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Lust auf Lyrik - ein pädagogisches Modellprojekt der Stiftung Lyrik Kabinett stellt sich vor

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Lust auf Lyrik - multinational. Schreibende Hände der SchülerInnen der Deutsch-Förderklasse an der WBR mit Lehrerin Nadine Aigner und Projektleiterin Karin Fellner. Anfang des "Erlkönigs", in verschiedene Sprachen übersetzt. (c) Karin Fellner

„Lust auf Lyrik“: Unter diesem Titel eröffnet ein Modellprojekt der Stiftung Lyrik Kabinett – seit 12 Jahren erfolgreich – Schülerinnen und Schülern in Bayern neue Zugänge zur Poesie. Das Projekt ging von der Beobachtung aus, dass die im schulischen Lehrplan vorgesehenen Umgangsweisen mit Lyrik – vor allem Auswendiglernen und Analyse – vielen Jugendlichen schon früh die Lust an Dichtung verleiden. Um dazu eine fruchtbare Alternative zu bieten, setzt das Projekt auf den Anreiz der Eigenkreativität. In diesem Winter ist es nun zum ersten Mal eine Deutsch-Förderklasse, die das Projekt erlebt – und die wiederum das Publikum erleben lässt, welche staunenswerten Formen des Ankommens in der deutschen Sprache für junge Geflüchtete möglich sind, selbst wenn sie mit den Hürden des Spracherwerbs noch kämpfen.

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Sie stammen aus Afghanistan, Äthiopien, Bosnien, Bulgarien, China, Guatemala, Kroatien und Syrien – die Schülerinnen und Schüler der Deutsch-Förder-Klasse der Städtischen Wilhelm-Busch-Realschule, die sich auf das Abenteuer von „Lust auf Lyrik“ eingelassen haben. Deutsch lernen sie erst seit ein, zwei Jahren. Ihr Weg nach und auch in Deutschland war alles andere als leicht. All das ist in ihre Gedichte eingegangen. Vier Mal ist die Dichterin Karin Fellner für drei Schulstunden zu ihnen an die Wilhelm-Busch-Realschule gekommen – und hat sie spielerisch-lockend und fördernd an Poesie herangeführt, im Deutschen und ihren jeweiligen Herkunfts-Sprachen – und an den Mut zu eigenem Schreiben. Die Deutschlehrerin Nadine Aigner hatte dafür die Klasse verlassen, damit diese Erkundung völlig frei von schulischen Ziel-Zwängen oder von Notendruck stattfinden konnte.

Schulklassen, die an dem Projekt teilnehmen, dürfen mit Poesie buchstäblich handgreiflich werden: dürfen Gedichte der großen Tradition zerschneiden und neu collagieren, sie in die heutige Zeit übertragen, darin zeitgenössisches Erleben wiedergeben oder sie in Inszenierungen hautnah erfahren. Am Ende der Projektarbeit stellen die Schülerinnen und Schüler ihre Texte öffentlich vor und lehren das Publikum je und je das Staunen!

Geleitet werden die Workshops jeweils von Dichterinnen und Dichtern, die von der Stiftung Lyrik Kabinett ausgewählt werden, weil sie sowohl selbst hochkarätige Lyrik schreiben als auch pädagogisch begabt sind. Dazu gehörten in den letzten Jahren: Andrea Heuser und Àxel Sanjosé (die das Projekt mit-initiierten), Gerald Fiebig, Birgit Müller-Wieland, Ann-Kathrin Ast, Alex Burkhard, Pierre Jarawan, Carmen Wegge, Fee, Tristan Marquardt u.a.

„Lust auf Lyrik“ umfasst inzwischen neben den Schulworkshops auch weitere Module: Eine Lehrerfortbildung erschließt Lehrkräften einige der erfolgreichsten Spiele und Verfahren, mit denen sie Jugendliche für Dichtung begeistern können, so dass sie sie dann im eigenen Unterricht einsetzen können. In dem Modul „Wort vor Ort“ können Schulklassen einen Ausflug in die Lyrik-Bibliothek machen und dort einen Vormittag lang Poesie erleben. „Lust auf Lyrik“ wird seit Jahren vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kultus, Bildung und Kunst gefördert. Eine Staffel, die in Kooperation mit MEHR MUSIK! Augsburg und im Rahmen des Brechtfestivals 2012 stattfand, wurde mit dem Sonderpreis des SPARDA Innovationspreises für kulturelle Bildungsprojekte ausgezeichnet.

