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Originalton-Vorstellung von Thomas Manns Vortrag „Goethe und die Demokratie“

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München-Besuch von Thomas Mann im Oktober 1952 (Bayerische Staatsbibliothek/Timpe)

Nach 16 Jahren Exil hielt Thomas Mann am 29. Juli 1949 im Festsaal des Bayerischen Wirtschaftsministeriums, dem ehemaligen Haus des NS-Luftgaukommandos, auf Einladung der Landeshauptstadt München und des Schutzverbands Deutscher Schriftsteller, den Vortrag „Goethe und die Demokratie“. Die Rede wurde vom Bayerischen Rundfunk seinerzeit zwar aufgenommen, aber nicht gesendet. Dirk Heißerer hat die Aufnahme, den Auszug der Pressekonferenz und das Interview kürzlich im Archiv des Bayerischen Rundfunks wiederentdeckt und konnte sie vor Publikum erstmals wieder am Originalschauplatz präsentieren.

Ein durch und durch historischer Moment. Am Freitagabend, den 21. Juli 2017 dürfen wir, ein glückliches, sehr gespanntes Publikum, zum ersten Mal die Veröffentlichung der Originaltonaufnahme dieser Rede hören. Nach Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft durch das NS-Regime war Thomas Mann im Sommer 1949 als amerikanischer Staatsbürger nach Deutschland zurückgekommen, um in Frankfurt am Main und in Weimar anlässlich des 200. Goethe-Geburtstags jeweils Preise entgegen zu nehmen. Selbstverständlich waren auch die Münchner darum bemüht, den Dichter in ihre Stadt, wo Thomas Mann mit seiner Familie die Hälfte seines Lebens verbracht hatte, einzuladen. Mann sprach bereits zuvor über dieselbe Thematik in Städten Englands und Skandinaviens. Doch die Münchner Rede unterschied sich darin, dass Mann „in der Hauptstadt der Bewegung“ den Fokus auf den Versuch legte, durch die Betrachtung Goethes als Weltbürger das Verhältnis der Deutschen zur Demokratie zu überdenken und einen Aufruf an ein „europäisches Deutschland“ zu wagen.

Nachdem alle ihre Sitzplätze in dem historischen Festsaal eingenommen haben und mit gespannten Gesichtern auf die Bühne sehen, wo auf eine weiße Leinwand ein Bild Thomas Manns während einer Lesung projiziert wird, betritt Dirk Heißerer die Bühne und beginnt mit einer kurzen Einführung, in der er die bereits erwähnten Eckdaten zur Rede Thomas Manns erklärt. Dann übergibt er das Wort an Thomas Mann persönlich und aus den Lautsprechern des Saals ertönt die lebendige Stimme des Dichters. Gleich zu Beginn passiert Mann ein kleiner Versprecher, als er vom 200. „Todesjahr“ Goethes und nicht seinem 200. Geburtstag spricht. Mann verbessert sich allerdings sofort und es folgt ein leises Schmunzeln des Schriftstellers. Trotz Bedenken bezüglich der Akustik ist die Stimme Thomas Manns sehr gut verständlich. Der Dichter spricht bei seiner Rede sehr deutlich und äußerst langsam, dreimal so langsam wie heutige Nachrichten- bzw. Radiosprecher. Da am 29. Juli 1949 ein extrem heißer Sommertag war, waren die Fenster des Saales geöffnet. Im Hintergrund der Tonaufnahme sind daher ab und an Straßengeräusche, eine vorbeifahrende Trambahn sowie ein knatterndes Motorrad zu hören. Dies tut der Verständlichkeit der Tonaufnahme allerdings keinen Abbruch, im Gegenteil, es lässt eine besonders authentische Atmosphäre entstehen, so dass man sich fast ganz so fühlt, als sei man tatsächlich vor 68 Jahren live dabei gewesen. Wir tauchen Wort für Wort immer tiefer ein in Manns Rede, seine Stimme, seinen Redefluss und seine Thematik.

Dirk Heißerer teilt die Tonaufnahme in sieben Sinnabschnitte ein, zwischen denen er immer kurz innehält, die Tonaufnahme kurz stoppt, das von Thomas Mann Gesagte zusammenfasst und einen Ausblick auf die nächste Passage gibt. Somit wird die anspruchsvolle Thematik des Vortrags für jeden gut verständlich und nachvollziehbar.

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Auch Thomas Mann kann natürlich nicht verschweigen, dass Goethe in manchen Bereichen alles andere war als ein bürgerlicher Demokrat. Doch lässt sich eine politisch-soziale Gesinnung bei Goethe erkennen, die sich in einer großen Offenheit für Zukunft, Reform, Entwicklung, Erneuerung und Wandel ausdrückt, die mit konservativen Tendenzen durchaus vereinbar ist. Im ersten Abschnitt seiner Rede geht Mann zunächst auf Goethes Verhältnis zu England und zur Demokratie ein sowie Goethes Vitalität und seine damit einhergehende „Lebensfreundschaft“, wie er es nennt. Goethe belächelte oft andere ständig kränkelnde Dichter, deren melancholische Einstellung zum Leben er nicht verstehen konnte.

