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11.01.2018, 09:37 Uhr
Jürgen Bulla
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© Volker Derlath

Jürgen Bullas Roman rund um eine Schwabinger Kultkneipe

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Das Agnes 9 in Schwabing

Jürgen Bulla lebt in München. 1999 veröffentlichte er seinen ersten Lyrikband Glas, zuletzt erschienen Ich sehe noch Tellaro (2015) und der Textzyklus Ashbury Park (2017). Er ist zudem Mitveranstalter der Schwabinger Lesereihe Lyrik im Caveau, die 2017 ihre 100. Veranstaltung erlebte.

Begegnungen mit Z. ist Jürgen Bullas Romandebüt. Es spielt rund um die Kultkneipe Agnes 9 und hat sich zum Ziel gesetzt, den aussterbenden Stimmen des alten Schwabing anhand einiger exemplarischer Figuren Gehör zu verschaffen und Dauer zu gewähren. Was sie verbindet, ist ihr Redetalent und ihr liebenswürdiger Hang zur Hochstapelei. Alle Figuren scheinen auf eine große Vergangenheit zurückzublicken, und sie zögern nicht, dem großen Unbekannten Z. ihre mit jedem Bier wilderen Geschichten aufzutischen, teils mit fatalen Folgen. Wir publizieren das erste Kapitel des noch unveröffentlichten Romans.

*

Begegnungen mit Z.

München Schwabing, Agnes 9, die Kneipe, benannt nach Straße und Hausnummer, existiert seit achtunddreißig Jahren. Die Olympischen Spiele in München hätte sie beinahe miterlebt. Es gab den Kalten Krieg, und an der Bar wurde Kalter Schlag gespielt, ein verhängnisvolles Trinkspiel. Es gab den Deutschen Herbst, und man schwitzte unter den Übergangsmänteln am Tresen. Kriege auf den Falklandinseln und im Mittleren Osten wurden auf dem Fernsehschirm rechts oben in der Ecke verfolgt. Die kommunistischen Systeme brachen zusammen, und an der Bar wurde gewürfelt. Es gab die Regierungen Schmidt, Kohl, Schröder und Merkel, die Globalisierung, die Wirtschaftskrise und das bayernweite Rauchverbot, das Kommen und Gehen der Kneipen und Geschäfte im Sprengel. Die Agnes 9 ist immer noch da.

Der Sommer hat eingesetzt, halb entschlossen, mit Hitzewellen und Regengüssen, heute Abend ist es schon dunkel, und das runde Warsteiner-Schild vor der Tür lässt von Weitem erkennen, dass die Kneipe geöffnet hat, die braune Holzbar mit den bunten Flaschen ist von draußen durch das hohe, halbrunde Fenster mit dem weißen Anstrich einsehbar, und das leicht gedämpfte Licht aus den über der Theke hängenden Lampen verursacht ein geborgenes Gefühl, etwas von Wohnzimmer, von Quasiheimat, was soll einem, denkt der beruhigte Besucher, hier drinnen zustoßen?

Hinter der Theke Harry, der Wirt, imposante Gestalt, graue Haare, Zwirbelbart, zapft seit Jahrzehnten Pils und singt gerne laut, Songs aus Irland und Schottland, tatsächlich erinnert der Laden ein wenig an einen Pub oder, besieht man sich die braunen Holzvertäfelungen, an eine der sogenannten braunen Kneipen in Amsterdam oder aber an eine hanseatische Einkehr, hat man die Leuchttürme, Fischernetze und Muscheln im Blick, die das Innere des kleinen Lokals zieren.

Getränkepreise im Rahmen, das Essen gut, reichlich und günstig, seit einigen Jahren ist es neben anderen Harrys Frau Karin, die in der Küche brutzelt. Harry, der westfälische Kumpeltyp, wird gelegentlich als der Chef des Sprengels bezeichnet, weil er jeden Lebenden und Toten kennt, der sich in den letzten mindestens dreißig Jahren durch die Agnesstraße bewegte, und außerdem für seine soziale Ader bekannt ist.

Zwei Ebenen, unten Bar, Platz für acht Gäste, wobei nicht selten Doppelreihen gebildet werden, oben Essbereich, vier Tische, der runde, der große eckige, genannt Einser, und die zwei kleineren eckigen, von denen der mittlere das Fass heißt, weil dort vor Zeiten ein großes Holzfass stand. An den Stufen von unten nach oben zwei bistroartige Tische, an denen man nur auf Barhockern oder den erhöht angebrachten Bänken sitzen kann und deren einer die Laterne heißt, weil über ihm eine kleine Laterne von der Wand hängt, oder auch Drachenfels, weil er zur Zeit des Kalten Krieges oft zwei streitsüchtigen älteren Damen Platz bot, deren Beine in der Luft baumelten, wenn sie von dort auf das ahnungslose Volk hernieder schimpften.

