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20.10.2017, 13:21 Uhr
Norbert Niemann
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© Judith Bader

Der Schriftsteller Norbert Niemann über Marktstrategien im Literaturbetrieb – und ihre Folgen

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Wir leben in postfaktischen Zeiten − lesen und hören wir allenthalben. Aber was heißt das eigentlich? In der Anthologie Das freie Wort, erschienen im Allitera Verlag, hat Herausgeber Johano Strasser Beiträge u.a. von Gert Heidenreich, Dagmar Leupold, Julian Nida-Rümelin, Georg Picot, Fridolin Schley, Gesine Schwan, Thomas von Steinaecker und Wolfgang Thierse zusammengetragen, die sich mit dieser Thematik befassen. In dem Buch setzen Schriftsteller und Intellektuelle dem aufgeregten Zeitgeist Argumente entgegen. Sie erheben die Stimme für mehr Demokratie in Deutschland und Europa – und gegen die simplen und oft menschenverachtenden Konzepte der rechten Populisten. Der folgende Beitrag stammt von dem Schriftsteller Norbert Niemann.

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Rumor

Die mutwillige Zerstörung der kulturellen Grundlagen unseres Zusammenlebens durch Karrieristen und Profiteure der Macht und des Geldes, stand bereits bei Karl Kraus im Zentrum der Kritik. 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, erläutert er in seinem Aufsatz In dieser großen Zeit die geistige Situation Wiens am zufälligen Nebeneinander von Plakaten auf einer Litfaßsäule. Dort klebt neben und über der Kriegserklärung des Kaisers Werbung für ein „Vergnügungs-Etablissement“ und für Gummiabsätze: „So müsste man auf die Welt kommen“ steht unter der Zeichnung eines Säuglings, der mit Gummiplatten an den Fersen geboren zu sein scheint. Kraus schreibt: „Menschheit ist Kundschaft“, und: „Die Unterwerfung der Menschheit unter die Wirtschaft hat ihr nur die Freiheit der Feindschaft gelassen“.

Die Verbindung einer marktschreierischen Öffentlichkeit mit skrupelloser Bereicherung und opportunistischer Demagogie ist auch heute wieder zu beobachten. Seit geraumer Zeit befinden wir uns in einer Phase enormer Zuspitzungen. Überall und ständig verhärten sich die Fronten. Als wären wir in eine Beschleunigungsspirale geraten, wird der Ton beinahe täglich schärfer. Positionen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Man will einander nicht mehr zuhören, geschweige denn aufeinander eingehen. Reizwörter reichen, um dem Gegner das Wort abzuschneiden, während Einigkeit herrscht unter Gleichgesinnten. Sie befeuern einander mit den technischen Hilfsmitteln sogenannter „Schwarmintelligenz“. Im Übrigen schafft man Fakten, der Rede vom postfaktischen Zeitalter zum Trotz. Donald Trumps Einreiseverbot für Staatsbürger einer Reihe muslimisch geprägter Länder ist ein Beispiel. Öffentlichkeit darf wieder missbraucht werden als Propagandamaschine. Autokratische Meinungskontrolle und Manipulation mittels Zensur und juristischer Willkür stehen erneut auf der Tagesordnung. Schien die Gleichschaltung von Macht und Medien mit den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts untergegangen oder zumindest in weiten Teilen eingedämmt zu sein, feiert sie heute auf dem internationalen Parkett der Politik fröhliche Urstände.

Als Schriftsteller und Essayist beschäftigt mich seit langem die Frage nach den Ursachen für diese Entwicklung. Woher rührt die allgemeine Tendenz, bei der Bewältigung von Krisen zunehmend auf Konfrontation, Täuschung, Gewalt zu setzen? Offenkundig hat hier eine Verschiebung im zwischenmenschlichen Verhalten stattgefunden. Sie verstärkt auf der Ebene politischer Meinungsbildung die Anfälligkeit für Populismen. Das einzige Gegenmittel zum Populismus ist die analytisch-phänomenologische Betrachtungsweise. Sie bleibt als Deutungsversuch offen für erweiternde, vertiefende oder alternative Sichtweisen, ohne die zu beobachtenden Ungereimtheiten und Verwerfungen einer immer nur vermittelten und vorinterpretierten Realität auszublenden.

