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23.01.2018, 23:55 Uhr
Gerdt Fehrle
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Autor und Verleger Gerdt Fehrle

Auszug aus dem aktuellen Roman von Gerdt Fehrle

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Gerdt Fehrle wurde in Stuttgart geboren und wuchs in einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb auf. Er studierte Deutsche Literatur und Philosophie an der Universität Konstanz. Für seinen Erstlingsroman „Milan“ erhielt er den Konstanzer Literaturförderpreis. Heute lebt und arbeitet Fehrle als PR-Berater und Schriftsteller in München und auf der Schwäbischen Alb. Er leitet zudem den Louisoder Verlag, in dem nun sein Roman Wie Großvater den Krieg verlor wiederaufgelegt wurde.

Ein fünfjähriger Knabe, seine Großväter, lange gemeinsame Spaziergänge: Detailliert schildern die beiden Ottos dem Nachkömmling ihre Erinnerungen. An die eigene Kindheit und Jugend, die Familie, den Krieg. Das Buch beschreibt aus ganz persönlicher Perspektive den Kosmos einer deutschen Großfamilie aus Schwaben vom Beginn des letzten Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre hinein. Eindrücklich zeigt Fehrle, wie der Krieg das Leben von Menschen und Familien über Generationen hinweg verändert. Wir publizieren den Beginn des Romans, den der Autor am 24.1.2018 in München vorstellt.

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Wie Großvater den Krieg verlor

Sie hießen beide Otto. Sie betrachteten die Welt mit den gleichen schmetterlingsblauen Augen. Sie heirateten beide ein Mädchen namens Gertrud. Sie heirateten zu Beginn der Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts, fast zeitgleich mit Hitlers Machtübernahme. Sie zeugten jeweils vier Kinder. Sie schworen dem Führer Treue bis in den Tod und zogen für ihn in den Krieg. Sie kämpften diesen Krieg für ihn, sie verloren diesen Krieg für ihn. Aber sie gaben beide nicht ihr Leben. Sie hatten während der langen Kriegsjahre gleich viel Massel. Sie überlebten. Frankreich, Nordafrika, Russland. Sie überlebten ohne den kleinsten Kratzer.

Deshalb konnten sie auch nun, fast zwei Jahrzehnte nach der bedingungslosen Kapitulation, nach Gefangenschaft und Entnazifizierung, mitten im Wirtschaftswunder mit dem Knaben Spaziergänge unternehmen. Kurze Ausläufe zu Beginn, weil das Kind noch allzu klein war. Längere dann etwas später. Durch den Schönbuch bei Stuttgart oder durchs nahe Siebenmühlental der eine Otto. Durch die Löwensteiner Berge bei Heilbronn oder den Wald gleich hinter dem Haus der andere Otto. Denn auch dies hatten beide Ottos gemeinsam, ohne es freilich vom jeweils anderen zu wissen: die Vorliebe für frische Luft und die Freude an Wanderungen in der Natur. Sowie eine gewisse Zuneigung zu dem Knaben, diesem stillen, ängstlichen Kind, das nun einmal da und das ihr Enkel war.

Natürlich gab es auch große Unterschiede zwischen den beiden Ottos. Der eine war 1908 als zweiter Sohn des Dorfnachtwächters Karl in Echterdingen auf den Fildern geboren: Otto Nullacht.

Der andere erblickte 1911 in Nagold im Schwarzwald das Licht der Welt und war einziger Spross eines Akademischen Rats und philosophischen Schriftstellers mit Namen Emil: Otto Elf.

Der Vater von Otto Elf lehrte sporadisch an der Universität Freiburg. Später, nach seiner Emeritierung, verbrachte er die Zeit damit, auf dem Sofa zu liegen, Wermut zu trinken oder, in seinen klareren Phasen, in den Phasen ohne Alkoholnebel, mit Schachspielen. Er starb an einer Blutvergiftung. Die zog er sich zu, weil er sich eine Handwarze mit der Schere abschnitt, anstatt zum Arzt zu gehen.

Die Mutter Otto Elfs war eine bigotte Pietistin, die der Legende nach ein einziges Mal mit ihrem Gatten geschlafen hatte, um den kleinen Otto zu empfangen, und mit dreiunddreißig in die Wechseljahre kam. Nach der Aufzucht des kleinen Otto beschäftigte sie sich ausschließlich mit dem Umgestalten der Wohnung und dem Anstreichen von Möbeln, und ihre Gestaltungswut war gefürchtet. Verschont davon blieb lediglich das durch den Gatten Emil dauerbesetzte Sofa im Wohnzimmer.

Otto Elf wuchs somit im Millieu des wilhelminischen Bürgertums auf, Otto Nullacht hingegen in einfachsten Verhältnissen. Es trennte die beiden Ottos also mehr als der Abstand einiger Lebensjahre.

Auch in Erscheinungsbild, Temperament und Weltanschauung waren die beiden Männer mit dem in vielem so ähnlichen Schicksal sehr verschieden: stattlich, großsprecherisch und von fast biblischer Wucht Otto Nullacht. Otto Nullacht herrschte über eine gar nicht so kleine Schar Menschen wie der gute Hirte über seine Herde. Zu dieser Herde gehörten Gertrud, seine Gattin, und anfangs drei, später nur noch zwei Söhne. Die Totgeburt, das Mädchen zwischen dem ersten und dem zweiten Sohn, wurde nie erwähnt.

Zur Herde gehörte auch die alte Lell, die sieben Jahre lang um nichts in der Welt sterben wollte, obwohl sie aus zahnlosem Mund unablässig das Gegenteil beteuerte. Und die dann doch starb, langsam, lang erwartet und nichtsdestotrotz plötzlich.

Und zu Otto Nullacht gehörte außerdem die Belegschaft der Firma Fein bei Stuttgart. Dort, beim Fein, dirigierte Otto nicht nur den von ihm selbst im Hungerwinter 1946 gegründeten Männerchor. Er stand auch stets fleißig und ohne einen einzigen Krankentag an der Werkbank, wurde schließlich Werkstattleiter und von den frühen Fünfzigern bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1973 Betriebsratsvorsitzender. Arbeitgeberfreundlich. Zum Meister allerdings brachte er es nicht. Und das wurmte ihn zeitlebens.

Dann gab es da noch seine Brüder und Schwestern bei den Methodisten, die methodistische Gemeinde Leinfelden-Echterdingen. Denen las Bruder Otto als Laienprediger sonntags oft und ordentlich die Leviten. Ein rigider, in drastische Worte gefasster Glaube an den Herrn Jesus, eine auf wörtlicher Bibeltreue fußende Moral, laut und pathetisch vorgetragen.

Sie waren gefürchtet, die Predigten Otto Nullachts. Wegen ihrer Wucht, Wortgewalt und Unerbittlichkeit. Vor allem aber wegen ihrer Längen. Otto Nullacht überzog die Predigtzeit regelmäßig, gern anderthalb Stunden statt einer dreiviertel, Gattin Gertruds Ermahnungen zum Trotz.

„Oddo, dua nedd so laang …“, mahnte sie ihren Otto, im Küchenkittel am Herd stehend, über die Bratenkachel, das sprudelnde Spätzlewasser oder den Gemüsetopf gebeugt, Schweißperlen auf der Stirn.

 


Externe Links:

Louisoder Verlag


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