Am Fass zwei befreundete Ehepaare, beschäftigt mit dem Kauen des überdimensionalen Schnitzels, am Einser eine kleine Stammtischrunde, heute merkwürdig verschwiegen, bis man erfährt, dass sie einen der Ihren kürzlich verloren haben. Interessanter freilich, während gedämpft aus den Boxen Shane MacGowan von den Pogues, der mit den schiefen Zähnen, von seiner Zeit als Fünfzehnjähriger in London singt, die Stammgäste, die sich an der Bar befinden. Am linken Ende Frau Klim, die schwarz gekleidete Therapeutin mit der Sonnenbrille, die sie nie absetzt, auf einem Barhocker neben Helene Meersburger oder Meier, dem ehemaligen Topmodel, vertieft in ein Gespräch über Mode und Heizkosten. Beide trinken einen Hugo.

Rechts von Helene Meersburger ein großer unrasierter Mann mit Glatze und Bierbauch, Kriminalpolizist, allen Anwesenden bekannt unter dem Spitznamen Commissioner, spricht mit einem im Trainingsanzug über Hydrokulturen und Urlaub, das heißt der andere, den sie den Großen Kaperski nennen, sagt eigentlich gar nichts, trinkt sein Augustiner aus dem Steinkrug und hört dem unaufhörlich quasselnden Commissioner, dessen Bier immer wärmer wird, nur halb zu.

Auf der untersten Ebene, zwei Treppenstufen tiefer in der Nähe des Windfangs, lehnt sich Joe, das Käuzchen, in seinem maßgeschneiderten Anzug gegen die Theke. Er, der jahrzehntelange Kettenraucher, hat es mit den Stimmbändern und dem Kehlkopf. Seine Stimme klingt zunächst wie ein Rauschen aus dem Radio, das sich allmählich in Worte umwandelt, wenn ein Sender gefunden ist. Er krächzt etwas von einer Spülung, soll heißen, er will noch ein Pils, 0,3 Liter, im Fachjargon Jericho, weil die länglich-trichterartige Form des Pilsglases angeblich an die Trompeten von Jericho erinnert.

Im Rücken der fünf der Newcomer, an dem Ein-Mann-Bistrotisch gegenüber der Laterne, ein skelettartig dürrer Mensch mit rotbraun gefärbten, zurückgedrillten Haaren und einer Hornbrille, der bei seinem Eintreten vor fünfunddreißig Jahren mitteilte, er sei hier ein Newcomer, was niemand bestreiten konnte und ihm diesen Spitznamen dauerhaft einbrachte. Er bekomme keinen Service, ruft er halblaut, aber doch aufgebracht, in Richtung Bar, schwenkt sein leeres Ginglas.

Während Harry, der Wirt, sich beeilt dem Durstigen nachzuschenken, wendet er sich an alle sechs, als er sagt: „Hört mal, jetzt kommt gleich einer, um den wir uns ein bisschen kümmern müssen. War schon paarmal da in den letzten Tagen. Ich hab ihn Z. getauft, denn er hat seinen Namen vergessen, im Grunde hat er sein Gedächtnis ganz verloren, weiß nicht, woher und wohin, keinen Cent in der Tasche, richtig armes Schwein. Rennt von einer Behörde zur nächsten, keine Ahnung, was passiert ist, versucht sich verzweifelt zu erinnern. Gebt ihm wenigstens einen Drink aus.“

„Das sind doch Ammenmärchen“, sagt Frau Klim hinter der Sonnenbrille, „da will wieder einer schmarotzen“.

„Richtig“, sagt der Große Kaperski, und stellt mit Wucht sein Bierglas ab. Der Commissioner behauptet, er habe keinen Geldscheißer, und auch der Newcomer und Helene Meersburger oder Meier schütteln den Kopf. Nur Joe, das Käuzchen, scheint die Sache still zu überdenken und leckt sich den Pilsschaum vom Mund. Harry hält eine kurze Thekenrede, appelliert an die Menschlichkeit, sagt, so seltsam die Geschichte klinge, Z. mache auf ihn einen glaubwürdigen Eindruck, man werde ihn erleben, und überhaupt sei ja niemand aufgefordert ihn zu adoptieren.

