen: die sich widersprechenden Formulierungen und paradoxen Begriffe.

In einem Satz ist das Wesen der Dichtung Chars wie in einem Nukleus gefasst, er stellt auch das Epitaph auf seinem Grab in Paris dar: „Wenn wir einen Blitz bewohnen, ist er das Herz der Ewigkeit.“ Auch hier fällt die Widersprüchlichkeit sogleich ins Auge: Ist doch der Blitz in seiner Nicht-Dauer, in seiner Blitzartigkeit, ein bildhaftes Gegenteil der Ewigkeit. Verleihen wir unserem Leben erst dann Sinn, wenn wir den Moment, die Gegenwart annehmen, sollte das womöglich gesagt werden? Oder waren weitere Bedeutungen darin angelegt, die sich mir zunächst gar nicht erschlossen? Ich begann, intensiver darüber nachzudenken. Und ohne es zu bemerken, hatte ich das dichterische Universum René Chars betreten. Ich sollte auf mannigfache Galaxien, auf glühende Sterne und rätselhafte Planeten stoßen.

 

Der Dichter aus der Vaucluse

Char wird am 14. Juni 1907 in dem Ort Isle-sur-Sorgue im Departement Vaucluse in der Provence geboren, die meiste Zeit seines Lebens verbringt er auch dort. Sein Vater ist Gipshändler, er stirbt früh. Char besucht das Gymnasium in Avignon, später eine Handelsschule in Marseille, 1928 kommt es zu seiner ersten literarischen Veröffentlichung, die er aber nach dem Erscheinen wieder vernichtet. Im Jahr 1929 lernt er den Dichter Paul Éluard kennen, der ihn mit dem Kreis der Surrealisten um André Breton bekanntmacht, von dem sich Char später allerdings wieder distanzieren wird. Mit dem Kriegsbeginn beginnt sein Militärdienst, bald schließt er sich der bewaffneten Résistance an; unter dem Namen „Capitaine Alexandre“ leitet er die Luftlandesektion Basses-Alpes, 1944 wird er zum Interalliierten Generalstab von Nordafrika berufen. Eine Zeit, die ihn mit der Frage nach der menschlichen Verantwortung konfrontiert und sein literarisches Werk prägen wird.

Paul Éluard ca. 1911 / Buchcover zu Hypnos (S. Fischer Verlag)

Nach dem Krieg erscheinen seine Gedichte zunächst in verschiedenen Zeitschriften, es folgen mehrere Buchveröffentlichungen, unter anderem die Feuillets D’Hypnos („Hypnos – Aufzeichnungen aus dem Maquis“), in denen es vor allem um seine Erfahrungen aus der Zeit des Widerstands gegen die deutschen Truppen geht. Diese Sammlung von Gedichten und Prosagedichten macht ihn in Frankreich über Nacht bekannt und zu dem Dichter der Résistance. Herausgegeben wurde sie von Albert Camus, was den Beginn einer langjährigen Freundschaft markiert. Im Vorwort zu der ersten Ausgabe von gesammelten Gedichten, den Poésies (1959), nennt Camus René Char „unseren größten lebenden Dichter“. Er schreibt unter anderem: „Dieser zeitlose Dichter spricht genau für unsere Zeit. Er ist mitten im Handgemenge, er formuliert unser Unglück wie unsere Wiedergeburt“.

Die ersten Übersetzungen ins Deutsche besorgen Johannes Hübner, Lothar Klünner, Paul Celan, später Peter Handke. Neben dem Schreiben engagiert sich Char auch gegen die Stationierung von Atomraketen und den aufkeimenden Rechtsextremismus im Land. Noch zu Lebzeiten erscheint sein Gesamtwerk in der berühmten „Bibliothèque de la Pléiade“, eine Ehre, die nur wenigen Dichtern zuteil wird. René Char stirbt am 19. Februar 1988 in Paris.

