Info
20.07.2017, 11:51 Uhr
Johano Strasser
AutorInnen-Blog
images/lpbblogs/autorblog/2017/klein/strasser_johano_170.jpg
© Amrei-Marie

Eine Kurzgeschichte von Johano Strasser

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/autorblog/2017/klein/Schullesereihe_Strasser-25500.jpg
Alle Fotos © Laura Velte / Literaturportal Bayern

Seit zwei Jahren ist die sogenannte Flüchtlingskrise ein zentrales gesellschaftliches Thema. Auch das Literaturportal Bayern beteiligt sich mit mehreren Projekten: 2015 war es Kooperationspartner der Buchpublikation Fremd, einer Anthologie gegen Fremdenfeindlichkeit, es hat zudem etliche Lesungen veranstaltet und unterstützt das Aktionsbündnis Wir machen das. Nun geht es noch einen Schritt weiter, oder eher: tiefer, bis an die Graswurzeln der Gesellschaft, hinein in die Schulen. Die Reihe So fremd wie wir Menschen setzt auf Lesungen und Diskussionen nicht nur mit Erwachsenen und Tonangebern, die ihre festen Meinungen oft schon haben, sondern mit Heranwachsenden, mit Schülerinnen und Schülern, die von dem Flüchtlingsthema mindestens ebenso betroffen sind und ganz eigene Erfahrungen und Blickwinkel darauf haben. Unterstützt vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst fand am 29. Juni 2017 am Klenze-Gymnasium in München-Sendling eine weitere Veranstaltung der Reihe statt. Vorgestellt von Fridolin Schley, war diesmal Johano Strasser zu Gast. Er las für die Schülerinnen und Schüler die folgende Kurzgeschichte, die hier erstmals veröffentlicht wird.

 *

Johano Strasser

Metzgersgang

 

Als Dragan Petrović aus der Haustür tritt, wirbelt ihm ein Windstoß den Straßenstaub in die Augen. Durch den Spalt zwischen seinen zusammengekniffenen Lidern schaut er nach links, nach rechts. Die Straße ist in beide Richtungen vollkommen leer. Um diese Zeit sind die schäbigen Antikläden, der Getränkemarkt und die Fahrschule noch geschlossen. Er geht Richtung Zoo. An der Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite ein magerer schwarzer Hund, der mit gelben Zähnen ein Stück Pizza aus dem Abfallkorb zerrt. Dragan bückt sich nach einem Stock und wirft ihn nach dem Hund, verfehlt ihn nur knapp.

Scheißköter! Zuckt nicht einmal zusammen.

 

Als er in die Kleiststraße einbiegt, beginnt es zu nieseln. Er schlägt den Kragen seiner abgewetzten Jacke hoch, beschleunigt den Schritt.

Wir treffen uns zum Frühstück im Hotel, hat der Österreicher gesagt.

Milan, bei dem er seit drei Tagen auf einer alten, durchgesessenen Couch schläft, hat den Kontakt vermittelt. Milan ist auch aus Visegrád, aber schon seit zwei Jahren in Berlin. Ein harter Hund sei dieser Haller, hat er gesagt. Ein harter Hund, aber zuverlässig.

Und was soll ich für ihn machen?

Keine Ahnung, sagt Milan. Wird er dir schon sagen.

 

Gestern Abend hat Herr Haller Dragan auf dem Handy angerufen: Morgen früh um acht. Hotel Metropol in der Bayreuther Straße.

Ich erwarte Sie zum Frühstück. Seien Sie pünktlich.

Die ganze Nacht über hat Dragan auf der unbequemen Couch wach gelegen. Immer wieder hat er daran denken müssen, dass er jetzt bald sein eigenes Geld verdienen wird. Er wird Milan die hundert Euro zurückgeben, die er ihm geliehen hat, sich ein eigenes Zimmer suchen. Vielleicht kann er seiner Mutter jeden Monat fünfzig Euro schicken.

 

Der da, der ihm auf dem Trottoir mit wiegendem Schritt entgegenkommt, einen halben Kopf größer ist er und breit in den Schultern! Dragan kneift die Augen zu Schlitzen zusammen, sein Rücken spannt sich, mit der Rechten tastet er nach dem Schlagring in der Hosentasche. Ein Reflex. Dort, wo er herkommt, braucht man solche Reflexe. Und hier? Vielleicht, denkt er, ist es nur die Bomberjacke, die den anderen so aussehen lässt, als müsse man vor ihm auf der Hut sein.

