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26.09.2017, 07:30 Uhr
Laura Velte
AutorInnen-Blog
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Zum 50. Todesjahr von Oskar Maria Graf (5): Über Erinnerung und Identität in seinem Werk

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Manhattan Bridge, New York City

Die 128. Ausgabe der Literatur in Bayern (Allitera Verlag, München) widmet ihren Schwerpunkt dem selbsternannten „Provinzschriftsteller“, geschichtenerzählenden Revolutionär und international erfolgreichen Autor Oskar Maria Graf aus Berg am Starnberger See. Die Autorinnen und Autoren beleuchten unterschiedliche Facetten des widersprüchlichen Dichters, dessen Tod im Exil in New York sich 2017 zum 50. Mal jährt. Mit einer Blogreihe zum Jubiläum sagt auch das Literaturportal Bayern: Dankschee und Pfiad di, Oskar!

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1927 gelingt Oskar Maria Graf mit seinem autobiographischen „Bekenntnis“ Wir sind Gefangene der schriftstellerische Durchbruch. Das unkonventionelle Selbstbekenntnis umfasst einerseits die einschneidenden gesellschaftlichen Veränderungen und die extremen politischen Erschütterungen des beginnenden 20. Jahrhunderts, anderseits erzählt es von der Flucht eines bäuerlichen Bäckerlehrlings vor dem Gewaltregiment seines Bruders und seiner Suche nach dem Glück als Schriftsteller in der Großstadt.

Ebenso wie die als Schlaglichter in die Lebenserzählung eingewobene bewegte Historie das noch junge Jahrhundert prägt, so formt sie den jungen Schriftsteller Graf, der mit Wir sind Gefangene seine eigene „Entstehungsgeschichte“ schreibt. Flucht, Suche und Ankommen sind die Stationen der ersten Autobiographie, in der der Weg hin zum Schriftstellersein abgeschritten wird.

Die wechselseitige Bezogenheit von Leben und Literatur macht die Besonderheit der autobiographischen Texte eines Dichters aus – sie sind immer auch die Geschichte eines beruflichen Werdegangs und eines schriftstellerischen Selbstverständnisses. In und durch die Autobiographik wird „erzähltes Leben“ zur literarischen Erinnerung.

Viele Jahre später befindet sich Graf wieder auf der Flucht. Er verlässt Deutschland 1933 aufgrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und kommt (nach einigen Zwischenstationen) schließlich in New York an. Mit vierzig Jahren Distanz zu den Erlebnissen seiner Jugend (er arbeitet von 1961 bis 1965 an diesem Buch) erzählt der gealterte Schriftsteller im Exil erneut seinen Werdegang. Er schreibt mit Gelächter von außen seinen letzten autobiografischen Text und damit die Geschichte des Exilschriftstellers Oskar Maria Graf.

Zweimal erzählt Graf rückblickend, wie er zum Autor wurde, zweimal stilisiert er ein Schriftstellerbild, zweimal ändert sich alles – außer das Dichtersein als Ziel- und Endpunkt des Lebens und Schreibens. Beide Erinnerungstexte sind auf einen Fluchtpunkt ausgerichtet: die schriftstellerische Identität.

Wie die Betrachtung der Texte zeigt, sind es verschiedene Alter-Egos des Autors, die von ihrer jeweiligen Gegenwart aus über das Vergangene berichten, stets bedacht auf die Begründung und Legitimierung der gegenwärtig bestehenden Identität, die sich aus der Erinnerung speist. Illustrieren lässt sich dies bereits anhand zweier Vorworte, die Graf für Wir sind Gefangene verfasst hat. Eines stammt aus der Entstehungszeit der Autobiographie, das zweite aus dem Exil in New York.

Knapp und auf die Authentizität der folgenden Lebensbeschreibung bedacht, äußert sich das Ich in der Vorrede, datiert auf „Ende Juli 1926“: „[…] Nichts in diesen Blättern ist erfunden, beschönigt oder zugunsten einer Tendenz niedergeschrieben. Erinnerung und nochmalige Vergegenwärtigung reihten Wort an Wort. Dieses Buch soll nichts anderes sein als ein menschliches Dokument dieser Zeit.“ (S. 15)

Das schriftstellerische Programm ist die „menschliche“ Dokumentation der politischen Ereignisse und ihrer gesellschaftlichen Dimensionen und die Herleitung des eigenen Durchbruchs als Autor.

Das zweite Vorwort, verfasst zur ersten Ausgabe nach 1945 im Jahr 1965, zeigt bereits eine deutliche Wandlung in Bezug auf das Selbstbild des Schreibenden und seinen Anspruch. Es zeugt von einer zeitlichen, aber vor allem geistigen Distanz zum ersten Text:

„Wahrhaftig […], wenn ich mich heute, nach über dreißig Jahren, an meinen damaligen Zustand zurückerinnere, so muß ich zugeben, daß mich all dieses überrumpelnde ungemein verwirrte, ja, ganz zuinnerst sogar schockierte […]. Jetzt auf einmal fing ich an, gründlich über mich und meine Stellung zur Literatur nachzudenken und landete stets bei der bedrängenden Frage: ‚Für was und für wen schreibt man?‘ […] Mein Buch jedoch, niedergeschrieben mit der ganzen bedenkenlosen, flackernden Subjektivität eines rebellischen Dreißigjährigen, […] hatte sich, ohne daß ich dies ahnte oder wollte, sozusagen während des Schreibens zu einem umfassenden Dokument der höchst bewegten Zeit von 1905 bis zum Zusammenbruch der deutschen Revolution von 1918 ausgeweitet[.]“ (S. 10ff.)

Bei dieser Selbsteinschätzung und der Frage nach der schriftstellerischen Aufgabe handelt es sich nicht mehr um die Worte des erzählenden Ichs der Autobiographie, sondern um ein erinnerndes Ich, das sich etliche Jahre nach der Erstveröffentlichung äußert, als Oskar Maria Graf bereits ein etablierter Berufsschriftsteller ist. Die Erinnerung an das eigene Schaffen zeugt zugleich von der Selbstinszenierung und der Stilisierung des großen Durchbruchs und der selbstironischen Beschäftigung mit dem eigenen Leben und Schreiben.

Das zweite Vorwort nimmt so eine Mittelstellung im Graf’schen Werk ein. Es entstand im selben Jahr, in dem Graf seine Arbeit an Gelächter von außen beendete. Es überrascht also nicht, dass sich schließlich auch die Einleitung zu Gelächter von außen wie eine gedankliche Fortsetzung lesen lässt.

Gemeinsam ist allen drei Vorreden die Selbstinszenierung als Dokumentar einer politisch bewegten Zeit. Gemeinsam sind ihnen daher auch eine sie bestimmende Schriftstelleridentität und das Streben nach der schreibenden Selbstverwirklichung, die zu Beginn von Wir sind Gefangene ein- und bis zu Gelächter von außen fortgeführt wird. Und dass sich das erzählende Ich explizit als Schriftsteller zeigt, hat Konsequenzen für die Betrachtung der Texte: Die Autobiographien eines Künstlers sind auch als Kunstwerke zu lesen.


Sekundärliteratur:

Ulrich Dittmann, Graf, Oskar Maria: Wir sind Gefangene, 1927, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns. URL.

Externe Links:

Website Literatur in Bayern

Oskar Maria Graf im Allitera Verlag


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