 

Freundschaft mit Albert Camus

Char ist mit vielen Schriftstellern, Künstlern, Philosophen seiner Zeit bekannt oder befreundet, zu nennen wären neben Éluard auch die Maler Georges Braque und Nicolas de Stael, der Philosoph Martin Heidegger, den er mehrfach trifft, oder der Komponist und Dirigent Pierre Boulez, der Texte von Char vertont. Eine besonders innige Beziehung aber pflegt René Char zu Albert Camus. Vieles verbindet sie: Sie arbeiteten beide auf ihre Weise für die Résistance – Camus mit der Schreibmaschine, Char mit der Waffe –; sie teilen das Streben nach Klarheit, Schönheit und Wahrheit und lehnen totalitäres Denken und Ideologien, egal von welcher Seite, ab. Als 1951 Der Mensch in der Revolte von Camus erscheint, bewährt sich ihre Freundschaft in schwerer Zeit. Camus rechnet in diesen Essays, deren erste Ausgabe er Char widmet, mit dem Nihilismus in Kunst und Kultur ab und kritisiert totalitäre Ideologien, wie den Kommunismus, und die Anwendung revolutionärer Gewalt. Dies führt zum Bruch zwischen Camus und Jean-Paul Sartre, der dem Marxismus anhängt und Sympathien für die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) hegt. In der von ihm begründeten Zeitschrift Les Temps modernes lässt Sartre einen demütigenden Verriss von Der Mensch in der Revolte veröffentlichen. Viele Intellektuelle Frankreichs folgen dieser Linie, Camus wird in die rechte Ecke geschoben, was ihn zutiefst kränkt. Doch René Char steht ihm zur Seite. Er schreibt dem Chefredakteur der ehemaligen Résistance-Zeitschrift Combat, in der gegen Camus’ Buch ebenfalls heftig polemisiert wird, einen erzürnten Brief: „Sie würden ihren zusammengestammelten Salat und ihre Sudelei nicht loswerden, wenn sie es als ihre Zahnstocher-Literatur anpriesen, die sie in Wirklichkeit sind.“

Albert Camus (1957)

In einem Prosagedicht über die „blutigen Utopien des 20. Jahrhunderts“, einem der wenigen, in denen er sich relativ eindeutig politisch äußert, bringt Char jenes Denken auf den Punkt, das er mit Camus teilt: „Die politische Blutrunst von Leuten, die sich emanzipiert wähnen. Wie viele sind begeistert von Humanität und nicht für den Menschen! Um jene zu erhöhen, treten sie diesen nieder.“ Die Freundschaft der beiden währt viele Jahre, zeitweise wohnt Camus in einem Haus in der Nähe von Isle-de-Sorgue, das Char ihm vermittelt hat. Das brüderliche Bündnis endet erst mit Camus’ tragischem, tödlichem Autounfall im Jahre 1960. Dokumentiert ist diese höfliche, von beiderseitigem Respekt getragene, liebevolle Beziehung in einem jahrelang andauernden Briefwechsel, der bisher nur in französischer Sprache vorliegt.

 

Dichter des Blitzes

Chars lyrisches Werk ist mit dem Begriff „Gedichte“ nur unzulänglich beschrieben. Gebilde in Versform sind in der Minderzahl, zumeist handelt es sich um Prosagedichte, um Aphorismen, Fragmente und orakelartige Sinnsprüche. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auf den griechischen Philosophen Heraklit hingewiesen, den Char bewundert. Nicht nur, dass Chars lyrische Formen zuweilen an die heraklitischen Sinnsprüche erinnern, nein, eine Äußerung Heraklits könnte geradezu als Interpretationsanweisung für Chars Werk verstanden werden: „Das Orakel in Delphi verkündet nichts und verbirgt nichts, es gibt Zeichen.“ Ähnlich verhält es sich mit Chars Lyrik. Sie verweigert sich einer passgerechten Deutung. Dadurch fordert sie den Leser auf, gedanklich an dem Gedicht oder dem Spruch mitzuarbeiten, als autonomer, verantwortlicher Rezipient.

