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Rückblick auf eine Münchner Tagung zu Literatur im Netz

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Die Timelines von Instagram, Twitter, Facebook oder unzähligen Blogs ändern sich im Minutentakt. Die Zeit hält sich nur kurz auf mit Texten und rast dann weiter. Neue Formen entstehen. Literatur verändert sich. Sie ist schon längst nicht mehr nur das, was zwischen zwei Buchdeckel passt.

Am 6. und 7. Dezember fand im Literaturhaus München eine Tagung der Bayerischen Akademie des Schreibens statt, um kurz innezuhalten – die Timeline auf JETZT angehalten – und Fragen an die neuen Formen der Literatur zu stellen. Neue kreative Textformen entstehen digital, schnell, im Mantel eines 280-Zeichenlimits, mit einer eigenen Poesie, kollektiv oder im Dialog mit dem Leser. Genauso schnell und interaktiv gestaltete sich die Tagung selbst, an der auch das Literaturportal Bayern mit einem virtuell spielerischen Beitrag teilnahm. In Vorträgen, drei unterschiedlichen Workshops und vielen Diskussionen wurde erörtert, was im Netz passiert. Wie viele Zeichen braucht man, um literarisch zu schreiben? Wie verhalten sich die neuen kleinen Formen zu denen des 20. Jahrhunderts? Welche Position bezieht ein sich mit Live-Übertragung und Profilbild präsentierender Autor im Gegensatz zu einem, der ganz in seiner Privatsphäre agiert? Gewinnt Literatur, die so unmittelbar auf ihre Zeit reagiert, neue Relevanz, neue Autoren und Leser – oder besser gesagt: Wreader?

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Den Auftakt macht am 6. Dezember Jan Kuhlbrodt mit einer Lesung aus seinem Essay Das Elster-Experiment. „Wie schafft es eine Elster, mit Hilfe eines Spiegels einen Zettel von ihrem Rücken zu entfernen?“ Das Elster-Experiment sucht Antworten im Rückspiegel einer eigenen Bildungsgeschichte. 2013 bei Mikrotext erschienen, war dieses Buch zunächst ein Blog-Experiment – sieben Tage lang, eine Schöpfungsgeschichte also, die wie keine andere zum Start der Tagung passt.

 

Jan Kuhlbrodt © Literaturportal Bayern/Marlena Simmet

 

Im Anschluss folgt die Interaktiv-Performance after live machen wir uns zu affen es ist schön hier oben und grob vereinfacht von Rick Reuther, der unter anderem anhand von Textauszügen aus Facebook, Whats-App und Twitter seiner letztes Jahr verstorbenen Freundin über das digitale Nachleben und den kreativen Nachlass im Netz reflektiert. Auch entlang der Geschichte eines befreundeten Flüchtlings, der nach Afghanistan abgeschoben wurde und mit dem er immer noch Kontakt über soziale Medien hat, erörtert er die Frage: Wird unsere Zeit, unser gesamtes Leben und Sterben online verhandelt?

 

Rick Reuther (c) Mario Steigerwald

 

Zum Abschluss wird es dann laut im Saal des Literaturhauses. Mehrere dutzend Handyklingeltöne erklingen, da alle Teilnehmer, die vorher Handynummern ausgetauscht haben, dem jeweils rechten Sitznachbarn ein Gedicht, ein Tiergeräusch oder eine Lebensweisheit auf die Mailbox sprechen sollen. Ist das Digitale also unser neuer Himmel? Mit der Stimme Andrea Bocellis, der das Lied Caruso schmettert, werden die Tagungsteilnehmer schließlich in den Abend entlassen.

Der zweite Teil der Tagung findet am Folgetag statt, beginnend um 9 Uhr mit Vorträgen und Diskussionen, moderiert von Marie Schmidt (DIE ZEIT): Zunächst spricht Miriam Lay Brander über die Kleinen Formen zwischen Lebenspraxis und Literatur, Jan Kuhlbrodt referiert zum Thema Von realer Gegenwart und Julietta Fix (Herausgeberin von FIXPOETRY) stellt sich im Gespräch mit Zoë Beck der Frage „Ist Literatur im Internet ein Geschäftsmodell?“

 

Miriam Lay Brander, Nora Zapf, Jan Kuhlbrodt © Mario Steigerwald

 

Anschließend geht es um die Thematik „Auto(r)fiktion“ mit Puneh Ansari (Das Status-Ich) und Paula Fürstenberg (Vom Ich zum Wir), die die Runde mit dem Satz eröffnet: „Das Internet ist mir vollkommen egal!“

Fürstenberg zitiert zunächst aus Christa Wolfs Kindheitsmuster: „Auffallend ist, daß wir in eigener Sache entweder romanhaft lügen oder stockend und mit heiser belegter Stimme sprechen.“ Wolf spalte die eigene Identität in verschiedenste Personalpronomen auf. Sie erzähle in ihrem Buch vor allem in der zweiten und dritten Person. Fürstenberg hingegen hat für ihr eigenes Werk die Ich-Perspektive gewählt. Bei der Reflexion über ihren Roman entdeckt sie aber nun ein absolutes Fiktionsverhältnis zwischen sich und dem Text. Hat sie also in eigener Sache romanhaft gelogen? Die Frage, ob sie sich selbst hinter dem Roman-Ich versteckt habe, könne sie nicht beantworten. Klar ist allerdings, dass sie seitdem nichts mehr schreibt, was mit jenem Fiktionsverhältnis behaftet ist. Stattdessen hat sie begonnen, tagebuchartige Texte zu verfassen, in denen sie das „Ich“ als deckungsgleich mit ihrem eigenen Ich wahrnimmt, was jedoch fiktive Inhalte nicht ausschließt. Ein Text kann autobiografisch, aber nicht unbedingt der Wahrheit verpflichtet sein.

Drei dieser authentischen Geschichten, die von internetfreien Aufenthalten auf dem Land, der Sexismus-Debatte und Ost-West-Unterschieden handeln, erschienen bei Freitext, einer Online-Plattform der ZEIT. Erstaunlich ist, dass ausgerechnet jene Texte, von ihr als autobiografisch eingeschätzt, nicht das „Ich“ als häufigstes Personalpronomen aufweisen, sondern das „Wir“. Alle Personalpronomen schließen das „Ich“ mit ein, da sie immer nur in Relation zu einem selbst stehen können, so Fürstenberg. Das „Ich“ aber habe nur sich selbst und gelte somit als das ärmste aller Personalpronomen.

Der Findungsprozess zum „Wir“ war allerdings kein einfacher. Es sei schwierig am Anfang, das „Wir“ richtig einzusetzen, da man durch dessen Verwendung immer andere miteinschließe, deren Meinung man nicht zu hundert Prozent kennt. Man spricht für andere, das fühlt sich bisweilen vermessen sein. Das gemeinte „Wir“ kann in einem Text, den man allein schreibt, schließlich nicht mitsprechen.

Für Fürstenberg spielt es letztlich keine Rolle, wo ihre Texte erscheinen. Sie braucht Zeit beim Schreiben, sie arbeitet langsam und letztlich am liebsten für sich. Beim Schreiben von langen Texten empfindet sie das Internet gar als größten Feind. Das Netz eröffnet zwar die Möglichkeit, die einsame Tätigkeit der Autorschaft auszuhebeln und andere mitreden zu lassen. Mit der Authentizität ist es ihrer Meinung nach aber schwer im Netz. Internetfreie Zeit sei für sie viel wertvoller, da man in jenen Momenten nahezu in jedem Ding und jedem Wesen um sich herum wahre Authentizität erfahre.

 

Paula Fürstenberg, Marie Schmidt, Puneh Ansari © Literaturportal Bayern/Marlena Simmet

 

Das ist das Stichwort für Puneh Ansari. Ihr Schreiben, genau wie das von Stefanie Sargnagel, findet ausschließlich im Internet statt. Ihre kurzen, prägnanten, melancholisch-sarkastischen Texte  in ihrer Art ganz wienerisch – die als so leichtes und unüberlegtes Gedankenflanieren daherkommen, treffen meist doch genau ins Schwarze. Präzision durch Übertreibung, Veranschaulichung durch Tiergeschichten, nüchterne Schilderungen der Perversionen des Alltags: Spiegel, die dem Leser fast in real time vorgehalten werden.

Bei Ansaris und Sargnagels Texten spielt es, anders als bei Fürstenberg, eine gravierende Rolle, wo sie erscheinen. Sie sind für das Internet konzipiert, sind eingebettet in den Kontext relevanter Nachrichten, Posts anderer und aktueller Diskussionen und Debatten. Sowohl Ansaris als auch Sargnagels Texte sind später als Sammlungen auch in Buchform erschienen. Hier kommt die Frage auf, ob dies die Texte nicht verändere. Ob sie überhaupt noch richtig verstanden werden können, da im langlebigen Buch der aktuelle Kontext fehlt, innerhalb dessen der Text verfasst wurde. Papier ist geduldig, das Internet nicht. Ansari entgegnet, sie glaube schon, dass die Texte auch später noch verstanden werden können. Jedoch anders, vielleicht auf einer anderen Ebene. Einer Ebene, auf der es eher um die Besonderheit der Sprache geht, nicht so sehr um den Inhalt.

Ansaris Texte sind in einem dem Sprachjargon von Facebook passenden Stil verfasst. Schnell, fern vom Anspruch eines immer feingeschliffenen Satzbaus und einer richtigen Rechtschreibung. Als die Texte als Buch gedruckt wurden, war die Entscheidung daher schwer, ob sie ein Lektorat durchlaufen sollten oder nicht. Ändert man die Sprache, passt sie an, so verlieren die Texte ihre Aussage. Sie sind am Ende so geblieben, wie sie ursprünglich gepostet wurden. Davon leben die Texte, das verleiht ihnen eine neue Stil-Form. Eine Form, in der die eigene Identität ungeschminkt und im Affekt einer in der Sekunde empfundenen Emotionalität in Worte gefasst und dargestellt wird. Weder romanhaft 'gelogen', noch stockend gesprochen, wenngleich vielleicht manchmal versteckt in einer Tiergeschichte.

 

Paula Fürstenberg, Marie Schmidt, Puneh Ansari © Literaturportal Bayern/Marlena Simmet

 

Da Stefanie Sargnagel leider nicht selbst an der Tagung teilnehmen kann, wird das Video eines Interviews mit ihr gezeigt, geführt von Philip Dulle. Das selbst ernannte Universalgenie und It-Girl Sargnagel schreibt nicht, um Likes zu generieren, sagt sie, sondern um durch schwarzen Wiener Schmäh die Dinge beim Namen zu nennen. Schließlich müsse man sein Publikum auch ein wenig hassen, um über es schreiben zu können. Humor ist für sie das beste Mittel zur Präzision. Wo keine genaue Beobachtung, da kein Humor. Am liebsten sind ihr die tragikomischen Geschichten, die sich am besten nach einer durchzechten Nacht, mit Restkater, in Texte umwandeln lassen. Ihre Inspiration holt sie sich überall dort, wo Menschen sind: beim Spazierengehen, bei Großevents, beim Eintauchen in Menschenaufläufe. Und natürlich im Internet, das durchaus auf sie wirkt: Mit der Zeit sei sie etwas politisch korrekter in ihrer Wortwahl geworden, da in einer größeren Reichweite auch eine höhere Verantwortung liege.

Es ist eben doch so eine Sache mit der Authentizität und der Identität im Internet. Wenn auch verifiziert, mit Häkchen hinter dem Profil, so schreibt man nicht nur für sich, wie es Fürstenberg am liebsten ist, sondern in Verkörperung einer Rolle, eines Profils, immer im Bewusstsein, dass der Leser, User oder Abonnent noch in derselben Sekunde antworten, kommentieren, liken kann und wird. Doch denkt nicht auch ein Buchautor seine Leserschaft und deren Reaktionen beim Verfassen eines Werkes mit?

 

Thomas Lang © Mario Steigerwald

 

Nach der Diskussion um das Ich und einer kurzen Pause dürfen sich die Tagungsteilnehmer nun innerhalb dreier Workshops interaktiv-schöpferisch ausleben. Es geht um kollektive Literaturformen. Rick Reuther und Andreas Bülhoff lassen mit ihrer Gruppe experimentell „404 Arten zu sprechen“ entstehen. Thomas Lang belebt beim Workshop „Jugend ohne Plot?“ nochmal sein jüngstes Online-Schreibprojekt, den Netzroman Der gefundene Tod, und lässt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mitschreiben. Lea Schneider und Tillmann Severin zeigen, wie sich „Elektrolyrik“ entfalten lässt.

Im Anschluss an die kreativ produktiven Workshops und eine Teepause folgt die Podiumsdiskussion „Jetzt. Sofort“, in der die Frage erörtert wird: „Muss, soll und kann Literatur ganz unmittelbar auf unsere Gegenwart reagieren?“ Paula Fürstenberg, Florian Kessler und Puneh Ansari stellen im Gespräch mit Zoë Beck zunächst die Gegenfrage nach einer Definition von Gegenwart: „How long is now?“

Aus der Verlagssicht von Florian Kessler (er ist Lektor beim Carl Hanser Verlag) ist der Aktualitätsbegriff sinnvoll. Durch das Internet muss immer schneller auf das Zeitgeschehen reagiert werden, Bücher werden schneller veröffentlicht, wozu das eBook seinen Teil beitragen kann. Allerdings sollten Buchverlage nicht wie Zeitungen agieren. Die Leser von Büchern haben immer noch eine traditionelle Verbindung zum Buchhandel. Stimmt also das Vorurteil, dass kurze Texte immer häufiger im Netz veröffentlicht werden, lange Texte wie Romane aber immer noch lieber als Printprodukt? Der Trend sei erkennbar, meint Kessler. Er sei selbst bei der Veröffentlichung eines Kurzgeschichtenbandes zunächst stets skeptisch. Bücher werden tatsächlich immer dicker. Sie gehen gegen die Flüchtigkeit des Internets an und betonen die Langlebigkeit des Papiers. Sie erfüllen den Zweck einer Konservierung von Texten.

Es stimmt aber dennoch: Literatur verändert sich unter neuen medialen Bedingungen. Die Romanformen ändern sich auch. Man sollte dies als Anpassung an die Gegenwart interpretieren, nicht als Angriff.

Die Frage nach der Gegenwart gestaltet sich am Ende schwer. Reagiert Literatur auf die Zeit oder die Zeit auf die Literatur? Letztlich trifft wohl beides zu. Waren nicht auch die neuen Formen, die sich heute im Internet finden, schon einmal da, nur in anderen Kostümen? In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts etwa, als Kurt Tucholsky und seine Zeitgenossen kleinere Artikel und Kurzgeschichten in Zeitungen veröffentlichten, um direkt auf die Gegenwart zu reagieren, und danach dann doch, zur Konservierung der Texte, noch Sammelbände herausbrachten. Es ist nicht alles neu an den neuen Formen. Es ist aber auf alle Fälle vieles gut an ihnen.

 

Paula Fürstenberg, Florian Kessler, Zoë Beck, Puneh Ansari © Literaturportal Bayern/Marlena Simmet

 

Als die Tagung eigentlich bereits vorbei ist, betritt ein bisher unbekannter Autor das Podium. Er erhebt seine Stimme und verlautbart einen kämpferischen Apell in Richtung Zukunft: „Jede erfolgreiche Technologie ändert alles, also auch die Literatur, also auch das Sprechen über sie, also jede einzelne Tagung, fangen wir doch einfach damit an! Poetisieren wir uns!“ Der Name des Autors? Rick Fürstenbrodt von Fix-Sarg. Ein Genie, wie sich herausstellt.

Es ist genau 18 Uhr. Rick Fürstenbrodt von Fix-Sarg fährt fort und liest mit tiefem, vibrierendem Timbre einen Auszug seines bisher unveröffentlichten Manuskripts Screenshot von hinten durch die Brust ins Auge. Dann gesellt sich virtuell noch die Schriftstellerin Nora Gomringer dazu, die leicht zeitversetzt aus Budapest zugeschaltet wird. Auch sie rezitiert aus dem „bahnbrechenden Text". Das Publikum hält den Atem an. Die knisternde Spannung im Raum ist nahezu hörbar. Die ersten beginnen zu klatschen und brechen nach und nach in ein sich immer weiter steigerndes Johlen aus. Pfiffe sind hörbar, Fußtrampeln, bis sich der Beifallssturm schließlich bis ins Unermessliche steigert, die Stimme des Autors übertönt und die gellende Begeisterung an ihrem höchsten Punkt plötzlich in eine brutale Massenschlägerei kippt. Die eben noch jubelnden Zuhörer fallen urplötzlich in tollwütiger Raserei übereinander her. „Alles war Krachen und Tosen und heulende Nacht“ schreibt Antje Weber ein paar Tage später in der Süddeutschen Zeitung.

Und Fürstenbrodt von Fix-Sarg? Er muss im wilden Getöse von der Bühne gesprungen und samt seinem Manuskript der kochenden Fieberbrunst entkommen sein. Seitdem fehlt von ihm jede Spur …

 

Nora Gomringer rezitiert über Leinwand Rick Fürstenbrodt von Fix-Sarg; kurz darauf bricht ein Orkan los © Mario Steigerwald

 


Externe Links:

Bericht der Süddeutschen Zeitung mit Erwähnung des Beitrags des Literaturportals Bayern

Literaturhaus München

Bayerische Akademie des Schreibens


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