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Die Jugendlichen haben Bildschätze erkundet, die in ihren Muttersprachen schlummern und im Deutschen eine neue Strahlkraft entfalten. Sie haben rhythmischen Besonderheiten unterschiedlicher Sprachen nachgelauscht, sich mit Poesie der großen deutschen Tradition beschäftigt (etwa Goethe) und sich auf die Herausforderung phantasievollen Übersetzens eingelassen. Entstanden sind sehr bewegende Zeugnisse, etwa dieses:

 

Still stehen         hoch schauen

meine Hand in Richtung Himmel heben

viele Fragen stehen auf meiner Handfläche geschrieben

Ich hoffe, Gott kann sie lesen
Ich hoffe, Gott kann Deutsch lesen

Noham Gabrael

 

Zu erleben sind die jungen Dichterinnen und Dichter – Ajla, Anas, Brankica, Brokista, Christian, Khatoon, Laura, Marija, Maja, Noham, Reshad, Velislav und Zengxiao mit der Projektleiterin Karin Fellner an diesem Abend:

Dienstag, den 23. Januar 2018, um 19 Uhr

Lust auf Lyrik - multinational

Schülerinnen und Schüler der Deutsch-Förder-Klasse der Städtischen Wilhelm-Busch-Realschule

präsentieren ihre Gedichte und Übersetzungen

Projektleitung: Karin Fellner

(Mit freundlicher Unterstützung des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst und von Reinhard Gorenflos)

Zu Gehör gebracht werden dort auch Gedichte wie diese:

 

Ich habe mein Herz, meine Gedanken in einer unbekannten Welt

ein Gefühl, ein Gewissen steckt in mir immer noch

ein Gedanke hier, ein Gedanke dort

jede Sekunde, jede Minute kommt ein neuer Bescheid

ein Bescheid vom Tod, ein Bescheid von Bomben

ach, meine Heimat, ach, wann wird Freude, Ruhe zurückkommen

wann wird endlich ein Lächeln auf unserer Familie sein!

Ich bin hier, ich bin hier, aber meine Seele, mein Herz, mein Gewissen
ist immer bei meinen unschuldigen Leuten.

Ach, mein Heimatland, ach!!!

 

Khatoon Jalali

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Jeden Tag brauchst du deine Hand
zum Anziehen, zum Kämmen, zum Duschen, zum Begrüßen.
Ich nutze meine Hand immer und irgendwann.

Ohne Hände ist es schwer, etwas zu erklären.
Finger spazieren durch die Luft, frei und lustig.
Wie wenn du ein Instrument spielst,
so einfach,
so interessant.

 

Brankica Kondic

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Ich brauche meinen Heimatort, noch einmal will ich ihn besuchen.
Ich möchte zu den alten Läden gehen.
Ich werde auf der Gasse spazieren gehen.
Es wäre auch schön, ein klassisches Frühstück zu essen.

Aber jemand hat mir gesagt, das sei alles verändert.
Dort gibt es keine alten Läden, sondern ein Einkaufszentrum.
Dort gibt es keine kleinen Gassen, sondern große Straßen.
Niemand isst Reisbrei, sondern Brot und Kaffee.
Die Stadt braucht mehr Entwicklung.

Aber ich brauche meinen eigentlichen Heimatort.
Ich möchte wirklich noch einmal meinen Heimatort besuchen.
Ich hoffe, alles wird gut.

 

Zengxiao Xia

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Der liebevolle Baum

Die Blätter waren sehr stolz auf diesen Baum.
Die Blätter waren sehr begabt für diesen Baum.
Der Baum hatte viele Zweige.

Ohne diesen Baum sind die Blätter nichts.
Ohne diesen Baum sind die Zweige nichts.

Der Winter griff den Baum an.
Die Blätter fielen.
Die Blätter starben.
Die Blätter flohen.

Es regnet!
Die Äste brechen.
Die Blätter sind voll mit rotem Wasser auf dem Boden.

 

Broksista Yunis


Externe Links:

Lust auf Lyrik der Stiftung Lyrik Kabinett

Veranstaltungsinformationen

Städtische Wilhelm-Busch-Realschule


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