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Die Schriftstellerin Mercedes Lauenstein über die ewige Frage der Herkunft

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© Juri Gottschall

Mercedes Lauenstein lebt als freie Journalistin und Schriftstellerin in München. Für ihr literarisches Debüt, den Episodenroman Nachts (Aufbau Verlag), hat sie 2016 den Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur erhalten. Journalistisch schreibt sie oft über Themen der modernen Lebenswelt, sie schildert Alltagsbeobachtungen, diskutieret Zeitgeist. Am 18.7.2017 besuchte sie im Rahmen der Initiative So fremd wie wir Menschen die Therese-Giehse-Realschule in Unterschleißheim und sprach mit den Schülern über Fremdenfeindlichkeit und Flüchtlingskrise. Die Schullesereihe setzt auf Lesungen und Diskussionen nicht mit Erwachsenen und Tonangebern, die ihre festen Meinungen oft schon haben, sondern mit Jugendlichen, die von dem Flüchtlingsthema mindestens ebenso betroffen sind und ganz eigene Erfahrungen und Blickwinkel darauf haben. Zu Beginn der Veranstaltung las Mercedes Lauenstein die folgende, zu diesem Anlass entstandene Geschichte.

*

Im falschen Puzzlekasten

Wir waren in Peking. Also, ich war in Peking. Von einem Wir konnte man schon nicht mehr sprechen, denn ich wollte mit den beiden Personen, mit denen ich unterwegs war, nichts mehr zu tun haben.

Die Frage, die uns auseinandertrieb, lautete: „Und fühlst du dich jetzt eher als Chinesin oder eher als Deutsche?“

Bei den beiden Personen, mit denen ich in Peking war, handelte es sich um meine Freundin M., die in China geboren, aber als Baby mit ihren chinesischen Eltern nach Deutschland gekommen, dort aufgewachsen, zur Schule und an die Uni gegangen war und mittlerweile als Journalistin in China arbeitete. Bei ihr war ich zu Besuch. Die andere Person war meine Freundin P., geboren und aufgewachsen wie ich in einer deutschen Kleinstadt. Sie studierte jetzt Medizin, hatte ein Urlaubssemester eingelegt und war gerade auf Weltreise. Sie kam mit dem Nachtzug aus der Mongolei.

M. und P. kannten sich bisher nicht. Sie lernten sich auch nicht kennen. Denn ehe das passieren konnte, verachteten sie sich schon.

Wir trafen uns in den Hutongs von Peking in einer Bar. Wir waren zu viert, es war noch eine Freundin von M. dabei, ich glaube, sie kam aus New York, auch wenn ich gar nicht weiß, warum ich das jetzt sage, denn ist es nicht eigentlich egal, wo sie herkam? Zumal ich zu ihr sowieso nichts mehr erzählen werde, sie saß abseits und redete irgendwie, wenn überhaupt, nur mit M.

Ich glaube, M. war schon genervt davon, wie das Gespräch zwischen ihr und P. anfing. Nämlich mit der von P. an M. gestellten Frage: „Und was machst du so?“

Noch origineller kann man ein erstes Gespräch nur mit Feststellungen über das Wetter beginnen. Allerdings sind Feststellungen über das Wetter vergleichsweise harmlos. „Schönes Wetter heute“ bedeutet halt „Schönes Wetter heute“, vielleicht noch: „Naja, sorry, aber worüber soll man sonst reden“ oder: „Schauen Sie her, ich bin ein bisschen langweilig und ein bisschen denkfaul auch, aber das macht ja nichts, Sie können ruhig gehen, es stört mich gar nicht.“

Während „Und was machst du so?“ nur sehr selten „Und was machst du so?“ bedeutet, sondern eigentlich: „Na, du menschliche Variable, taugst du bisschen was oder eher nichts?“

Wobei jetzt nicht davon auszugehen war, dass P. die Frage so gemeint hatte. An M.s Stelle allerdings hätte ich kaum eine Frage lieber gestellt bekommen, denn M. arbeitete mit 23 Jahren bereits als Korrespondentin in Shanghai. Für sie war die Frage keine harte Prüfung mehr, die es noch zu bestehen galt, sondern bereits eine Art innere Preisverleihung. Sie musste nur sagen, was sie machte, und schon waren alle hin und weg.

Sie beantwortete P.s Frage trotzdem leicht genervt und sehr knapp. P. fragte M. weiter: „Bist du dann in Deutschland aufgewachsen?“ M. bejahte, sagte, sie sei aber zwischendurch immer wieder für längere Zeit in China gewesen, und dann fragte P. die Frage. „Und fühlst du dich jetzt eher so als Chinesin oder eher als Deutsche?“

M., die nie höflich ist, sondern entweder schweigt oder ihre Meinung sagt, erwiderte: „Solche dummen Fragen kann ich leider nicht beantworten“, drehte sich weg und redete mit ihrer Freundin auf Englisch weiter.

P. starrte erst sie, dann mich, dann sie, dann wieder mich an, und ich wusste nicht, fängt sie jetzt an zu heulen oder wird sie böse, und es wurde eine Mischung, allerdings tränenlos, und sie rief in M.s Richtung, es habe sie doch einfach nur interessiert, was denn das Problem sei, es sei ja wohl kein Grund, sie so anzufahren.

M. zischte ihr über die Schulter hinweg zu, dass es ihr ja sehr leid tue, dass sie aber einfach die Frage nicht verstehe, was das denn überhaupt sein solle, sich chinesisch fühlen oder sich deutsch fühlen, und dass sie solche belanglosen Gespräche einfach leid sei, und dann drehte sie sich wieder weg und wartete auch keine Antwort mehr von P. ab.

