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Zum Literarischen Wochenende der Gruppe 47 in Waischenfeld

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Gruppenbild mit Hans Werner Richter (v.l.n.r.): Zehra Cirak, Hans Magnus Enzensberger, Hans Christoph Buch, Jürgen Becker und Karla Fohrbeck auf dem Podium im Fraunhofer Campus: „Gruppe 47 – Was bleibt?“

„Solange man sich für die deutsche Literatur nach 1945 interessieren wird, so lange wird man die Gruppe 47 nennen und ihres Gründers Hans Werner Richter gedenken“, meinte Marcel Reich-Ranicki 1997 in einem Gespräch mit Der Spiegel. „Die Gruppe 47 platzt“ - diese reißerische Überschrift konnten die Leser des literarischen Politmagazins „Konkret“ im Oktober 1967 auf der Titelseite lesen. Im selben Monat gastierte die Gruppe in der Fränkischen Schweiz: im Gasthof Pulvermühle. Ulrike Meinhof hatte bedingt Recht. Tatsächlich sollte es die vorerst letzte offizielle Tagung werden. Doch wer hätte gedacht, dass nach der allerallerallerletzten Tagung im Jahre 1990 noch einmal ein Gruppentreffen möglich werden sollte?

Genau 50 Jahre später trafen sie sich auf Initiative der Stadt Waischenfeld und mit dem totalen Arbeitseinsatz von Karla Fohrbeck wieder, die ihre Beziehungen zu den Dichtern spielen ließ und als verantwortliche Organisatorin die nötigen Fördergelder zusammenbrachte, um das Ereignis, das wesentlich mehr war als ein „Event“, zu realisieren: 19 einstige Teilnehmer einer oder vieler Tagungen, auch zwei Vertreterinnen der jüngeren Literaturnation, Journalisten, Filmemacher und ein „Zeitzeuge“ von 1967. Die Stimmung war, man kann es nicht anders ausdrücken, zwischen dem Ort der einstigen Pulvermühle, dem Fraunhofercampus, dem Stadtparkett und der Burg schier glänzend. Nur, dass die eingeladenen Autoren und die Besucher bedauerten, nicht alle der Lesungen und Podien besuchen zu können – doch war's, sagte Jürgen Becker, so richtig – und zugleich seltsam, sich selbst und plötzlich und unverhofft – denn man hatte es in gewisser Weise mit einem „unverhofften Wiedersehen“ zu tun – als historisches Subjekt zu betrachten. Nicht allein, dass das schönste Kaiserwetter in die Tiefen des Talstädtchens Waischenfeld hineinschien und die rotgoldgrünen Hänge am Morgen aus dem vernebelten Tal der Wiesent aus dem Dunkel der Nacht aufsteigen ließ, in der manch Lyriker noch an einem Wirtshaustisch für ein privates Publikum intime Verse las, während draußen in einen unglaublich intensiven Sternenhimmel geblickt werden konnte. Sternstunden, wenn man so will, die nicht geplant werden konnten. Keiner der ehemaligen Gruppe 47er und keiner der Besucher dürfte unbeschenkt nach Hause gefahren sein. Für ein paar Momente schimmerte wieder das auf, was – neben allen literarischen Diskussionen und scharfen, auch persönlich bedingten Flügelkämpfen – die Gruppe 47 ausgezeichnet hat: die Begegnung im Zeichen der Freundschaft und des Fests, das stets am Ende der Tagung die Autorenbeine zum Tanzen brachte.

Suchbild mit 3 Dichtern: Enzensberger, Jürgen Becker und Ingrid Bachér.

