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26.09.2017, 12:47 Uhr
Barbara Schibli
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© Johanna Bossart

Ein Auszug aus dem preisgekrönten Debütroman von Barbara Schibli

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Wer bin ich? Diese Frage ist für Anna nicht einfach zu beantworten, denn sie ist ein eineiiger Zwilling. Und eineiige Zwillinge sind eine einzige Zumutung. Sie ist aus dem bündnerischen Bever nach Zürich gezogen, um Biologie zu studieren. Nun arbeitet sie in der Flechtenforschung, ihre Schwester Leta widmet sich der Fotografie. Beide betrachten die Welt durch eine Linse: Anna durch das Mikroskop, während Leta seit der Kindheit obsessiv Anna fotografiert. Als Anna nach Treviso zur Eröffnung von Letas Fotoinstallation »Observing the Self« fährt, fühlt sie sich von ihr verraten, missbraucht und ausgelöscht. Denn Leta hat das einzige Zeichen, das sie beide unterscheidet, wegretuschiert.

Barbara Schibli verflechtet in ihrem Debütroman eindrucksvoll Kunst und Wissenschaft mit der Frage nach Identität in der modernen Gesellschaft. 1975 in Baden geboren, lebt die Autorin heute in Zürich. 2016 gewann sie den Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Prosamanuskript, 2017 den GEDOK Literaturförderpreis. Der größte Teil des Buches entstand im Rahmen eines Romanseminars an der Bayerischen Akademie des Schreibens. Wir veröffentlichen den Anfang des Romans.

*

Flechten

Die Neue dreht sich auf dem Bürostuhl um sich selbst. Ein Mädchen wie eine Turbine. Sonst ist nicht viel los. Ich surfe im Netz, gebe meinen Namen bei der Suchmaschine ein. Ich bin Mitglied eines Schwimmvereins in Herisau und lege in einer Diskothek in Novosibirsk auf, man hat mich gesehen in einer Bar, in der ich nicht war, und in einem Videoclip rennt mir ein sechsjähriges Mädchen entgegen, blutleer.

Die Neue und ich sind für die Flechten hier, die anderen unserer Gruppe für Moose, Farne, Algen und Pilze, alles Kryptogamen – Gewächse, die im Verborgenen heiraten, so hat sie Carl von Linné in seiner Pflanzensystematik bezeichnet. Was wir am Institut tun, erscheint konspirativer, als es ist. Ich mikroskopiere, bahne mir einen Weg durch den schleppenden Vormittag, ein weiterer von der Sorte, an denen die Bestandsaufnahme nicht vorwärtsgeht. Wir sind umtriebig, aber worauf das alles letztlich hinausläuft, verlieren wir dabei leicht aus den Augen.

Mit einer Rasierklinge mache ich einen Schnitt durch eines der Ästchen der Cladonia, lege es auf den Objektträger, zoome hinein. Jetzt wächst alles, schlägt aus, treibt. Im Mikroskop wird jedes Ästchen zum Baum, ein Wald öffnet sich. Gleichzeitig verengt sich mein Blick immer mehr. Punkte, Linien, Netze, vermeintliche Bewegungen. Mit beiden Augen sehen, keines zusammenkneifen. Und das Präparat so anschauen, als würde der Blick in eine weite Landschaft schweifen, mit völlig entspannter Augenmuskulatur. Man lernt, die fliegenden Flecken zu ignorieren, die unregelmäßigen, schwarzen Fäden, die mit jeder Augenbewegung übers Gesichtsfeld tanzen, ein Flirren, das mich anfangs fast irremachte. Es sind die Schatten von Schlieren in der Augenflüssigkeit, die das helle Mikroskopierlicht auf die Netzhaut zurückwirft. Man meint, ein Stück unbekannte Natur zu beobachten, dabei ist es ein Teil von einem selbst.

Seit vergangenem Wochenende, seit der Ausstellung, habe ich Mühe, mich auf die Arbeit zu konzentrieren.

Durch die Drehtür verlasse ich das Institut, zünde mir eine Zigarette an, ziehe tief ein. Ich gehe hinüber auf die andere Straßenseite zum Telefonapparat ohne Kabine, einem der letzten Exemplare dieser aussterbenden Gattung. Auf dem Hörer hat sich Feinstaub festgesetzt. Für den Nachmittag lasse ich mir einen Termin bei der Dentalhygiene geben. Jedes Ausweichen ist mir recht. Mutter beharrt darauf: »Den Zähnen musst du schauen, sonst hast du so ein Theater wie ich.« Ich will kein Theater im Mund. Und schon gar keine Tragödie. Früher ging Großmutter in die Kirche, zündete eine Kerze an und betete zur heiligen Apollonia. Betete, der böse Wurm möge endlich von dannen gehen. Er aber wollte nicht gehen, flehte, man solle ihn lassen, er wolle sich nur ein wenig einrichten, dazu hätte er doch ein Recht, auch er. So weit will ich es nicht kommen lassen. Den Zähnen muss man Sorge tragen, sie sind ein verlässlicher Nachweis unserer Identität. An den Zähnen werdet ihr sie erkennen.

