Info
17.10.2017, 09:19 Uhr
Marina Babl
Redaktionsblog
images/lpbblogs/redaktion/2017/gross/Jochimsen164.jpg
© Britt Schilling / dtv

Der neue Roman von Jess Jochimsen – Rezension

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/redaktion/2017/klein/Abschlussball500.jpg

Jess Jochimsen, 1970 in München geboren, studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie und lebt als Autor und Kabarettist in Freiburg. Seit 1992 tritt er auf allen bekannten deutschsprachigen Bühnen und in verschiedenen Fernsehsendungen (u.a. Scheibenwischer, Quatsch Comedy Club, Mitternachtsspitzen) und Talkshows auf. Seit 2006 ist er Gastgeber der SWR-Poetennächte. In seiner Freizeit fotografiert er traurige Dinge, um diese dann als Dias vorzuführen oder Bücher damit zu bebildern. Bei dtv erschien 2000 sein Debüt Das Dosenmilch-Trauma. Es folgten Flaschendrehen (Erzählungen), DanebenLeben (Bildband), Was sollen die Leute denken (Monolog), Krieg ich schulfrei, wenn du stirbst? (Erzählungen), Liebespaare bitte hier küssen (Bildband) sowie der Roman Bellboy, der Christian Lerch zu seinem Kinofilm Was weg is´, is' weg inspirierte. Für seine künstlerische Arbeit wurde Jess Jochimsen mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (Förderpreis), dem Deutschen Kabarettpreis, dem Prix Pantheon, dem Passauer Scharfrichterbeil und zuletzt dem Kleinkunstpreis Baden-Würtemberg 2011. Zuletzt erschien der Roman Abschlussball (Juni 2017, dtv), eine traurig-komische Geschichte über einen wundersamen Lebensverweigerer, der binnen eines kuriosen Sommers das Abenteuer seines Lebens besteht.

*

„So wie wir Abschied nehmen, so leben wir auch“

Es gibt Romanfiguren, die lassen einen nach Beendigung der Lektüre nicht wieder so schnell los, vielleicht auch weil man sich unterbewusst überraschend gut mit ihnen identifizieren kann. Jess Jochimsens Protagonist Marten in seinem neuen Roman Abschlussball ist eine davon. Physisch und psychisch labil und aufgewachsen in schweren familiären Verhältnissen hat es der Außenseiter nicht leicht. All seine Versuche, ein geordnetes Leben mit gutem Beruf, Freunden und ein wenig Liebe zu führen, scheitern immer wieder. „Letztlich hadert er mit der Welt, weil sie eben so ist, wie sie ist, und weil er in der 'Leistungslogik' keinen Platz für sich findet“, so Jochimsen selbst. Nur durch Zufall kommt Marten zu seinem Job als Beerdigungstrompeter, wo er die ehrenvolle Aufgabe hat, Leuten das letzte Lied zu spielen. Und auch mehr zufällig als geplant setzt sich durch die Beerdigung eines alten Klassenkameraden ein Strudel merkwürdiger Ereignisse in Gange, der schließlich dazu führt, dass sich Marten dem Leben stellen muss und sich auf die Suche nach sich selbst begibt.

 

 

Schauplatz München

Dass Martens Arbeitsplatz sich dabei ausgerechnet im Münchner Nordfriedhof befindet, liegt wohl mit an der Heimatverbundenheit Jochimsens. So lebt der Kabarettist und Autor zwar in Freiburg, bleibt aber seiner „geliebten Heimatstadt“ in seinen Büchern stets treu: „In München kenne ich die Wege, da ist mir alles vertraut. Irgendwie spielen meine Geschichten immer dort und selbst, wenn ich etwas schreibe und die Stadt nicht beim Namen nenne, ist es, glaube ich, immer München. Die Heimat lässt einen halt nie los.“ Jochimsen arbeitete vier Jahre an dem Roman und besuchte in dieser Zeit unzählige Beerdigungen –  manche traurig und anonym, andere fröhlich und heiter. Dies brachte ihn zum Nachdenken: „Ich glaube, dass wir in unserer modernen Gesellschaft die Trauer weit von uns wegschieben, aber nicht umhin können, dass sie uns dann und wann packt. Ich bin überzeugt davon: So wie wir Abschied nehmen, wie wir trauern, so leben wir auch.“

Für seine Recherche verbrachte Jochimsen außerdem viel Zeit in Archiven und Bibliotheken und stieß dabei auf ein Buch, das ihn so sehr beeindruckte, dass es in Abschlussball immer wieder latent mitschwingt und gleichzeitig sogar zum direkten Bestandteil der Handlung wird: Eine unvollständige Geschichte der Begräbnis-Violine von Rohan Kriwaczek.

 

Totengeiger und der richtige Ton

Kriwaczek beschreibt in seinem Werk, das sich irgendwo zwischen der Aufarbeitung historischer Quellen und Fiktion befindet, den Untergang einer Zunft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Trauerzüge anzuführen und mit ihrer Musik – oft auch im Wettkampf untereinander – die Seelen der Verstorbenen zu reinigen und die Hinterbliebenen zu Tränen zu rühren. Heute mögen die Begräbnisviolinisten fast vollständig verschwunden sein, Jochimsen erweckt sie jedoch mit der Figur des Geigers Sebastian, einem Kollegen Martens, zu neuem Leben.

Sebastian ist ein alter Mann, stets in schickem Schwarz gekleidet, seine Geige wird von einem geschnitzten Totenkopf geschmückt (das Erkennungsmerkmal der Zunft) und er vermag es wie kein anderer die Trauergäste mit seiner Musik zu berühren. Doch auch Marten gibt sein Bestes, seinen Zuhörern tiefe Emotionen zu entlocken und so lebt der Roman von vielen detailreichen Musikbeschreibungen, die dazu führen, dass der Leser manchmal fast glaubt, die Töne selbst hören zu können. Musik ist eine universell verständliche Sprache, die uns dabei hilft, Gefühle zu transportieren, die wir nicht in Worte fassen können. So heißt es treffend auch im Roman: „Menschen erzählen sich Geschichten, um zu leben. Und für den Tod brauchen sie die Musik.“

 


Externe Links:

Abschlussball im Deutschen Taschenbuchverlag

Leseprobe

Homepage von Jess Jochimsen

Jess Jochimsen in der Wikipedia


Kommentar schreiben