Das betrifft insbesondere die häufig auftretenden Oxymora in Chars Lyrik, etwa wenn er vom Dichter als dem Mann „einseitiger Stabilität“ spricht, von „blendendem Dunkel“, von „Ruinen, zukunftsträchtig“. Bei Char bricht das Brot den Menschen, die Luft atmet ihn, die „Quellen liegen stromabwärts“. „Töten hat mich für immer entwaffnet“, schreibt der ehemalige Freischärler, und als sei es mahnend an den Leser gerichtet: „Wenn man sich nicht mehr zurechtfindet [...] dann ist man an Ort und Stelle. Vergiß es nicht.“ Freilich müssten diese aus dem Zusammenhang gelösten Textstellen im jeweiligen Stück genauer betrachtet werden, für unseren Zweck aber sollen sie zeigen, auf welche Art Chars Lyrik sich einer Deutung verweigert, um so den Leser zum selbsttätigen Denken anzuspornen.

Chars Gedichte sind „klar im Satz, aber schwierig im Gehalt“, wie der Literaturwissenschaftler Horst Wernicke es ausdrückt. Hartmut Köhler betont, die Motive seien einfach, doch „seine Bildfügungen sind hart, abweisend, erratisch“. Die Bilderwelt entnimmt Char dabei der Landschaft der Vaucluse, der er sich stets verbunden fühlt. Immer wieder tauchen Motive aus der Natur und dem ländlichen Leben in den Gedichten auf: Bienen, Schwalben, Ernte, Brot, Mandel, Olive, Salz, Blitz. Sie sind verwoben zu Metaphern wie „Langsamkeit des Efeus“, „naives Brot“, „Mandel der Unschuld“ oder „Wasser des grünen Blitzstrahls“, zu rätselhaften Losungen wie: „Ein menschlicher Meteor hat die Erde als Honig.“

Die Gorges de la Nesque in der Vaucluse. Im Hintergrund der Mont Ventoux.

Dabei handelt es sich nicht um Naturlyrik im herkömmlichen Sinn, Natur wird zum Schauplatz der Geschichte, auf dem der Mensch um seine Bestimmung ringt, angezeigt in wiederkehrenden Begriffen wie: Freiheit, Kampf, Erwartung, Glaube, Verzicht, Wahrheit. Auch Körperbilder finden immer wieder Verwendung: Hände, Blut, Lid, Auge etwa. Sie fügen sich in Bilder wie: „Nur noch die Augen sind fähig, einen Schrei auszustoßen.“ Erneut ein widersprüchliches Bild, denn was anderes als ein stummer Schrei ohne Worte könnte vom Auge ausgestoßen werden?

 

Lyrik der Verantwortung

Char trennt sich nach einigen Jahren von der surrealistischen Bewegung. Auch wenn er an gewissen stilistischen Grundlagen der Kunstrichtung oder der Rolle des Traums festhalte: Den „Automatismus unter dem Diktat des Unbewussten, das ständige Deformieren der Wirklichkeit im Kunstwerk“, lehnt er ab, wie Wernicke ausführt. Auch die Nähe zum Marxismus und zur kommunistischen Partei, wie André Breton und Paul Eluard sie pflegen, widerstrebt Char. Seine Gedichte und Aphorismen sind keine politischen Handlungsanweisungen. Wernicke hat es treffend formuliert: „Dieses Kunstwerk besteht auf seiner Unverwendbarkeit für konkrete Maßnahmen und appelliert doch zugleich auch an die politische Verantwortung des einzelnen“. Die Gedichte richteten sich „gegen die Tatenlosigkeit, gegen die Verantwortungslosigkeit im Denken und Handeln“.

Dieser poetische Charakter ist es, der die Lyrik Chars weit über den Surrealismus hinaushebt. Char ist – und hierin liegt der Grund für die Freundschaft mit Camus – ein Fürsprecher der menschlichen Verantwortung, ein leidenschaftlicher Verteidiger von Wahrheit, Humanität, Brüderlichkeit und Liebe. Sicherheiten gibt es dabei nicht, weder Ideologien noch Religionen können sie bieten. „Kein Mensch, es sei denn ein lebender Leichnam, kann sich in diesem Leben vor Anker fühlen“, heißt es in „Das zermürbende Alter“, und an anderer Stelle: „unter uns ist kein Grund, über uns keine Decke“. Char sieht die Wirklichkeit als eine vom Menschen geformte, besser gesagt deformierte an, woraus die Verpflichtung erwachse, dieser Realität entgegenzutreten, in einer „Aktion gegen das Wirkliche“.