Zu bekämpfen gilt ein eklatanter Wandel der Öffentlichkeit. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich eine – zunächst stellenweise, dann beschleunigte und flächendeckende – Veränderung der Umgangsformen vollzogen. Inzwischen wird sie als selbstverständlich hingenommen. Diese Veränderung ist aufs engste verknüpft mit der Durchsetzung einer Praxis des öffentlichen Auftretens. Seit Georg Francks in den späten neunziger Jahren erschienener Studie über den mentalen Kapitalismus nennt man sie „Ökonomie der Aufmerksamkeit“. Was vor zwanzig Jahren eine relativ neue soziokulturelle Entwicklung beschrieb, bedarf heute kaum noch der Erklärung. Wir haben die Kernbotschaft längst verinnerlicht: Gut, richtig und nicht zuletzt profitabel ist, was Erfolg hat. Und um erfolgreich zu sein, ist vor allem eins erforderlich: die Erzeugung von Rumor.

Den Anfang beim Umbau des öffentlichen Raums machten die Marketingstrategen mit ihren immer aggressiver werdenden Werbekampagnen. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Moraldebatten über das Modelabel BENETTON. Das Unternehmen machte in den achtziger Jahren Reklame mit riesigen Fotoplakaten von Kriegsschauplätzen oder Aidskranken. Zu Beginn der Nullerjahre löste der SATURN-Slogan „Geiz ist geil“ heftige Kontroversen aus. Die Entrüstung war groß, ökonomisch aber ging das Kalkül auf. Also setzte sich die Strategie durch und wurde solange weiter verschärft, bis ihr Schock- und Provokationspotential erschöpft war. Mit der Zeit sprang sie jedoch auch auf die Unterhaltung, die Kulturindustrie, auf TV-Formate wie Talkshows, Polit- oder Satiremagazine über.

 Der Literaturbetrieb hat sich länger als andere kulturelle Bereiche gegen die Strategien des Rumors wehren können. Damit ist es mittlerweile vorbei. Auch die Ware Buch wird kaum noch anders wahrgenommen als in Kategorien der Verkäuflichkeit, die heute stets Kategorien des Spektakels sind. Der Einfluss der klassischen Bewertungsinstanzen für die Qualität von Literatur wie Verlagslektorate, Feuilletons, Kultursendungen im Radio und Fernsehen auf die Auflagenhöhe tendiert mehr und mehr gegen Null. An ihre Stelle ist der Rumor unter den Buchkäufern getreten. Er wird flankiert von aufwändigen Reklamehypes, sofern Aussicht auf Verkaufserfolg besteht. Es ist eben jener erwähnte Rumor, den die Marktstrategen des Buchgeschäfts ins Visier nehmen. Genauer gesagt, sie versuchen die Voraussetzungen zu erfüllen, die nötig sind, um ihn auszulösen. Großspurige Verlagsankündigungen begleiten die Veröffentlichungen. Auf den Buchrücken finden sich sogenannte „Blurbs“. Die Zitate sind immer öfter frei erfunden: „So großartig wie Der Name der Rose!“ ist da zu lesen, und in Klammern darunter zum Beispiel: Washington Post. Moralisch kontrovers besetzte Sujets erweisen sich generell als absatzfördernd. Je größer der Aufschrei, desto höher die Auflage. Ein triviales Machwerk wie  Fifty Shades Of Grey, objektiv ein zur Schwarte aufgeblasenes Groschenheft, wird plötzlich als literarisches Ereignis gefeiert. Als Megaseller und Blockbuster-Vorlage ist es freilich nichts als eine Gelddruckmaschine. Auf nationaler Ebene und im kleineren Maßstab ließe sich derselbe Vorgang bei dem Roman Feuchtgebiete von Charlotte Roche beschreiben. Ähnliches gilt auch für die Vermarktung von Filmen. Ein doofer Penälerstreifen wie Fack ju Göhte wird solange massiv in sämtlichen verfügbaren PR-Kanälen beworben, bis alle ihn „irgendwie süß“ finden.

