Info
30.08.2017, 12:55 Uhr
Petra Morsbach
AutorInnen-Blog
images/lpbblogs/autorblog/Morsbach_164.jpg
© Bogenberger / autorenfotos

Ein Auszug aus dem neuen Roman von Petra Morsbach

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/autorblog/2017/klein/Morsbach-Cover_kl.jpg

Im August las die Autorin bereits auf dem 37. Erlanger Poetenfest aus ihrem neuesten Roman Justizpalast, ab dem 9. September ist er nun auch in den Buchläden erhältlich. Petra Morsbach erzählt darin von Gerechtigkeit und jenen, die sie schaffen sollen. Ihre Hauptfigur mit dem sprechendem Namen Thirza Zorniger stammt aus einer desaströsen Schauspielerehe. Sie wird Richterin im Münchner Justizpalast, doch auch hier ist die Wirklichkeit anders als in der Theorie: Eine hochdifferenzierte Gerechtigkeitsmaschine muss das ganze Spektrum des Lebens verarbeiten, wobei sie sich gelegentlich verschluckt, und auch unter den Richtern geht es bisweilen zu wie in einer chaotischen Familie. Wir veröffentlichen vorab den Anfang dieses beeindruckenden Romans, der soeben mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet wurde.

*

Der Traum

Schon Thirzas Mutter wäre gern Richterin geworden. Doch dann kam Carlos Zorniger dazwischen.

Carlos Zorniger war Schauspieler und recherchierte am Strafgericht für eine Filmrolle. Thirzas Mutter, damals Referendarin, hatte ihn im Residenztheater als Gessler gesehen und errötete am Richtertisch. In einer Verhandlungspause trat er auf sie zu und sagte: „Ich bin Carlos Zorniger und würde Sie gern löchern.“ Die kleine Thirza hat noch erlebt, wie er auf Partys mit dieser Anekdote brillierte, wenn einer fragte, wie er, der alte Troll, die junge Schönheit erobert habe. „Ganz einfach“, antwortete er in farbigem Bass. „Ich sah sie, als ...“ und so weiter. Zunächst hatte die Mutter mitgespielt, indem sie sich neben ihn stellte und wisperte: „Gerne ... wenn ich Ihnen helfen kann?“ Dann gab es sprachbewusste und genießerische Lachsalven. Carlos und Gudrun waren ein angesagtes Schwabinger Bohèmepaar.

Carlos Zorniger, Augenbrauenwunder, Hufschmiedstatur, gebürtiger Berliner, war sechsundzwanzig Jahre älter und hatte bereits vier Kinder aus drei Ehen. Gudruns Eltern sträubten sich vergeblich. Sie wohnten bescheiden als Heimatvertriebene in einem alten Handwerkerhaus in München-Pasing und hüteten ihre begabte Tochter. Gudrun lebte noch als Referendarin zu Hause. Als einziges überlebendes Kind sollte sie die Familie für verschiedene Katastrophen und Bedrückungen entschädigen und tat auch ihr Bestes und verbarg oder verdrängte darüber ihr eigenes Temperament. Doch lehnte sie alle soliden Verehrer ab, die strebsamen Kommilitonen ebenso wie zwei junge Kollegen des Vaters, der als Jurist beim Bayerischen Rundfunk angestellt war. Ihre Gefühle nährte Gudrun in Theater und Oper: gebilligte Fluchten, denen väterliche Vorträge über Schiller und Puccini vorausgingen, während Gudrun davon träumte, mit Mortimer durchzubrennen oder von Scarpia vergewaltigt zu werden. Einmal begleiteten die Eltern sie ins Residenztheater zu Wilhelm Tell und sahen Carlos Zorniger als wilden Gessler. Im Foyer stand Gudrun lange vor einem Zorniger-Starfoto. Ihr Vater bemerkte im Vorübergehen: „Der sieht verkommen aus.“ Das war die Vorgeschichte.

Übrigens verdiente Zorniger gut und konnte etwas bieten: Beletage in der Hohenzollernstraße, Prominenz zu Gast, Feste bis in den Morgen. Gudrun trat zum zweiten Staatsexamen nicht mehr an. Die Ehe war turbulent. Fotos zeigen ein begeistertes, fast atemloses Paar. Carlos war viel unterwegs. Wenn er ging, war es wie Dämmerung, wenn er kam, wie eine bunte Wolke, er brachte alles zum Leuchten und hinterliess Leere. Einmal gab es Streit. Danach lagen sie auf einer Wiese und hielten einander umschlungen, mit der zweijährigen Thirza dazwischen oder darauf. Thirza rief immer wieder: „Mütich! Mütich!“ – was „gemütlich“ heißen sollte. So hat es Thirzas Mutter später erzählt. Thirzas Erinnerung setzt erst später ein.