Man spürte es schon in Nürnberg, wo sich am Informationsschalter des Hauptbahnhofs die jahresringmäßig alten und auf ihre Art jung gebliebenen Damen und Herren trafen, um in die Herbstlandschaft der „Fränkischen“ (wie in Masachussets, meinte der Mann vom ZDF in Unglauben und Bewunderung) gefahren zu werden: Bachér und Becker, Enzensberger und (Manfred Peter) Hein, Delius und Piwitt, Frischmuth und Wirth, Brandner undundund. Doch seltsam: Was die Gruppe 47 recht eigentlich war: das wurde auf den Podien nur in gebrochenen Bildern klar. War sie wirklich so politisch, wie von Karla Fohrbeck auf einem der vier Podien thesenhaft behauptet? Oder war sie ein Literaturverein, der sich zuallererst um die Ästhetik der Sprache kümmerte, wie F.C. Delius sagte? War sie unabdingbar wichtig für die deutsche Literaturgeschichte? Oder braucht in Wahrheit kein Mensch die Dichter, wie der Dichter und das wandelnde DDR-Anekdotenlexikon Bernd Jentzsch behauptete?

Nein, die Gruppe 47 lebte an diesem Wochenende tatsächlich für zwei reiche – und unwiederholbare – Tage auf. Kaiserwetter, wie gesagt, über der Burg zu Häupten des Örtchens, das sich unversehens – und konfliktloser – in die Literaturgeschichte versetzt sah als vor 50 Jahren, da es in und vor der Pulvermühle ein wenig knallte. Die Waischenfelder hätten damals, sagte Bürgermeister Edmund Pirkelmann, nichts mitbekommen. Über guten und interessierten Besuch konnten sich jetzt, zumindest unterm berühmten Strich, die Dichter nicht beschweren. Natürlich hatte Hans Magnus Enzensberger bei seiner Lesung quasi unveröffentlichter autobiographischer Texte (wie „M.“ das Jahr 1945 überlebte) und Gedichte, die vor einem amüsierten Publikum im Zelt des Burghofs stattfand, den meisten Zulauf, aber auch die Eröffnungslesungen und das Eröffnungspodium zur Frage, was von der Gruppe 47 denn bliebe, fanden viele Interessenten. Dicht aufeinander Persönlichkeiten wie den politisch höchst reflektierten F.C. Delius, den humorvollen Doyen der Angewandten Theaterwissenschaft (ATW!) Andrzej T. Wirth und den einstigen deutschdeutschen Grenzgänger Rolf Schneider zu erleben: es war eine Gelegenheit, die nicht nur die Waischenfelder anzog. Nebenbei: Wer immer behauptet, dass „die Provinzler“ von Literatur keine Ahnung hätten, konnte sich vom Buchhändler Benjamin Breuer eines Besseren belehren lassen: An seinem Stand fragten die Einwohner des kleinen und äußerst gastfreundlichen Städtchens nach vergleichsweise unbekannten Autoren, die sie durchaus kannten. Und wer weiß, was an Nachhaltigkeit noch auf diese Begegnungen hier folgen wird. Eine Gruppe 47-Sammlung als Basis einer zukünftigen Waischenfelder Stadtbibliothek ist plötzlich denkbar. Die Stelen der Ausstellung, die am Samstagnachmittag auf dem Campus eröffnet wurde, werden, wenn's glückt, nicht nur auf Wanderschaft geschickt, sondern durch eine Dokumentation der Tage des Goldenen Oktober 2017 ergänzt werden.

„Berlins letzter Dandy“ – und viel mehr: Andrzej Wirth erzählt aus seinem Leben mit der Gruppe 47.

Hans Magnus Enzensberger mag Recht haben, wenn er, im Palmengarten vor dem heutigen Hotel Pulvermühle sitzend, alle nostalgischen Gefühle abwertet und in juvenilster Heiterkeit zum Besten gibt, dass, ach ja, die Gruppe 47 doch nur eine Clique gewesen sei. Doch wie sich Nostalgie, also gepflegte Erinnerung, und die Zukunft bedingen, die kein Nebenthema dieser Tagung war: man ahnte es auf den Podien, in denen es diskursiv zum Teil sehr bestimmt, doch freundlich zur Sache ging. Eben in bester Tradition der Gruppe 47.


Externe Links:

Homepage der Gruppe 47

Programm-Flyer zur Tagung

Preisträger 1947-1967

Die Gruppe 47 im Historischen Lexikon Bayerns

Liste der Teilnehmer der Gruppe 47 in der Wikipedia


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