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09.09.2017, 11:57 Uhr
Katja Huber
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© Edward Beierle

Die Autorin Katja Huber über Revolte, Jugend – und ein Futur II für die Gegenwart

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(c) Münchner Feuilleton 66 (2017)

Drängende Fragen bewegen die globalisierte Welt. In Europa, auf allen Kontinenten gehen und gingen viele für grundlegende Veränderungen auf die Straße. In Deutschland war es meist eine Jugendbewegung, die zumindest in Teilen Veränderungen bewirkt hat. Doch Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsgestaltung sind weder Pflicht noch Privileg einer einzigen Generation und schon gar nicht alleinige Aufgabe der Jugend.

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Die Bewältigung der deutschen Vergangenheit, die heute fast 90 Jahre zurückliegt, war mit den unangenehmen Fragen der nächsten und übernächsten Generation verbunden. Wo wart Ihr? Wie konntet Ihr nichts mitbekommen? Warum habt Ihr nicht gehandelt? Während die Elterngeneration, ob Täter oder Mitläufer, zu dem, was gewesen war, schwieg und gleichzeitig das Wirtschaftswunder feierte, versuchten Söhne und Töchter, die Lebenslüge einer jungen Republik aufzudecken. Fragen wandelten sich in Protest, aus Rebellion wurde Revolte. Die Revolution blieb aus, aber: immerhin! Man gab sich – nicht unberechtigt – genussvoll dem Eindruck hin, dass man, das sich etwas bewegte.

Doch die Zeit steht nicht still. Die, die damals der Töchter- und Söhne-Generation angehörten, sind ins Großeltern- und Urgroßelternlager gewechselt. Und sie sind sauer. Viele zumindest. Auf die, die damals noch gar nicht existiert haben. Auf die Jugend: Weil die Welt insgesamt nicht besser geworden ist, die heutige Jugend aber von Revolte so weit entfernt zu sein scheint wie die Mitglieder sogenannter internetbasierter Beteiligungsforen von der physischen Straße vor der eigenen Haustür. Weil Fragen zumindest hierzulande Fragen zu bleiben scheinen, und – überwiegend in sozialen Netzwerken diskutiert – kaum den Weg ins Leben finden, bevor sie vor Rebellion oder gar Revolution haltmachen. Weil ein politisches Bewusstsein früher zur Allgemeinbildung gehörte. So die Sicht einiger Ex-Bewegten. Dass das demokratische Recht auf Widerstand gegenüber dem Staat ignoriert, vergessen, nicht genutzt wird, stößt auf Unverständnis. Chaotische Straßenschlachten – wie zuletzt in Hamburg – ohne inhaltlich begründete Bewegung sind da eher Bestätigung für die Ignoranz als relevanter Widerspruch.

Die Fragen von einer Generation zur nächsten nehmen kein Ende. Wer heute in der Mitte des Lebens steht, noch davor oder bald auch danach, sollte sich also rechtzeitig und regelmäßig die Frage stellen: Wer wollen wir gewesen sein? Aus der Position des Futur II verändert sich die Perspektive auf die Gegenwart. Wie wollen wir gewesen sein? Wie wollen wir gehandelt haben? Was erst mal so einleuchtend wie nach purer Rhetorik klingt, entwickelt sich schnell zur hartnäckig insistierenden Gewissensprüfung. Die scheinbare Hilf- und Alternativlosigkeit gegenüber dem gesellschaftlichen Status quo kann zur aggressiven, weil höchst destruktiven Lebensweise werden. Passivität bedeutet Weltuntergang. Wilder Aktionismus aber auch. Deshalb kann es nicht um pure Revolte gehen, sondern um Verantwortung für das, was geschieht. Genauso wie ums Verantwortungübernehmen für das, was geschehen sein wird. Die Frage „Wer wollen wir gewesen sein?“ ist eine universelle.

 

 

Viele, die einst jung waren, viele der Babyboomer, auch die, die sich seit ihrer Positionierung in den 1960ern auf der richtigen Seite wähnen, haben in den vergangenen Jahrzehnten gelebt, als ob es kein Morgen gäbe oder der Gedanke an das Morgen ein Tabu wäre. Und nein, es ist kein Widerspruch, seit Mitte der 1980er-Jahre den Müll zu trennen, seit spätestens Ende der 1980er mit dem Begriff Nachhaltigkeit vertraut zu sein, den Nachwuchs auf Waldorf- und Montessori-Schulen zu schicken, auf dass er eine andere, eine bessere Welt erlebe, und trotzdem die Zukunft Zukunft sein zu lassen. Es ist kein Widerspruch – oder einer, den wir viel zu sehr verinnerlicht haben, um ihn in unserem Leben noch je aufzulösen zu können oder zu wollen?

Aber das gilt nicht. Wir alle müssen Bilanz ziehen: Für unsere Enkel und Urenkel wird Zukunft tatsächlich gleichzusetzen sein mit »Bedrohung«, wenn, ja wenn: kein radikales Umdenken im Hier und Jetzt stattfindet, wenn wir uns nicht darauf einigen können, Zukunft als Versprechen zu formulieren, anstatt sie zu ignorieren oder sich der Bedrohung zu beugen.

Deshalb endlich: Verantwortung, bitte! Keine Kinder mehr in diese Welt zu setzen, ist keine Lösung. Das Ende dieser Welt zu akzeptieren, auch nicht. Und Zynismus garantiert nur den Fortbestand des eigenen Magengeschwürs. Leisten wir uns die Naivität, unsere einzige Welt gemeinsam verbessern zu wollen! Eine Alternative haben wir sowieso nicht.

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Katja Huber schreibt Romane, Kurzprosa und Hörspiele, ist Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk und Mitbegründerin der Initiative Meet your neighbours. In Gesche Pienings Stück »Wer wollen wir gewesen sein?« (UA 15.9.2017, Staatstheater Darmstadt) ist sie für die Dramaturgie zuständig. Der BR sendet am 16.9. Pienings Feature »Heute mit beschränkter Haftung? Keine Gesellschaft ohne Zukunft« (Bayern 2, 13.05 Uhr; Wdh. 17.9., 21.05 Uhr), das das Thema fortsetzt.


Sekundärliteratur:

Dieser Artikel erschien als Printversion in: Münchner Feuilleton, Nr. 66 (2017).

Externe Links:

Website Gesche Piening

Website Katja Huber

Literatur von Katja Huber im BVB

Staatstheater Darmstadt

Das Feature im BR


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