Das Erfolgsmodell von Fifty Shades Of Grey eignet sich bestens, auch die zunehmende Attraktivität von Populisten zu beschreiben. Seit sich das Rumor-Prinzip des aggressiven Marketings in der Politik durchgesetzt hat, wird das Terrain des Politischen immer weniger mit Argumenten, immer mehr jedoch durch das Auffinden und Instrumentalisieren von Erregungsherden abgesteckt. Die populistischen Akteure surfen auf Wellen der Zustimmung und der Empörung, die sich wechselseitig hochschaukeln. Beide Wellen sind es, die sie zur Macht tragen. Sind sie einmal dort angekommen, setzen sie Vorstellungen von politischem Handeln um, die der amerikanischen Porno-Schmonzette an Trivialität in nichts nachstehen. Mit einem entscheidenden Unterschied: Sie schaffen nicht nur gewinnträchtige Hypes, sondern Wirklichkeiten. Das Pendant zur Trivialität auf der Ebene politischer Realität aber sind Willkür und Gewalt.

Die Liste der Beispiele für diese neue Praxis der Antidiplomatie, des offensiven Drohens, Verfälschens und Attackierens ist lang. Sie reicht – in verschiedenen Abstufungen – von Putin über Erdogan, Orbán, Kaczyński, Farage, Trump und so weiter bis in den Stil politischer Auseinandersetzungen hierzulande.  Der verunglimpfende Ton gegenüber der griechischen Regierung während der Schuldenkrise wäre hier zu nennen oder die Debatten um die Flüchtlingspolitik. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, aus einer Willkommens- eine Angstkultur zu machen. Die Liste ließe sich durch unzählige Scharmützel auf Nebenschauplätzen ergänzen. Wutbürger aller Art fühlen sich in ihrer vermeintlichen nationalen, religiösen oder sozialen Identität bedroht und machen ihrem Unmut mit verbalen und tatsächlichen Gewaltakten Luft. Rumor allerorten.

Das Prinzip selbst aber ist keineswegs neu. Es schien allerdings der Geschichte anzugehören. Pseudodemokratische, in Wahrheit demokratiefeindliche Gesten sind über Umwege in die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts zurückgekehrt. Sie erklären kollektive Stimmungen zum Volkswillen. Soziale Medien wie Twitter spielen dieser Entwicklung zweifellos in die Hände. Die Formen sogenannter „Schwarmintelligenz“, in der sich kollektive Stimmungen heute vor allem manifestieren, sind jedoch ihrem Charakter nach identisch mit dem, was schon Elias Canetti in „Masse und Macht“ für das Entstehen totalitärer Strukturen verantwortlich gemacht hat. Die Masse tritt an die Stelle des haltlos gewordenen Ichs und ersetzt es: „Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit. Sie ist absolut und indiskutabel und wird von der Masse selbst nie in Frage gestellt“, schreibt Canetti, „auf Unterschiede zwischen ihnen kommt es nicht an. Um dieser Gleichheit willen wird man zur Masse. Was immer davon ablenken könnte, wird übersehen.“ Dies macht begreiflich, warum auch die anonymen Absender kollektiv getragener, digitaler Botschaften des Hasses, der Wut und der Verachtung für jede andere als ihre blindwütigen „Meinung“ restlos unempfänglich sind.

Dieses uneinsichtige aggressive Beharren und Verteidigen mehr gefühlter als gedachter Positionen ist das große Problem unserer Rumor-Kultur. Vorgebildet und als Verhaltensmuster etabliert von der heute gängigen ökonomischen Praxis, ist sie im Begriff, Abschottung, Ausgrenzung und Entzweiung zur sozialen Norm zu erheben. Einen durchaus vergleichbaren Prozess umschreibt Karl Kraus, wenn er 1914 von der Feindschaft als letzter verbliebener Freiheit der Menschen unter dem Diktat der Wirtschaft spricht. Im selben Aufsatz findet sich auch die berühmte Sentenz: „Die jetzt nichts zu sagen haben, weil die Tat das Wort hat, sprechen weiter. Wer etwas zu sagen, der trete vor und schweige!“ Auf jeden Fall ließe sich vom beredten Schweigen Karl Kraus‘ und seiner Zeitschrift Die Fackel eine Menge lernen, wie dem Rumor zeitgenössischer Öffentlichkeit zu begegnen wäre, ohne ihn weiter zu vergrößern. Den Krieg beenden allerdings – auch das muss leider gesagt werden – konnte sogar Die Fackel nicht.


Externe Links:

Das freie Wort im Allitera Verlag

Leseprobe

Rezension der Süddeutschen Zeitung

Homepage von Norbert Niemann


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