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31.08.2017, 13:39 Uhr
Marlena Simmet
Redaktionsblog
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Plakat zur Ausstellung © fotografie: stefan moses / Münchener Stadtmuseum, Sammlung Fotografie. Gestaltung: unodue{münchen

Zum 50. Todesjahr von Oskar Maria Graf (4): Eine Ausstellung im Literaturhaus München

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Oskar Maria Graf, Berlin 1928 © Bayerische Staatsbibliothek / Bildarchiv

Seit über 20 Jahren ist der bayerische Weltschriftsteller Oskar Maria Graf zum ersten Mal wieder in München präsent. Seit dem 2. Juni findet im Literaturhaus München eine Ausstellung anlässlich des 50. Todesjahres des Autors statt. Sie ist noch bis zum 5. November zu sehen.

Der Titel der Ausstellung mit den drei Schlagworten „Rebell, Weltbürger, Erzähler“ beschreiben Grafs Facettenreichtum, seinen Weitblick, seine Offenheit und die Tatsache, dass Schreiben für ihn immer auch ein politischer Akt war. Egal, ob sich Graf in München, Wien, Brünn oder New York befand, er schrieb, schaffte Landschaften der Erinnerung, suchte nach dem Kern der wahren Heimat und blieb in seiner Überzeugung jegliche Art von Ideologie zu missbilligen, standhaft wie ein Baum, weshalb auch ein großer abstrakt dargestellter Baum den symbolischen Mittelpunkt des Ausstellungsraumes bildet. Thematisch steht im Zentrum der Ausstellung Grafs Zeit im Exil und die Frage nach der wahren Heimat. Die Ausstellung ist in fünf Stationen aufgeteilt, an denen jeweils zwei Schaukästen mit persönlichen Gegenständen, Briefen, Dokumenten, Typoskripten und Fotografien auf altertümlichen Schreibtischen aufgebaut sind. Jeweils ein kleiner Bildschirm, auf dem kurze Filmausschnitte aus Interviews von und oder mit Graf zu sehen sind und eine großflächige Projektion auf der den Schaukästen gegenüberliegenden Wand umranden die inhaltlichen Themenblöcke. Die Stationen, sind aufgeteilt in die Leitgedanken Politik, Netzwerk, Erinnerung, Sprache und Heimat. Sie bilden einen Kreis um den in der Mitte stehenden Baum.

Bevor man sich in den Ausstellungsraum begibt, steht man zunächst vor einer großen Tafel, auf der fünf Ölportraits Oskar Maria Grafs angebracht sind, gemalt von Karl Wähmann, bei dessen Familie Graf und seine Lebensgefährtin Mirjam Sachs 1932 viele Tage verbringen, um der gefährlichen Stimmung in München nach der Reichstagswahl zu entfliehen. Die Portraits sind in verschiedenen Stilrichtungen gemalt und bilden somit Grafs Vielseitigkeit ab. Die Gemälde stehen chronologisch am Anfang der Ausstellung, da sich Graf während der Tage bei den Wähmanns schon mit der Frage beschäftigte, wann es an der Zeit ist München oder gar das Land zu verlassen. Eine Frage, die nicht alle Zeitgenossen schon so früh und mit derartiger Weitsichtigkeit beantwortet haben.

Der Blick des Besuchers findet danach zwei Fotografien. Auf der einen ist Graf im dreiteiligen Anzug im Jahr 1928 zu sehen, auf der anderen Mirjam Sachs, die Graf 1890 kennenlernt, mit der er seit 1919 zusammenlebt und ab 1944 verheiratet ist. Die aus jüdischem Elternhaus stammende Cousine Nelly Sachs ist mit Rilke befreundet, arbeitet später als Auslandskorrespondentin und bleibt zeitlebens eine der wichtigsten Menschen in Grafs Leben und die bedeutsamste Unterstützerin seiner schriftstellerischen Arbeit.