 

Dragan Petrović ist sechsundzwanzig, sieht aber aus, als wäre er vierzig. Er ist blass und er ist nervös, hier, in dieser fremden Stadt ist er besonders nervös. Vielleicht hätte er gar nicht weggehen müssen, vielleicht hätten sie ihm geglaubt. Aber jetzt, nachdem er geflohen ist, hat er gar keine andere Wahl, als sich hier in der Fremde irgendwie durchzuschlagen. Wenn das mit diesem Haller klappt, dann kauft er sich als erstes eine solche Bomberjacke, wie der Muskelmann sie anhat, der gerade mit einem Grinsen an ihm vorbeigeht.

 

Ob er zupacken könne, hat der Österreicher gefragt.

Zupacken?

Ja, zupacken, nicht zimperlich sein, sich durchsetzen.

Dragan versteht viele Wörter nicht, das bisschen Deutsch, das er inzwischen gelernt hat, reicht nicht aus.

Charter Chund, hat Dragan geantwortet. Ich charter Chund.

 

Vor drei Tagen hat er zum ersten Mal seit zwei Wochen seine Mutter in Visegrád angerufen.

Wo bist du, hat sie gefragt. Die Polizei war hier.

Er hat ihr gesagt, dass er in Deutschland ist, dass er bei einem Freund wohnt, dass er Arbeit sucht. Mehr nicht.

Und die Polizei? Die suchen dich doch.

Sie solle sich keine Sorgen machen, hat er gesagt. Hier sei er in Sicherheit. Wenn die Polizei kommt, solle sie sagen, dass sie nicht weiß,  wo er ist.

 

Milan weiß nicht, dass sein Freund von der Polizei gesucht wird. Ihm hat Dragan erzählt, er sei wegen Arbeit hierhergekommen. Er müsse seine kranke Mutter unterstützen. Sie könne die teure Medizin, die sie für ihr Asthma brauche, nicht bezahlen.

Und? Hast du eine Aufenthaltsgenehmigung?

Noch nicht, hat Dragan gesagt.

Okay, sagt Milan. Wenn sie deine Aufenthaltsgenehmigung sehen wollen, ich weiß von nichts. Verstanden?

 

Die großen Schaufenster. Alles gibt es hier zu kaufen für den, der Geld hat. Bald wird auch er Geld haben. Nicht viel, aber genug. Genug, um seiner Mutter zu Weihnachten ein Paket zu schicken mit Schokolade und Gebäck und einem warmen Schal.

Dem Haller ist es egal, ob du eine Aufenthaltsgenehmigung hast oder nicht, hat Milan gesagt. Und wenn er sich mit dir zum Frühstück trifft, dann hat er auch was für dich. Darauf kannst du dich verlassen.

Dragan weiß von diesem Haller nur, dass er sein Geld mit Immobilien verdient, dass er Altbauten aufkauft, sie modernisiert und die renovierten Wohnungen dann verkauft. Alles ganz legal. Und dass er Österreicher ist.

 

Das Hotel. Vier Sterne, die gläsernen Türflügel gleiten geräuschlos auseinander, auf dem roten Teppich tritt Dragan in die Halle.

Frühstücksraum?

Der Portier mustert ihn skeptisch.

Wohnen Sie hier im Hause?

Herr Haller wartet im Frühstücksraum.

Herr Haller? Bittesehr.

Der Portier zeigt auf einen breiten Gang neben den Aufzügen.

 

Dragan schaut auf seine Armbanduhr. Es ist sieben Minuten vor acht. Er ist zu früh. Die Schaukästen an den Wänden des Gangs zeigen Schmuck, teure Uhren, Damenhandtaschen von Gucci, teures Geschirr. Langsam schlendert er den Gang entlang, bleibt hier und da stehen, betrachtet die Auslagen. Am Eingang zum Frühstücksraum steht eine junge Frau im schwarzen Hosenanzug hinter einem Pult.

Ihre Zimmernummer bitte.

Ich suche Herrn Haller, sagt Dragan.

Herr Haller ist noch nicht da, antwortet sie. Aber Sie können an seinem Tisch Platz nehmen, wenn Sie wollen. Hier gleich rechts.