Manchmal waren fremde Frauen am Telefon. Gudrun schimpfte. Carlos lachte: schließlich komme sie nicht zu kurz; wenn sie etwas entbehre, möge sie sich melden. „Es geht in einer Ehe nicht nur um das Eine“, stiess Gudrun hervor. – „Ach nein? Und worum denn? Soll ich dich auf Händen tragen?“ fragte Carlos, hob sie hoch und trug sie auf Händen. Es gibt ein Schwarzweissfoto aus dieser Zeit, das anscheinend nach einem Ehekrach aufgenommen worden war, übrigens von einem sehr guten Fotografen. Die Gatten kleben Rücken an Rücken aneinander. Geknipst außen, tags. Gudrun – im Trenchcoat, weiche Locken, lange Wimpern, zartes Profil – blickt trotzig nach rechts aus dem Bild und kann sich doch nicht lösen. Carlos, kleiner als sie, Lederjacke, wendet das Gesicht nach vorn, halb über die Schulter ihr zu. Die Augen sind vom Schirm einer Schiebermütze verdeckt; eigentlich sieht man nur sein muskulöses Grinsen. Der ganze Mann strahlt die gelassene Erwartung eines bewährten Zuchthengstes aus.

Allerdings hatte der unwiderstehliche Carlos eine dunkle Seite. Sie zeigte sich zunehmend häufig, mal als Zynismus, mal als eisige Fremdheit. Die kleine Thirza prüfte vor jeder Begegnung unauffällig seine Stimmung. War er gut gestimmt, sprang sie in seine Arme, war er böse, schlich sie vorbei. Es war, als hätte sie zwei Väter. Die Mutter war stabiler: am Anfang verlässlich neugierig und lebensfroh, später ebenso verlässlich grau, bitter, krank.

Irgendwie geriet alles in Schieflage. Eine unbekannte Frau klingelte an der Tür, als die Eltern unterwegs waren, trat ungefragt ein, lief schimpfend durch die Zimmer und blickte hinter Vorhänge und in Bücherregale, als suche sie etwas. Die kleine Thirza verstand nur einzelne Worte: „Pah ... abgeschmackt! Du ahnst es nicht ... mein Gott, ist das – unverschämt!“ Thirza hatte das Gefühl, Verantwortung übernehmen zu müssen, und traute sich nicht; sie folgte der Frau gepeinigt und beschämt. In der Küche ging die Fremde in die Knie, starrte Thirza aus hellblauen Augen an und sagte mit flirrender Stimme: „Hier hab ich ein Geschenk für deinen Papa.“ Sie zog etwas aus der Handtasche wie ein großes Ei, in Wachspapier gewickelt. „Aber sag der Mama nichts davon. Ist nur für ihn.“ Sie öffnete den Kühlschrank, musterte schimpfend den Inhalt und schob das Geschenk ins Gefrierfach. „Du gehst da nicht ran, verstanden?“ Dann glitt sie hinaus wie eine Schlange; Thirza, die nicht gewagt hatte ihr zu folgen, hörte erleichtert, wie die Tür ins Schloss fiel.

Weil Thirza meinte versagt zu haben, erzählte sie keinem davon. Carlos erschien missgelaunt, da sprach man ihn nicht an, und Gudrun war eine nachlässige Hausfrau, die ihre Vorräte ohnehin nicht kannte. Thirza hatte das Geheimnis beinahe vergessen wie einen schlechten Traum, da flog es auf.

„Was ist das?“

„Das war ... für Papa!“ wisperte Thirza erschrocken.

„Wie kommt das hierher?“

Thirza brach in Tränen aus. Die Eltern starrten in das geöffnete Wachspapier und begannen zu streiten, fauchend und pfeifend, es klang wie Peitschenhiebe.

Thirza floh auf die Straße und lief bis zum Bahnhof, wo sie den gewohnten Zug nach Pasing zu den Großeltern nahm – sie hatte sich den Weg gemerkt, ohne es zu wissen.

Die Großmutter erzählte später, ein Fahrgast habe das panische Kind bei ihnen abgeliefert; sie ihrerseits brachte es zu Tante Schossi und Tante Berti, die den oberen Stock des Häuschens bewohnten. Tante Schossi und Tante Berti waren Schwestern der Großmutter. Da der Großvater gegen Kindergeräusche empfindlich war, nahmen sie Thirza in ihre Obhut.

Thirza habe mit aufgerissenen Augen auf der Couch gesessen, während sie ihr heiße Milch mit Honig einflößten – es war ein dämmriger Herbstabend. Später nahm Tante Berti sie mit in ihr schmales Bett. Thirza spürte am Rücken den warmen, weichen Leib, weinte ein bisschen und schlief darüber ein. Als sie aufwachte, schien die Sonne durch die grauen Gardinen, es duftete nach Kaffee und Orangenschalen, die Tür stand offen, in der gemeinsamen Wohnstube sprachen die Tanten mit gedämpften Stimmen. Man hatte ermittelt. Der Opa kam langsam die knarzende Stiege hinauf. „Wusstest du nicht, dass man keine fremden Leute einlässt, wenn Mama und Papa nicht da sind?“ Thirza hatte es nicht wirklich gewusst, nur geahnt; ihre Augen füllten sich mit Tränen, gleichzeitig fühlte sie eine betäubende Hitze in sich aufsteigen und sank in die Kissen. „Aber siiiehste nicht Willi, se hat Fiiieber“, das war die volle, tiefe Stimme von Tante Berti, und Opa verschwand. Unter der schweren Glocke dieses Fiebers erholte sich Thirza und lernte nebenbei ein neues Wort: Embryo. Wieder zu Hause, lernte sie ein weiteres: Simulantin.

 


Externe Links:

Pressemeldung auf Buchmarkt.de

Homepage von Petra Morsbach

Justizpalast im Albrecht Knaus Verlag


Kommentar schreiben