Oskar Maria und Mirjam Graf, Sullivan County, 1948 (c) Bayerische Staatsbibliothek München / Bildarchiv

Die erste Station, die man dann erblickt, ist dem Thema Politik gewidmet. Graf sah sich 1933 dazu verpflichtet Stellung zur politischen Lage zu beziehen. Durch sein Image als Provinzschriftsteller musste Graf befürchten von den Nazis als Heimatliterat ideologisch vereinnahmt zu werden. Als seine Werke 1933 nicht der Bücherverbrennung zum Opfer fielen, veröffentlichte er während eines Aufenthaltes in Wien den Protestbrief „Verbrennt mich!", woraufhin eine Rückkehr nach Deutschland vollkommen ausgeschlossen war. Ab Februar 1933 lebte er dann zusammen mit Mirjam Sachs in Wien, hält dort unzählige Vorträge, gibt Lesungen und zieht politisch Stellung. Als sich die politische Lage auch in Österreich zusehens verschärft, ziehen Graf und Sachs 1934 weiter in den tschechischen Ort Brünn, wo sie bis zur Emigration nach New York 1938 leben werden. Graf bezeichnet später die Jahre in der Tschechoslowakei als seine glücklichsten. In den Schaukästen findet man mehrere Schnappschüsse aus dem Alltag des Paares, sowie einige Briefe an die Institutionen des NS-Staates, in denen Graf auf rebellische Art und Weise seinen Protest zum Ausdruck bringt. Außerdem finden sich Fotografien von Grafs Aufenthalt in der Sowjetunion 1934, wo er Gast des Unionskongresses der Sowjetschriftsteller war. Graf, ganz Rebell und Provokateur, ist überall nur in Lederhosen zu sehen.

Der nächste Abschnitt ist mit dem Begriff Netzwerk überschrieben. Graf baute sich in den Jahren des Exils enge Beziehungen zu internationalen Schriftstellern und Intellektuellen auf. Untereinander vernetzte man sich, um den Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu organisieren, aber auch um sich gegenseitig in Fragen der Emigration zu unterstützen. Während seines Aufenthaltes in der Sowjetunion knüpfte Graf Kontakte zu Schriftstellern wie Ernst Toller und Klaus Mann, die zu seinen Freunden werden. 1938 verhelfen der internationale Bekanntenkreis Graf und Sachs zur Emigration in die USA. Ohne die nötigen Kontakte, hätte das Paar die wichtigen Bürgschaften wohl nicht erhalten. Auch Graf ist später dafür bekannt, zahlreichen verfolgten Autoren und Freunden Visa zu beschaffen. Die Schaukästen enthalten viele Bilder und Briefe sowie ein Adressbuch Oskar Maris Grafs, die die engen Beziehungen unter den im Exil lebenden Schriftstellern zeigen.

„Zweifellos bleibt das Bild der Kindheit in einem Menschen bis zu seinem Tode gleichmäßig lebendig.“ Im Zentrum des nächsten Abschnitts, der sich der Erinnerung widmet, steht Grafs Hauptwerk Das Leben meiner Mutter. Graf und Sachs wohnen in New York in einer sehr kleinen Wohnung in Washington Heights. Ein Viertel, in dem sehr viele deutsche Auswanderer leben. Sachs arbeitet als Redakteurin bei der deutschen Zeitschrift Aufbau, Graf widmet sich voll und ganz seinem Schreibtisch, der umgeben von Postkarten, Landschaftsbildern und Fotos aus Bayern und von seiner Familie steht. Ein Foto des Arbeitsplatzes und alle Bilder, die Graf in seinem Zimmer hängen hatte, sind nun in der Ausstellung zu betrachten. Direkt vor sich hatte Graf ein Bild seiner Mutter hängen. Schon in Brünn hatte er damit begonnen, den autobiografischen Roman zu verfassen. Man sieht Briefe an seine Geschwister, in denen er sich zu Recherchen über die Familiengeschichte austauscht, sowie einen Stammbaum der Familie Heimrath-Graf. Das Leben meiner Mutter erschien 1940 zunächst in der englischen Übersetzung. Graf war sich sicher, auch wenn alle seiner Geschichten in Vergessenheit geraten würden, dieser Roman würde bleiben.