Wenige Minuten später betritt der angekündigte Z., von Harry väterlich begrüßt, das Lokal und postiert sich neben Joe, dem Käuzchen, am unteren Ende der Bar. Harry stellt ihm ein Pils vor die Nase, und Z. nickt dankend. Er wirkt schüchtern, wie er dasteht, unsicher blickt er sich im Raum um und blickt auf sein Bierglas. Er trägt schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt mit einem Loch im rechten Ärmel und schwarze, abgelaufene Turnschuhe mit einem kaum noch erkennbaren weißen Nike-Symbol. Joe, das Käuzchen, mustert Z. lange mit zusammengekniffenen Augen von der Seite. Die übrigen fünf nehmen ihn kurz in Augenschein und setzen ihre Gespräche beziehungsweise ihre Beschwerden über den Service fort.

„Na, Junge“, krächzt Joe, das Käuzchen, „viel unterwegs gewesen heute?“ Z. nickt und trinkt einen Schluck. „Ein Spielchen vielleicht?“ Joe will Z. zum Wetten, zum Würfeln, zu allem Möglichen überreden, was dieser alles still ablehnt. Dann widmet sich Joe wieder seinem Bier und seinen Gedanken, und eine ganze Weile ereignet sich nichts weiter, außer dass Harry und Z. gelegentlich Blicke tauschen.

Aber es wird später, das nächste Getränk zügiger nachbestellt, das Licht noch gedämpfter, die Musik etwas lauter, und allmählich kommt man mit Z. ins Gespräch. Er unterhält sich artig bald mit dem Commissioner, der wenig fragt und viel von sich erzählt, bald mit dem Großen Kaperski, der sagt, Sport sei gut fürs Gehirn. Frau Klim, vor allem, kann ihre Neugierde nicht zügeln und stellt zahllose Fragen über den Gedächtnisverlust, zu denen Z. nur mit den Schultern zuckt. Irgendwann, Harry hat ihm schon das dritte Bier ausgegeben, fängt Z. an, allen an der Bar Anwesenden leid zu tun und sie alle auf eine ihnen selbst unangenehme Art zu beschäftigen.

Es ist schwer zu sagen, welche Art von Anziehung von ihm ausgeht. Vielleicht ist es dieser verlorene und trotzdem so angestrengte Blick aus braunen Augen, der die Stammgäste für ihn einnimmt, jedenfalls fangen sie an, freilich auch unter der Verbrüderungsrituale beschleunigenden Wirkung des Alkohols, Z., wenn nicht als einen der Ihren, so doch als einen Mann zu betrachten, dem geholfen werden muss. Nach und nach werden Thekenrunden geschmissen, Z. mit einbezogen, und Helene Meersburger oder Meier wundert sich über das alterslose Erscheinungsbild Z.s, bist du nun dreißig oder fünfzig, man kann es nicht sagen.

Irgendwann verabschieden sich Helene Meersburger und Frau Klim, und auch der Newcomer hat nach dem fünften Gin Tonic genug von dem schlechten Service, der Große Kaperski gibt zu verstehen, dass er morgen früh raus muss, ebenso der Commissioner. Die speisenden Gäste haben das Lokal längst verlassen, Karin hat die Küche aufgeräumt und sich nach Hause begeben, und Harry, der seine Sperrstunde je nach Andrang flexibel gestaltet, bleibt mit Joe, dem Käuzchen, und Z. allein zurück. Sie lachen viel miteinander und hören Udo Lindenberg, bis Joe fragt, ob Z. denn wisse, wo er heute Abend schlafen könne. „Ich wohne allein“, sagt er getragen, „ich hab nichts gegen ein bisschen Gesellschaft. Muss in der Arcisstraße nur noch kurz klar Schiff machen.“

Das sei doch nicht nötig, sagt Z., der die Einladung zur Übernachtung nicht ausschlägt. Ein Sofa, eine dünne Decke, das genügt. Und ob die Wohnung ordentlich sei, das falle ihm gar nicht auf. „Das fällt ihm auf keinen Fall auf“, bestätigt Harry. Trotzdem, Joe, das Käuzchen besteht darauf, erst schnell ohne Z., der in fünfzehn Minuten nachkommen soll, in die Arcisstraße 46 zu gehen.

„Immerhin“, sagt Harry, als Joe, der seine Rechnung anschreiben ließ, verschwunden ist, „einen Schlafplatz haben wir für dich gefunden“. Beide lachen und trinken in der guten alten Tradition der Agnes 9 einen als Whiskey des Monats deklarierten Single Malt. Z. sieht sich um. „Eine schöne Kneipe“, sagt er, „wirklich“.

 


Externe Links:

Jürgen Bulla im scaneg Verlag

Video-Rezitation von Jürgen Bullas Gedicht Italiens iambische Hintern

Interview

Jürgen Bulla im Black Ink Verlag

 


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