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14.07.2017, 09:34 Uhr
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Interview mit dem Übersetzer und Stipendiaten des internationalen Künstlerhauses Villa Concordia Theo Votsos - Teil I

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Bild: Theo Votsos (c)

Theo Votsos, 1966 in Stuttgart als Sohn griechischer Arbeitsmigranten geboren, arbeitet als freiberuflicher Übersetzer griechischer sowie deutschsprachiger Literatur und ist dieses Jahr Stipendiat der Villa Concordia in Bamberg. Daneben ist er für verschiedene Print- und Online-Medien als Film- und Literaturredakteur tätig. Votsos studierte in Konstanz und Tübingen Politikwissenschaften, Philosophie und Soziologie. Erste Übersetzungen entstanden bereits im Studium für das Tübinger Zeitschriftenprojekt Kassandra sowie im Rahmen eines Praktikums bei dem ehemaligen Kölner-Verlag Romiosini. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2001, bei der Griechenland als Gastland auftrat, übersetzte Votsos mit Alexis Panselinos’ Zaide oder das Kamel im Schnee erstmals einen größeren Roman. Seit 2001 befindet sich sein Hauptwohnsitz in Köln, wo er seitdem für verschiedene Projekte in der freien Kulturszene, u. a. als Programmreferent für das Kölner Mittelmeer-Filmfestival und als Geschäftsführer des interkulturellen Theater- und Kulturzentrums „Bühne der Kulturen“, gearbeitet hat. Seit 2008 ist er ausschließlich als freiberuflicher Literaturübersetzer und Kulturredakteur tätig und übersetzt gemeinsam mit der griechischen Autorin und Übersetzerin Agoritsa Bakodimou auch deutsche Texte ins Griechische, darunter Adolf Muschg, Robert Walser, Jeremias Gotthelf und Eugen Ruge. 2016 erschien als bisher umfangreichstes Übersetzungsprojekt Das gelbe Dossier von M. Karagatsis.

 

Literaturportal Bayern: Herr Votsos, wie kann man sich die Arbeit des Übersetzers eigentlich vorstellen? Übersetzen Sie bspw. größere Werke unabhängig von den Autoren oder halten Sie Kontakt mit ihnen, um sich auszutauschen? Für uns als Außenstehende ist der Akt des Übersetzens letztlich auch als ein Akt des Aneignens und Interpretierens verstehbar.

Theo Votsos: Zur ersten Frage, die Sie gestellt haben: Immer, wenn es sich um Werke handelt, die von noch lebenden Autoren verfasst worden sind, war es bei mir jedenfalls immer so, dass ich den Kontakt zu den Autoren gesucht habe oder er für mich hergestellt wurde. Ich erinnere mich da an die Übersetzung von In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge, deutscher Buchpreis 2011. Es gibt das europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen, das Mekka der Literaturübersetzer und das erste Haus dieser Art auf der Welt – mittlerweile gibt es auch das Übersetzerhaus Looren im Zürcher Oberland in der Schweiz. Das Übersetzer-Kollegium hat eine Tradition, die sich ‚Atriumsgespräch‘ nennt, das heißt, es lädt jeden Preisträger des deutschen Buchpreises im darauffolgenden Frühjahr nach Straelen ein und gibt ihm bzw. seinen Übersetzern die Möglichkeit, sich über das ausgezeichnete Werk auszutauschen. Das ist eigentlich eine ideale Vorbereitung, wenn man sich eine Woche mit dem Autor und acht, neun, zehn Übersetzerkollegen, die dieses Buch in ihre eigene Sprache übertragen, darüber verständigen kann. Daraus entwickeln sich auch Freundschaften oder längere Beziehungen – ich habe sowohl zu Eugen Ruge als auch zu Adolf Muschg, den ich übersetzt habe, ein freundschaftliches Verhältnis. Also wenn Autoren noch leben, wenn sie zugänglich sind, dann habe ich immer Kontakt zu ihnen gesucht und wenn Fragen aufgekommen sind, dann konnte ich sie stellen und sie wurden mir beantwortet.

Literaturportal Bayern: Wie viel Übersetzer steckt eigentlich in einem Text? Es ist ja selten möglich, gerade bei komplexeren Texten, eine Eins-zu-eins-Übersetzung anzufertigen. Das heißt, man muss ja als Übersetzer wahrscheinlich den Text auch in irgendeiner Form interpretieren.