Graf war sich auch sicher: Heimat ist Sprache. Der vorletzte Abschnitt der Ausstellung ist deshalb auch der Sprache zugedacht. Graf verkehrt in New York hauptsächlich unter Deutschen, unermüdlich verweigert er sich dem Englischen und spricht, schreibt und denkt ausschließlich auf Deutsch beziehungsweise auf Bayerisch. Jedoch ist er begeistert von New Yorks Internationalität, Weltoffenheit und interkulturellem Austausch. 1943 gründet Graf seinen berühmt berüchtigten Stammtisch, der zum wichtigsten Bezugspunkt des wöchentlichen Austausches unter Emigranten wird. Auch wenn sich Graf in Amerika wohl fühlt und die völkerumfassende Offenheit in New York schätzt, gilt er in den USA als Kommunist und wird ab 1943 vom FBI überwacht. Er muss lange auf die Staatsbürgerschaft warten. Die Schaukästen sind dieses Mal gespickt mit Fotografien des Alltagslebens in New York, den Stammtischnächten und Fotos der Restaurants, Bars und Wirtshäuser, in denen Graf verkehrte.

Oskar Maria Graf beim Stammtisch in New York 1943 (zusammen mit Bert Brecht) © Allitera Verlag

Die letzte Station befasst sich mit dem Begriff Heimat. Als die Grafs 1958 endlich die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten, kann der Schriftsteller erstmals wieder nach Deutschland reisen und die Stadt München besuchen. Graf freut sich, alte Bekannte wiederzutreffen, ist allerdings auch entsetzt darüber, dass er ehemalige NS-Eliten auf städtischen Posten erblicken muss. Er überlegt nach Europa zurückzukehren, zieht es allerdings nie ernsthaft in Erwägung und wird bis an sein Lebensende in New York bleiben. Für Graf steht fest, dass die wahre Heimat kein Land ist, in dem man lebt, sondern dass sich Heimat in der Erinnerung an die Landschaften, der Sprache und im Kontakt zu Freunden manifestiert. Die Schaukästen zeigen Fotografien von verschiedensten Besuchen Grafs in Deutschland, Postkarten von Graf aus Amerika an das Ehepaar Randler, sowie Ausschnitte aus seinem letzten Roman Flucht ins Mittelmäßige, sein einziges Werk, das in New York spielt und sich ebenfalls mit der Suche nach Heimat befasst. 1959 stirbt Mirjam an Krebs, 1962 heiratet Graf Gisela Blauner, die schon seit längerem im Freundeskreis um Grafs Stammtisch verkehrt.

Den Abschluss der Ausstellung bildet ein großer Schaukasten, in dem, durch indirektes Licht beleuchtet, Grafs Lederhose ausgestellt ist. Eine Lederhose, die nicht nur für Heimat und bayerische Lebensart steht, sondern auch Ausdruck von Provokation, Protest und Rebellion war.

Die Ausstellung gibt einen allgemeinen Überblick über Graf als Schriftsteller, politischen Rebell und Alltagsmenschen. Sie ist für ein breites Publikum angelegt und dient hervorragend dazu, sich den Weltschriftsteller wieder in Erinnerung zu rufen. Betrachtet man die derzeitige weltpolitische Lage, so kommt man zu dem Schluss, dass es eine weise Entscheidung war, den Fokus der Ausstellung vor allem Grafs Exilleben zu widmen, seine langjährige Staatenlosigkeit zu beleuchten und seine kritischen Ansichten zu Heimat und Nation hervorzuheben. Der Schriftsteller Oskar Maria Graf und seine Literatur sind heutzutage von größter Aktualität.

Die Ausstellung des Literaturhauses München gelang in Kooperation mit der Bayerischen Staatsbibliothek und der Monacensia München, sowie mit Unterstützung der LMU, der Oskar Maria Graf-Gesellschaft und dem Bayerischen Rundfunk als Kulturpartner.

 

 


Externe Links:

Begleitprogramm zur Ausstellung 

 


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