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01.12.2017, 08:21 Uhr
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Die Schullesereihe „So fremd wie wir Menschen“ zieht Bilanz

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Alle Fotos © Laura Velte / Literaturportal Bayern

Seit Jahren ist die sogenannte Flüchtlingskrise ein zentrales gesellschaftliches Thema. Auch das Literaturportal Bayern beteiligt sich mit mehreren Projekten: 2015 war es Kooperationspartner der Buchpublikation Fremd, einer Anthologie gegen Fremdenfeindlichkeit, es hat zudem etliche Lesungen veranstaltet und unterstützt das Aktionsbündnis Wir machen das.

Nun geht es noch einen Schritt weiter, oder eher: tiefer, bis an die Graswurzeln der Gesellschaft, hinein in die Schulen. Die Reihe So fremd wie wir Menschen setzt auf Lesungen und Diskussionen nicht nur mit Erwachsenen und Tonangebern, die ihre festen Meinungen oft schon haben, sondern mit Heranwachsenden, mit Schülerinnen und Schülern, die von dem Flüchtlingsthema mindestens ebenso betroffen sind und ganz eigene Erfahrungen und Blickwinkel darauf haben.

Unterstützt vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst möchte die Schullesereihe mit Jugendlichen aus allen Schultypen Texte lesen, die aktuelle Situation diskutieren, über Hoffnungen und Ängste sprechen – und Anregungen zum eigenen kreativen Umgang damit bieten.

Bisher fanden dreizehn dieser Veranstaltungen statt. Sie führten quer durch Bayern, von München nach Lichtenfels, von Heilsbronn nach Neubiberg, von Bayreuth nach Unterschleißheim. Wegen der großen Nachfrage wird die Reihe im laufenden Schuljahr voraussichtlich fortgesetzt.

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Die erste Veranstaltung bestritt die Schriftstellerin Lena Gorelik in der Joseph-von-Fraunhofer-Realschule in München, durch einen grausamen Zufall nur drei Tage nach dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum. In den Beschreibungen der Schüler für die vergangenen Tage war entsprechend oft von Trauer die Rede, von bleibender Anspannung und immer wieder von Angst. Viele hatten für diesen Schultag zum ersten Mal wieder das Haus verlassen.

Passenderweise hieß der Text, den Lena Gorelik ihnen vorlas, Ängste. Er schildert, wie sich diffuses gesellschaftliches Unbehagen oft einfache Wege zur Entladung sucht – und sich dabei schnell auch gegen Menschen richtet, die mit der eigentlichen Ursache nichts zu tun haben. Dieses Sündenbock-Prinzip ließ sich auch im Zuge des Münchner Amoklaufs beobachten, denn obwohl dieser von einem Rechtsradikalen begangen wurde, war vielerorts sofort die Gefahr islamistischen Terrors durch Flüchtlinge beschworen worden.

 

 

Lena Gorelik in München, Sandra Hoffmann in Germering

 

Ein paar Monate später berichtete Sandra Hoffmann in Germering von ihren Besuchen bei Sinti und Roma in Albanien: von der Armut, in der die Menschen dort leben, von der Ausgrenzung und Diskriminierung, die sie erfahren, und ihrem eigenen „Standpunkt“ als Besucherin, der sich durch die Erfahrungen vor Ort plötzlich zwiespältig angefühlt habe.

Ihre Geschichte mit dem Titel Wo du stehst machte deutlich, dass es auch in Europa oder ganz in unserer Nähe schwere Konflikte und Verfolgung gibt – und damit auch Menschen, die alles tun würden, um etwa in Deutschland leben zu dürfen. Angesichts der Debatte über Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan oder den Krisengebieten in Afrika werde das oft vergessen, so Hoffmann. Kurz vor ihrer Reise hatte die deutsche Regierung Albanien zu einem sicheren Herkunftsland erklärt, so dass die dortigen Roma fast keine Chance mehr haben, in Deutschland Asyl zu erhalten. In ihrer Heimat aber werden sie missachtet, leben ohne Zugang zu Arbeit und Bildung, oft sogar ohne Strom und sauberes Wasser.

 

Norbert Niemann in Freising

 

In Freising trug Norbert Niemann aus seinem Roman Willkommen neue Träume vor, in dem ein kleines oberbayerisches Dorf mit den weitreichenden Auswirkungen der Globalisierung konfrontiert wird. In einem exemplarischen Mikrokosmos begegnen sich Welten, die einander zunächst fremd sind. Am Beispiel seiner literarischen Figuren zeigte Niemann die verschlungenen Phänomene von Anziehung und Abstoßung auf – oder in seinen Worten: „die Fremdheit als intime Vertrautheit". Dabei gab er den Schülerinnen und Schülern Einblick in die Köpfe der Protagonisten sowie in das besondere Vermögen der Sprache und des Schreibens: Andere Lebenswirklichkeiten erfahrbar machen, neue Perspektiven schaffen, darum gehe es in der Literatur. Nur über die Sprache als unser primäres Zeichensystem könne der Sprung in ein anderes Leben gelingen.

Eine sehr besondere und beunruhigende Lebenswirklichkeit präsentierte zuletzt Thomas von Steinaecker in Puchheim: Sein preisgekrönter Roman Die Verteidigung des Paradieses erzählt nämlich eine düstere Zukunftsgeschichte, eine Dystopie, in der die aktuellen Vorzeichen umgedreht sind: Deutschland ist verheert, eine Gruppe von Überlebenden versucht ein Flüchtlingslager im Ausland zu erreichen – und stößt auf harten Widerstand.

 

Thomas von Steinaecker in Puchheim

 

Das Genre der Dystopie entspreche, so Thomas von Steinaecker in der Diskussion, durchaus seiner Wahrnehmung der Gegenwart. An sich selbst hat er in den vergangenen Jahren sogar zunehmend das Phänomen der 'Angst-Lust‘ bemerkt, das auch den Schülern nicht fremd ist, wie sie einräumten. Die Katastrophenbilder, mit denen sie nahezu täglich in den Medien konfrontiert sind, würden häufig ein ambivalentes Gefühl erzeugen, das gleichzeitig Betroffenheit, Schock und eine Art lustvolle Sucht danach beinhalte.

Die Schüler erkannten hier einen Doppeleffekt: Themen wie die Flüchtlingskrise oder die terroristische Bedrohung seien dauerpräsent und würden oft vorschnell vermischt; so wirkten sie noch erschreckender. Gleichzeitig stumpfe man immer mehr ab und sensibilisiere sich in der Wahrnehmung für noch größere Gefahren. Man beschwöre sie gewissermaßen herauf – fast wie der Autor in seinem Roman. (Zum Schulbericht der Veranstaltung)

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Dies sind nur ein paar exemplarische Schlaglichter. Neben den genannten waren bisher folgende Autorinnen und Autoren beteiligt (in der Chronologie der Veranstaltungen):

Tilman Spengler besuchte die Wittelsbacher Mittelschule in München: Zum Blogbericht

Katja Huber besuchte die Markgraf-Georg-Friedrich-Realschule in Heilsbronn: Zu dem von ihr gelesenen Gedicht Fremdschämen

Gert Heidenreich die Realschule Neubiberg: Zum Bericht im Gemeindejournal

Johano Strasser das Klenze-Gymnasium in München-Sendling: Zu der von ihm gelesenen Kurzgeschichte Metzgersgang

Nora Gomringer die Johannes-Kepler-Realschule in Bayreuth: Zu ihrer Rede an die Jugend

Dagmar Leupold das Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium Bayreuth: Zu der von ihr gelesenen Kurzgeschichte Blaubart unlimited

Mercedes Lauenstein die Therese-Giehse-Realschule in Unterschleißheim: Zum Originaltext der Autorin

Andrea Heuser das Meranier-Gymnasium in Lichtenfels: Zum Artikel bei In Franken

Doris Dörrie das Wittelsbacher Gymnasium in München: Zum Schulbericht

 

 

   

Tilman Spengler, Fridolin Schley, Johano Strasser, Gert Heidenreich, Andrea Heuser, Doris Dörrie, Mercedes Lauenstein (von links oben nach rechts unten)

 

Allen Beteiligten gilt großer Dank, auch und gerade den Schulen und ihren Lehrkräften, die die Veranstaltungen stets mit Engagement vorbereitet und begleitet haben.


Externe Links:

Das Buch FREMD im P. Kirchheim Verlag, in Kooperation mit dem Literaturportal Bayern

 


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