Die zweite Passage befasst sich mit Goethes Bewusstsein seiner eigenen Wohlgeratenheit, die sich in Goethes Ausspruch der „angeborenen Verdienste“ manifestiert, was in sich bereits ein Widerspruch ist. Im weiteren Verlauf spricht Mann dann über Goethes Einstellung zur Reformation. Die kämpferische Persönlichkeit Luthers imponierte Goethe, auch wenn er dessen Religion ablehnte. Es folgt Goethes Blick auf die Französische Revolution, die Goethe zeitlebens ein Dorn im Auge war. Goethe hieß zwar Wandel und Erneuerung gut, allerdings durfte seiner Ansicht nach die Gesellschaft niemals mit Gewalt in eine neue Richtung gedrängt werden.

Thomas Mann widmet sich dann Goethes Verhältnis zum Christentum. Mann kristallisiert heraus, dass sich Goethes propagiertes Heidentum und seine betonte Abneigung gegenüber dem Kreuz durchaus auch mit einer offenkundigen Sympathie in Richtung des christlichen Glaubens verbinden. Goethe verneint zwar die Tendenz des Katholizismus, über seine Gemeindemitglieder herrschen zu wollen, befürwortet aber zutiefst die sittliche Kultur des Christentums, die Nächstenliebe und den menschlichen Geist, der in den Evangelien zutage tritt. Die Humanität und die antibarbarischen Tendenzen im Christentum gewinnen seine Sympathie. Er erkennt zudem im Christentum demokratische Werte.

Johann Wolfgang von Goethe, Ölgemälde von Joseph Karl Stieler, 1828

Den letzten Sinnabschnitt widmet Thomas Mann der Liebe. Liebe sei das Wort, das in Goethes Werk am häufigsten fällt. Mann hebt nochmals Goethes Liebe zum Leben und dessen Lebensfreude hervor und stellt dann einen Bezug zum Nachkriegs-München und dem Wiederaufbau her. Es sei durchaus Energie und Lebensbejahung bei den Bürgern der zerstörten Stadt erkennbar, auch wenn es in erster Linie zunächst natürlich vor allem ums Weitermachen gehe.

Letztlich wird klar, dass Goethes Natur, die von Widersprüchen geprägt war, manchmal auch antidemokratische Tendenzen aufweist. Goethes Wille überleben zu wollen und sich nicht poetisch aufzuarbeiten, seine unermüdliche lebensbejahende Einstellung, verbunden damit, die Dinge wirklich anzupacken, sind für Thomas Mann schließlich die wesentlichen Merkmale dafür, dass man Goethe als europäischen Demokraten ansehen darf.

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Thomas Mann trug die Rede „Goethe und die Demokratie“ stark gekürzt vor, so dass der Inhalt, bei einem mündlichen Vortrag, gut verständlich und nachvollziehbar für das Publikum war. Der Vortrag dauerte knapp eine Stunde.

Direkt nach seiner Rede wurde Thomas Mann von einem Journalisten interviewt. Dirk Heißerer hat auch diese Tonaufnahme dabei und spielt diese nun ebenfalls vor. Es ist erstaunlich, nun einen ganz anders sprechenden Thomas Mann zu erleben. Bei seinem Vortrag sprach Mann äußerst langsam und mit einer völlig anderen Betonung als während des Interviews, bei dem man ihn im Alltagsjargon hören kann. Er bekommt zunächst die Frage gestellt, ob er bei seinem Besuch in Bayern bereits alle alten Lieblingsorte besuchen konnte, woraufhin Mann antwortet, dass er dies aus zeitlichen Gründen nicht mehr schaffen würde. Auch die Frage, ob er das alte Wohnhaus der Manns schon besucht habe, muss er verneinen. Des Weiteren wird der Schriftsteller noch gefragt, an welchem Thema er gerade arbeite. Der Journalist wirkt etwas aufgeregt und höchst respektvoll dabei. Es wirkt fast so, als sei es ihm peinlich, Mann derart „intime“ Fragen zu stellen. Zum Schluss bedanken sich beide Seiten und Mann wird noch ein schöner Aufenthalt in Deutschland gewünscht.

Abschließend spielt Dirk Heißerer noch einen Auszug aus der Pressekonferenz vor, die bezüglich Thomas Manns Aufenthalt in München abgehalten wurde. Neben Thomas Mann kann man auch kurz die Stimme des damaligen Oberbürgermeisters Thomas Wimmer hören. Der Frage, ob Thomas Mann bei seiner Fahrt nach Weimar auch das Konzentrationslager Buchenwald besuchen würde, weicht der Schriftsteller aus und konstatiert, dass es sich wohl eher um eine rhetorische Frage handeln würde. Ferner erkundigt man sich bei ihm, wie er die Lage und Stimmung in München einschätze und was er der Stadt für die Zukunft wünsche. Mann antwortet mit ähnlichen Worten wie zum Abschluss seiner Rede. Er spüre durchaus Willenskraft und Energie unter der Bevölkerung sowie Kraft, die den Wiederaufbau vorantreiben werde. Dirk Heißerer weist nach dem Einspieler der Pressekonferenz noch darauf hin, dass Mann wohl sehr erschüttert über die zerstörte Stadt war und bei seiner Ankunft wohl auch ein paar Tränen vergoss.

Das Thomas-Mann-Forum München e.V. konnte den Abend nur in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München sowie mit freundlicher Genehmigung des Bayerischen Rundfunks und des S. Fischer Verlages (Frankfurt a.M.) realisieren.


Externe Links:

Thomas-Mann-Forum München e.V.

Homepage von Dirk Heißerer

Goethe und die Demokratie bei S. Fischer


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