Wie schmerzhaft diese Verpflichtung, diese Verantwortung sein kann, beschreibt Char in einer Passage seiner Aufzeichnungen aus dem Maquis. Er schildert, wie er aus einiger Entfernung der Hinrichtung eines Kameraden zusehen muss. Seine Gruppe ist gut bewaffnet, „der SS mindestens ebenbürtig“, sie könnte den Kameraden mit einem Angriff retten. Aber: „Ich habe das Signal nicht gegeben, weil das Dorf um jeden Preis verschont bleiben musste. Ein Dorf – was ist das? Ein Dorf wie jedes andere auch? Vielleicht hat er das gewusst in diesem letzten Augenblick?“ Verantwortung in größtmöglichem Schmerz.

Als Dichter schließt Char „sich der Partei all derer an, die dem Leiden die Maske der Rechtmäßigkeit entreißen und so die ewige Rückkehr des starrköpfigen Lastträgers sichern, des Fährmanns der Gerechtigkeit“. Ein Wort René Chars ist aktueller denn je, wenn man sich die fatalen Entwicklungen der heutigen Zeit ansieht: „Neben das Verhängnis stelle den Widerstand gegen das Verhängnis. Seltsame Höhen wirst du kennenlernen.“ Höhen, die in René Chars Lyrik erschlossen werden.


Sekundärliteratur:

Klünner, Lothar (1992): „Aufrecht in der Zeit wächst das Gedicht“. Zur Poetik René Chars. In: Einen Blitz bewohnen.

Köhler, Hartmut (2001): Jacquemard et Juli. In: Ders.: Französische Gedichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Reclam, Stuttgart.

Planeille, Frank (Hg.) (2007): Albert Camus, René Char. Correspondance 1946-1959. Gallimard, Paris.

Ripplinger, Stefan (2006): Auch. Aufsätze zur Literatur. Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein.

Wernicke, Horst (1991): Augenblicke des Lichts. In: Zorn und Geheimnis.

Ders. (1992): „Die Bibliothek in Flammen“. René Chars Dichtung des Aufbruchs. In: Die Bibliothek in Flammen.

Ders. (1995): „Einen Blitz bewohnen“. René Char und seine Gedichte. In: Einen Blitz bewohnen.

Ders. (1998): Albert Camus – René Char. Einsam und gemeinsam. Spuren einer Freundschaft. In: Osiris. Zeitschrift für Literatur und Kunst 5, Rimbaud Verlag.

Audio

Robert Hunger-Bühler: Stromab – Stromauf. Gedichte von Francesco Petrarca und René Char. Sprechtheater. Zürich 2004.

Pierre Boulez: Le Marteau sans Maitre für Alt und sechs Instrumente nach Texten von René Char. Harmonia mundi, Freiburg.

Quellen:

René Char: Die irdische Girlande. Limes Verlag, Wiesbaden 1954.

Ders.: Dichtungen. Mit einem Vorwort von Albert Camus. Fischer, Frankfurt am Main 1959.

Ders.: Vertrauen zum Wind. Horst Heiderhoff Verlag, Waldbrunn 1984.

Ders.: Zorn und Geheimis. Fischer, Frankfurt am Main 1991.

Ders.: Die Bibliothek in Flammen. Fischer, Frankfurt am Main 1992.

Ders.: Einen Blitz bewohnen. Fischer, Frankfurt am Main 1995.

Ders.: Suche nach Grund und Gipfel. Klever Verlag, Wien 2015.


Kommentare

Bernhard M. Baron am 18.02.2018 um 13:56

Ein großartiges Essay eines frankophilen Literaturfreundes! Dieser engagiert geschriebene Text macht Interesse auf eine Lektüre dieses einzigartigen humanistischen Dichters!



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