Die Dentalhygienikerin trägt einen weißen Kittel. Sie fragt wieder, ob ich Medikamente nehme und ob ich gegen etwas allergisch sei. Ich muss den Mund öffnen.

Als ich vor einem halben Jahr in der Praxis war, wurde eine abgestorbene Wurzel entdeckt. Mit einem Kältestab testete man den Nerv, doch dieser reagierte nicht. Bei der Flechte der Gattung Cladonia stygia sterben die unteren Teile ab und verrotten, ihre Spitzen verzweigen sich und wachsen weiter. Die Strauchflechte erneuert sich stetig. Meine Zahnwurzel hingegen ist unwiederbringlich dahin.

Jetzt stellt die Dentalhygienikerin starke Verfärbungen fest und will wissen, wie viel ich rauche. Dann macht sie eine Bisslinie auf der Innenseite der Wange aus, fragt: »Schlimme Träume?« In die Patientenakte wird notiert, was sich im Mundraum offenbart, welche Verhaltensweisen Spuren hinterlassen, sich in die Molaren eingegraben und auf der Zunge abgelagert haben. Ein Panoramaröntgenbild durchleuchtet das Gebiss und hält die gegenwärtige Gesamtsituation fest. Nichts bleibt unbemerkt. Kein Entkommen. Alles bleibt an einem kleben. Die Dentalhygienikerin fasst meinen Kiefer, dreht meinen Kopf von einer Seite zur anderen. Sie spricht von Mesial und Distal, obwohl sie als Einzige im Raum etwas davon versteht. Die ganze Zeit die Angst im Nacken, die Frau werde einiges entdecken, das in mir sitzt, von dem ich selbst nichts weiß. Am Schluss abermalig die Instruktion, wie mit der Zahnseide umzugehen sei. Um das oberste Gelenk des rechten Zeigefingers gewickelt, dann um jenes des linken, und wenn sich der gewachste Faden zwischen den beiden Fingern spannt und dabei fein surrt, wird die Sitzung für einen Moment zu einem Hochseilakt. Darunter die von den Zahnzwischenräumen ausgehende, zu bekämpfende Bedrohung. Werde ich dieser Aufgabe nicht nachkommen, schade ich nur mir selbst und in einem halben Jahr wird mich der Aufruf zur Erfolgskontrolle einmal mehr kalt erwischen. Wer nicht halbjährlich eine der überall wuchernden, sich unkontrolliert vermehrenden Dentalhygienepraxen aufsucht, ist dem Untergang geweiht. Die Dentalhygiene ist eine Zäsur. Danach ist nichts wie davor. Fährt man mit der Zunge die Zähne entlang, sind einem diese vollkommen fremd. Glatt, wie sie sind, rutscht man von sich selbst ab.

Nach der Zahnbehandlung gehe ich zurück ins Institut. Ich schlüpfe in meine einsamen Sandalen. Morgens stehen sie zusammen mit allen anderen da, bis jedes Paar seinen Mitarbeiter gefasst hat. Die Sohlen quietschen leise auf dem hellgrauen Linoleumboden. Fliehen in Birkenstocks ist nur schwer vorstellbar.

Um mich abzulenken, surfe ich. Die obersten Einträge, welche die Suchmaschine mit Anna Baselgia verknüpft, beziehen sich auf publizierte Artikel in Fachzeitschriften zur Flechtenforschung, der Lichenologie. Ich wechsle zur Bildersuche, zwischen den Fotos von mir sind auch solche von Leta eingereiht. Nicht nur die Gene, auch die Algorithmen verbinden uns. Daran wird auch der Umstand nichts ändern, dass in ein, zwei Jahren das Gesichtserkennungsprogramm, das derzeit noch in den Kinderschuhen steckt, ausgereift sein wird – an uns wird es scheitern. Es wird uns nicht unterscheiden können: Wir sind eineiig.

 


Sekundärliteratur:

Barbara Schibli im Dörlemann Verlag

Bayerische Akademie des Schreibens


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