Theo Votsos: Ja in so einem Buch steckt viel Übersetzer drin. Aber man darf nicht übersehen, dass es eine Vorlage gibt, einen Originaltext, der auf Griechisch verfasst wurde. Ich stecke nicht in der Haut eines Autors, der sich einen neuen Text aus seinen Fingern saugen muss, sondern ich habe eine Vorlage. Das heißt, diese „Schaffenskrise“ oder die „Schreibblockade“, die viele Autoren oft haben, betrifft uns eigentlich weniger. Wir können irgendwas übersetzen, so schlecht es auch ist, aber es ist erst einmal etwas auf dem Papier, das sich bei besserer Tagesform nachbereiten lässt.

Es handelt sich ja nicht, wie Sie treffend gesagt haben, um eine Eins-zu-eins-Übertragung, sondern um eine Nachdichtung. Das betrifft Lyrik im besonderen Maße, aber auch Prosatexte. Wir haben einen bestimmten sprachlichen Stil, wir haben eine poetische Dimension; das muss man ja alles irgendwie berücksichtigen. Es ist auch viel Intuition dabei oder Gefühl. Ich habe im Unterschied zu vielen deutschen Kollegen, die ihre Ausgangssprache nicht als Muttersprache haben, das Glück, beide Sprachen als Muttersprachen zu haben. Dies ist auf der anderen Seite aber auch ein Nachteil, weil ich in beiden Sprachen nicht so versiert bin, wie deutsche Kollegen in der Zielsprache. In Bezug auf das Verständnis habe ich schon einen Vorteil. Meistens ist es so, dass ich ein Buch beim Übersetzen auch erst lese, wenn ich es selbst nicht kenne. Es kam selten vor, dass ich ein Buch zuvor durchgelesen und erst dann mit dem Übersetzen angefangen habe. Für mich ist Übersetzen auch eine sehr intensive Lektüre eines Werks. Oft ist es so, dass sich im Laufe des Übersetzungsprozesses auch erst einmal ein anfängliches Unbehagen gegenüber diesem Werk legt, dass ich mich im Zuge dieses Übersetzens immer mehr mit dem Buch identifiziere, dass ich es lieb gewinne. Wenn es dann erscheint, ist es so, als habe man ein Kind bekommen.

Der Beitrag des Übersetzers ist bei einem Werk schon sehr ausgeprägt. Trotzdem ist man Diener seines Autors. Man will irgendwie dazu verhelfen, dass ein Autor, der bisher in einem anderen Sprach- oder Kulturraum nicht bekannt ist, auch dort bekannt wird, dass er wahrgenommen wird. Es ist eine dialektische Rolle, die wir spielen: Je besser eine Übersetzung ist, desto überflüssiger macht sich eigentlich ein Übersetzer.

Literaturportal Bayern: Stößt kulturelle Vermittlung manchmal auch an Grenzen? Zwar haben wir in Europa gemeinsame kulturelle Wurzeln und ein gemeinsames Wertesystem. Dennoch ist unser Umgang miteinander oftmals von Missverständnissen oder Unkenntnis geprägt. Wie geht man als Übersetzer mit so etwas um? Wie vermittelt man einem deutschen Leser etwas, das für ihn möglicherweise kulturell unbekannt oder unverständlich ist? Ich denke da beispielsweise an Redewendungen.

Theo Votsos: Ich übersetze gerade mit dieser Kollegin Gottfried Kellers Der grüne Heinrich. Wenn man nicht im – im weiteren Sinne – deutschsprachigen Raum aufgewachsen ist, sagen einem viele Anspielungen nicht viel. Umgekehrt ist es ja genauso. Man kann nicht jede kulturelle Eigenart eins-zu-eins übertragen. Man kann es aber annäherungsweise. Es handelt sich immer um Kulturvermittlung und es ist besser, wenn ein Buch einen sehr verdichteten Querschnitt einer Kultur präsentiert. Literatur hat ja diese Form, etwas zu verdichten und es auf den Punkt zu bringen. Bei Redensarten müssen wir oft auf entsprechende deutsche Varianten ausweichen. Das ist natürlich kulturell geprägt. Eins-zu-eins geht es nicht, aber ich finde, es ist ein sehr ehrenwertes Unterfangen, in diese Richtung tätig zu werden und Menschen einer anderen Kultur etwas zu öffnen. