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08.02.2018, 17:43 Uhr
Tilman Spengler
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Jonas Lüscher und Tilman Spengler (c) Robert Haas

Der Schriftsteller Tilman Spengler über Tukan-Preisträger Jonas Lüscher

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Der Tukan-Preis zeichnet alljährlich eine sprachlich, formal und inhaltlich herausragende literarische Neuerscheinung einer Münchner Autorin oder eines Münchner Autors aus. Als Sieger ging 2017 der gebürtige Züricher Jonas Lüscher hervor, der die Auszeichnung für seinen ersten Roman Kraft erhielt. Das Buch erzählt von dem Tübinger Rhetorik-Professor Richard Kraft, der Zukunft der digitalen Revolution und einer wissenschaftlichen Preisfrage: Warum ist alles, das ist, gut und kann dennoch verbessert werden? Die Laudatio auf den Preisträger hielt der Schriftsteller Tilman Spengler.

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Pfefferkörner im Kopf eines buntgefiederten Vogels

Es hat sich, meine sehr verehrten Damen und Herren, in der öffentlichen Kritik von Veranstaltungen wie dieser, insbesondere von Preisverleihungen im Literaturbereich, seit einiger Zeit die Meinung verstärkt, den Rühmenden ginge es in erster Linie um die Selbstdarstellung der das Wort führenden, der klug hermeneutisch, historisch deutenden, mithin der eigenen Person, wie es im übrigen sonst nur der Fall bei Grabrednern sei.

Dieses beherzigend werde ich am heutigen Abend Ihre Aufmerksamkeit zunächst auf den berühmten Schweizer Naturforscher Johann Jakob von Tschudi lenken, damit auf den Vogel Tukan, den bekannten Pfefferfresser, der diesem Preis den Namen verlieh. Später kommen wir auf das Phänomen des Schachtelsatzes zu sprechen, dann auf dessen Virtuosen, unseren heutigen Preisträger Jonas Lüscher – und danach, mit Verlaub, auf meine Begeisterung für Johann Jakob Tschudis Landsmann Jonas Lüscher und dessen beeindruckende Kunst, sein Herz sowie nicht weniger seinen Verstand bei der literarischen Bearbeitung einiger existenzieller Verstrickungen unserer Gegenwart in ein vehementes Lesevergnügen zu verwandeln.

Sie haben mitgezählt, das waren jetzt bereits zwei Schachtelsätze. Daher schnell zu Tschudi und dem Tukan. Tschudi verdanken wir nämlich unter anderem die ornithologisch so bedeutende Beobachtung, dass dieses Tier auf eine anatomisch recht besehen unmögliche Weise seinen Kopf hochzuhalten versteht, ganz gleich wieviel Beute, also wieviel Pfefferkörner es in seinem Schnabel trägt. Um Tschudi zu zitieren: „Er behält Übersicht und Gewandtheit, obwohl ihn die Last seines Schädels daran hindern müsste.“

 

Aufklärung in der Villa Kunterbunt

 

An dieser Stelle dürfen wir die Bereiche der Wissenschaftsgeschichte und der Fabel verlassen, um uns endlich ganz dem heutigen Preisträger und der Berechtigung seiner Auszeichnung zu widmen. Mein herzlichster Glückwunsch geht an Jonas Lüscher und an die Damen und Herren der Jury!

Was ich gerade etwas umständlich durch das Bild des mit Pfefferkorn beladenen Tukans auszudrücken versuchte, hört in der schnittigen Sprache der zeitgenössischen Literaturkritik auf den Namen „Reflexionsprosa“. Der Begriff soll, ich habe es nachgeschlagen, nicht nur ausdrücken, dass in einer Novelle oder einem Roman „reflektiert“, mithin gedacht wird, das Programm der Reflexionsprosa, so las ich weiter, ziele auf die Beschreibung von „Randsituationen“, von Rausch- und Ekstasezuständen. Die Ergebnisse seines Nachdenkens werden vom Erzähler als unerträglich empfunden, manchmal ist auch die Mühe des Nachdenkens selbst unerträglich.

Das mag, meine Damen und Herren, ja alles so stimmen, klingt aber, gestehen wir es ein, vielleicht realistisch, andererseits nicht gerade ermutigend, es klingt vielmehr abgrundtief sauertöpfisch.

Deshalb gefällt mir das altmodische Bild von Pfefferkörnern im Kopf eines buntgefiederten Tukans unvergleichlich besser. Es passt wie eigens entworfen auf einen Autor, der sich in der Tat nicht scheut, seine Helden in so exotische Milieus wie eine US-amerikanische Eliteuniversität, das Seminar für Rhetorik der Universität Tübingen oder eine tunesische Luxusherberge zu entsenden. Ein Schriftsteller, der Helden, gut, sagen wir an dieser Stelle besser „Figuren“ vorstellt, die ihre Inspirationen für gesellschaftliche Verantwortung aus den Texten der klassischen europäischen Aufklärung saugen oder aus der amerikanischen Fernsehserie Knight Rider, bisweilen aber auch aus dem liberalradikalen Wirtschaftsprogramm der FDP des weiland Grafen Lambsdorff.

Jonas Lüscher schenkt seinen dramatis personae weder im Denken, noch im Handeln viele Verschnaufpausen. Er beschwört eine mit historischen Blitzlichtern, philosophischen Fallstricken, erzählerischen Kapriolen liebevollst und kenntnisreichst ausgestatte Villa Kunterbunt unserer jüngeren und jüngsten erfahrenen Geschichte. Ein Freudenfest von Gedanken, deren Reiz, wie Jonas Lüscher schreibt, auch darin liegt, dass ihnen bisweilen „bei hellem Licht betrachtet, die Tiefe der Nacht fehlt“. Teuflisch schwer nachzuerzählen, weshalb ich das verehrte Publikum an dieser Stelle vorsorglich auf den Büchertisch im Eingangsbereich dieses Saales verweise. Denn bitte bedenken Sie: Auch der für unsere europäische Erzählkunst nach wie vor klassische Gegenwartsroman, Die Erziehung des Herzens von Gustave Flaubert erschließt sich seinen Lesern nur sehr unzureichend durch das Studium eines spröden Klappentextes.

Hinter einem solchen literarischen Feuerzauber von frei erfundenen, historisch rekonstruierten und bedenklich realistisch vorgestellten Konstellationen muss, wie es Theodor W. Adorno einmal ausdrückte: „ein beachtlich starker Kopf stecken“. Man könnte auch von Charisma reden, denn dieser Begriff mündet bei richtigem Gebrauch ja auch in den Zauber von glücklichen und unglücklichen Vorstellungen unserer Welt – in der Worte doppeltem Gebrauch. So dürfen wir den Schriftsteller Jonas Lüscher getrost als einen Charismatiker loben und zwar als einen jener überaus seltenen Erscheinungen von Charismatikern, bei denen das Publikum, mithin wir Leser, auch noch herzhaft lachen kann. Beim Apostel Paulus, übrigens die Ikone aller Charismatiker, kann das, muss das aber nicht unbedingt der Fall gewesen sein.

 

           

Der Roman Kraft und die Novelle Frühling der Barbaren erschienen im C.H. Beck Verlag. Der gebürtige Schweizer Jonas Lüscher lebt seit 2001 in München

 

Lieber Jonas Lüscher, ich würde verstehen, wenn Sie sich jetzt etwas unbehaglich an den Kragen fassten und fragten: Gustave Flaubert und Apostel Paulus, muss das in einer so kurzen Rede so dicht aufeinander folgen? Habe ich das, schlimmer vielleicht noch, haben Paulus und Flaubert das verdient? Aber an dieser Stelle müssen Sie naturgemäß zu Ihrer Verantwortung stehen: Wenn Sie diesen literarischen Zauber nicht so brillant vorexerziert hätten, gäbe es heute Abend keinen Laudator – und eben auch keinen Tukanpreis für Jonas Lüscher.

Vor ein paar Jahren, meine Damen und Herren, veröffentlichte der spätere Gewinner des Booker Prize Howard Jacobson einen Roman, dem sein berühmter Kollege Malcolm Bradbury attestierte, er sei „a bitterly intelligent novel“. Mir ist aus schierem Zufall jenes Buch bei der Vorbereitung auf den heutigen Abend wieder in die Hände gefallen, und dabei stolperte ich über diesen Begriff: „bitterly intelligent“. Wie es sich gehört, steht das Zitat gleich auf der Titelseite. Der Verlag versteht sich erfreulicherweise auf Werbung.

Und in just diesem Moment wurde mir schlagartig bewußt, was einer der Auslöser für mein Vergnügen beim Lesen der Bücher unseres heutigen Preisträgers ist: Lüschers Prosa ist eben emphatisch nicht „bitterly intelligent“, sie zieht uns vielmehr zurück in eine glückliche und keineswegs schmerzhafte Zeit, in der das intelligente Räsonieren noch zum heiteren Kern des Erzählens gehörte.

Das Gewürz Pfeffer, so wußte es auch schon Johann Jakob Tschudi, erzeugt in den zuständigen Geschmacksrezeptoren zwar gleichzeitig die Gefühle von Wärme und Schmerz, Pfeffer befördert aber auch eine, ich zitiere „euphorisierende Reinigung des Gemüts“.

 

Wichern, Wuchteln, Pickern: Sprache der Wärme und des Schmerzes

 

Das Thema Pfeffer bringt mich zum letzten Punkt dieser kleinen Panegyrik, der Lobrede im Zeichen des Pfefferfressers Tukan: Die Sprache unseres Preisträgers.

Der Tukan gehört seit Linnaeus in die Familie der Spechtvögel – und ihre Kommunikation, das entnehme ich dem jüngst erschienenen Buch Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er? von Peter Krauss, diese Kommunikation umfasst Ausdrucksmöglichkeiten, für die Kenner der Materie unter anderem folgende Verben gefunden haben: „Trommeln, Klopfen, Hämmern, Schnarren, Knarren, Dröhnen, Schnurren, obertöniges und weiches Lachen, Jauchzen, Hähern, Picken, Leiern, Wichern, Wuchteln, Pickern und Zischen.“

Ich bin weder Ornithologe noch Germanist, doch auf all diese Töne und Tonkombinationen sollten Sie sich einstellen, selbstverständlich im übertragenen Sinne, wenn Sie sich auf das Vergnügen der Lektüre von Jonas Lüscher einlassen.

Und noch ein Allerletztes, doch Allerwichtiges, das uns geschwind zum Anfang meiner Einlassungen zurückbringt: Sie ahnen es – die Rede ist vom Schachtelsatz. Ein paar übelmeinende Literaturkritiker, ja, die gibt’s halt immer, haben unserem Preisträger vorgeworfen, er sei, ich zitiere wieder, „unheilbar verliebt in den deutschen Schachtelsatz“.

Ich lebe in aller Regel sehr gelassen mit der deutschsprachigen Literaturkritik, doch hier wurde selbst ich an die Grenzen meiner Duldsamkeit getrieben. Schachtelsätze gehören zum europäischen, zum Weltkulturerbe. Wer mit ihnen nicht zurechtkommt, bewegt sich außerhalb der Grenzen zivilisierten Sprachverhaltens. Durch unser lateinisches Erbe, dank einer Literaturgeschichte, die uns – wo soll ich anfangen? – von der Barockromanen zu Jean Paul oder Heinrich von Kleist und Thomas Mann führt, zeigt der Schachtelsatz die Möglichkeit, kühne Viadukte der Sprache zu schaffen. Würde die zuständige Wissenschaft der Frage gebührend nachgehen, unterschiede sie vermutlich längst zwischen Pralinenschachtelsätzen, Hutschachtelsätzen, Zigarrenschachtelsätzen und vielen anderen Erscheinungsformen mehr. Der Ausdrucksreichtum unserer Sprache – und die Feinführung unserer Gedanken hängen essenziell von der Kunst ab, dieses feinmaschige Erbe zu bewahren.

Gibt es eine linguistische Alternative? Ja, sie kommt aus den Vereinigten Staaten, ihr Präzeptor heißt Donald Trump, und das Verfahren nennt sich „Twitter“.

Jonas Lüscher, meine sehr verehrten Damen und Herren, beherrscht in seiner Sprachkunst nicht nur die ausdrucksstarken Varianten des Tukan, er „kann auch Schachtelsatz“ und das virtuos. Auch dafür wollen wir ihm heute Abend von Herzen danken und gratulieren.

 


Externe Links:

Tilman Spengler in der Wikipedia

Tilman Spengler im Berlin Verlag

Jonas Lüscher in der Wikipedia

Jonas Lüscher im C.H. Beck Verlag

Kraft Leseprobe

Tukan-Kreis

Literaturhaus München


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