P. gab sie stattdessen mir. Sie beharrte darauf, dass ihre Frage das Gegenteil von provinziellem Denken oder Dummheit gewesen sei, dass daraus doch nichts als psychologisches Interesse spräche und dass es sie nun einmal wirklich interessiere, wie das sei, sozusagen zwei Heimaten zu haben. Wenn hier irgendwo Dummheit oder böse Absichten im Raum stünden, dann gingen die ja wohl von M. aus, die überhaupt die blasierteste Person sei, die sie jemals getroffen habe.

Ich versuchte, P. zu erklären, dass dieses Thema bei M. vermutlich einfach ein wunder Punkt sei: In Deutschland war sie ihre Kindheit und Jugend über immer die Chinesin gewesen und in China die Deutsche, und sie muss sich andauernd wie ein Puzzleteil gefühlt haben, das einfach immer gerade genau im falschen Puzzlekasten lag oder halt spiegelverkehrt im richtigen, und das war wahrscheinlich sehr anstrengend und unbefriedigend für sie und rätselhaft noch dazu, denn eigentlich wäre sie wahrscheinlich am liebsten einfach nur M. gewesen, egal wo. Aber dass sie es nicht sein konnte, daran waren für M. genau die Leute schuld, die Fragen stellten wie P. und sie damit absichtlich oder unabsichtlich, ganz egal, von einer unpassenden Kategorie in die nächste drängen wollten.

P. fand, das war M.s persönliches Problem und gab ihr nicht das Recht, ihr vorzuschreiben, wann sie welche Fragen stellte, und erst recht nicht, ihr Dummheit zu unterstellen.

P. verabschiedete sich bald ins Hostel, M. ging noch etwas mit ihrer Freundin trinken, und ich wollte allein sein. P. sah mich zum Abschied mit einem Blick an, der sagte: Mit was für unsympathischen Leuten hängst du eigentlich mittlerweile ab?

M. sah mich mit einem Blick an, der sagte: Mit was für unsympathischen Leuten hast du eigentlich deine Jugend verbracht?

Ich dachte: Mit was für unsympathischen Leuten bin ich eigentlich in Peking.

Zur Sache selbst hatte ich keine Meinung, außer der, dass ich mit Menschen zusammen sein wollte, die freundlicher zueinander waren.

*

Was war das gewesen? M.s Meinung, davon rückte sie auch am nächsten Tag noch nicht ab: klarer Fall von Alltagsrassismus.

P.s Meinung, die sie mir auch am darauffolgenden Weihnachten, als ich sie zum ersten Mal seit dieser Begegnung wiedersah, reindrückte: falsch entladener Frust, klarer Fall von hysterischer Identitätsstörung, nach wie vor M.s Problem, sie habe es nie so gemeint, wie es bei M. angekommen sei.

Das Ganze ist jetzt vier Jahre her.

Neulich gab es eine große Zeitungsdebatte zum Beigeschmack der Frage „Wo kommst du eigentlich her?“

Die eine Hälfte der Autoren, die Meinungstexte zum Thema verfassten, darunter sowohl sogenannte „Bio-Deutsche“ als auch Migranten und „Migrantenkinder“ (auch das wieder ein gutes Thema für einen sehr anstrengenden Themenabend: Wer oder was ist eigentlich „biodeutsch“, und wie lange ist man eigentlich „Migrantenkind“?) waren P.s Meinung: Darf man auf jeden Fall immer fragen, diese „Wo kommst du eigentlich her“-Frage. Weil 1. nur nett, neugierig und weltoffen gemeint und 2. weil alles andere nah am Sprechverbot wäre, und Sprechverbote treiben Menschen bekanntermaßen in die AfD, weil man ihnen dort das sichere Gefühl gibt, sie dürften zumindest noch frei raus sagen, was sie denken.

Die andere Hälfte der Autoren, wieder sehr gemischter Herkunft, beharrten auf M.s Meinung: Darf man nicht fragen. Oder wenn, dann nur unter ganz strengen Auflagen mit einem Haufen individueller Sonderregelungen, die ich mir so genau nicht alle merken konnte. Eine taz-Autorin mit türkischen Wurzeln regte sich besonders auf über den „biodeutschen“ Autor von der ZEIT, der die Debatte lostrat, als er ein Plädoyer für die „Wo kommst du eigentlich her“-Frage veröffentlichte. Sie schrieb: „Was ist erwartbarer als ein weißer Dude, der sich darüber lustig macht, dass er ein weißer Dude ist, aber trotzdem beansprucht, besser zu wissen, was verletzend oder ausgrenzend oder nervig ist, als die von Rassismus betroffenen Personen selbst, die bei seiner Frage regelmäßig kotzen müssen?“ Nein, nicht die Frage selbst sei besonders rassistisch, schrieb sie. Sondern die Annahme, zu wissen, was jemand als rassistisch empfinden dürfe.

Ich frage Leute mittlerweile nur noch, wo sie herkommen, wenn ich mir wirklich sicher bin, dass sie und zehn Generationen ihrer Vorfahren aus Göttingen kommen. Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist. Ich glaube, der richtige Weg ist es, sich mal ein bisschen zu entspannen. Bloß glaube ich auch, dass der Mensch dafür das falsche Tier ist. Menschen entspannen sich nicht. Koalas entspannen sich. Aber die schlafen eben auch 22 Stunden am Tag.

 


Sekundärliteratur:

Zur Homepage der Autorin

Weblog mit Juri Gottschall


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