 

Jeder hier scheint Herrn Haller zu kennen, vermutlich ist er Stammgast im Hotel. Wahrscheinlich ist er eine große Nummer in dieser Stadt. Dragan sitzt etwas erhöht auf einer Art Podest, das durch ein Messinggeländer vom Rest des Saals abgetrennt ist. Von hier aus kann er den ganzen Frühstücksraum überblicken. Es ist still, beunruhigend still. Die meisten Gäste sitzen stumm an ihren Tischen und beschäftigen sich mit ihrem Rührei, ihrem Toast, ihrem Kaffee. Kellnerinnen gleiten lautlos von Tisch zu Tisch. Nur zwei Herren am Fenster scheinen sich lebhaft zu unterhalten. Jetzt hebt der eine die Hand mit dem Messer, lachend fuchtelt er damit vor dem Gesicht des anderen herum.

 

Das Messer!

Wie ein Blitz fährt es Dragan durch den Kopf. Der Bosniak, er hatte plötzlich ein Messer in der Hand. Damit hatte Dragan nicht gerechnet, wer konnte schon damit rechnen, dass der auf einmal ein Messer zieht. Ganz nah stand der Kerl vor ihm, sah ihn aus trüben, hepatitisgelben Augen an. Der war fertig, voll auf Drogen, das konnte man sehen. So einer war zu allem imstande. Da musste man cool bleiben, so einen durfte man nicht reizen. Hallo, sagte Dragan und grinste. Einen Augenblick war der andere irritiert und blickte sich um. In diesem Moment packte Dragan ihn am Handgelenk, und als er ihm den Kopf wieder zuwandte, stieß er ihm Zeigefinger und Mittelfinger der Linken in seine Augen.

 

So hatten sie es gelernt in der Nahkampfausbildung. Die Augen sind der schwächste Punkt. Und wenn der andere eine Brille trägt, einen Schlag mit der Handkante gegen die Halsschlagader oder einen kräftigen Stoß mit dem Knie in die Eier. Es funktioniert, wenn man schnell und entschlossen handelt, ohne viel nachzudenken.

 

Als der andere das Messer fallen ließ, sich schreiend auf dem Boden wälzte und seine Hände auf seine Augen presste (als ob da noch etwas zu retten wäre!), da hob Dragan – wer weiß, warum er das tat – das Messer auf, bückte sich zu dem am Boden Liegenden, setzte ihm ein Knie auf die Brust und ritzte ihm mit der Klinge einen Lachmund in die Kehle. Nicht tief, nur so weit, dass das Blut hervorquoll und ihm rote Lippen malte.

 

Das hätte er nicht tun sollen. Wenn er nicht das Messer angefasst hätte, wäre die Sache sonnenklar gewesen. Notwehr. Aber die Männer, die wegen des Geschreis aus der Kneipe auf die Straße gestürzt waren, hatten ihn mit dem Messer in der Hand sich über den Bosniak beugen sehen. Darum musste er fliehen, aus der Stadt, aus dem Land. Schließlich war ja kein Krieg mehr. Im Krieg hätte das mit dem Messer niemanden gestört, da wäre er ein Held gewesen. Aber jetzt?

 

Zehn Tage brauchte er, bis es ihm endlich eines Nachts gelang, nördlich von Maribor die österreichische Grenze zu überqueren. Von Graz aus rief er dann seinen Freund Milan in Berlin an. Der sagte nur: Komm her! Hier findest du schon Arbeit. Und bis dahin kannst du bei mir wohnen.

 

Herr Petrović!

Dragan schreckt hoch. Neben ihm die junge Frau im schwarzen Hosenanzug.

Herr Haller, sagt sie, lässt Ihnen ausrichten, dass er leider abreisen musste. Er ruft Sie nach Weihnachten an, wenn er wieder da ist.

Dragans Hand krampft sich um den Schlagring in der Hosentasche.

Herr Petrović?

Danke, sagt er.

Bedankt sich auch noch! Dabei würde er am liebsten den Tisch umschmeißen, all den diskret schweigenden Damen und Herren die Kaffeetassen aus der Hand reißen und ihnen die heiße Brühe ins Gesicht schütten.

Danke, sagt er, steht auf und geht ohne ein weiteres Wort hinaus in den Nieselregen.

***

 

       

         


Externe Links:

Johano Strasser

Das Buch FREMD im P. Kirchheim Verlag

Die Hoffnung im Gepäck im Allitera Verlag

Initiative WIR MACHEN DAS!

Klenze-Gymnasium München


Kommentar schreiben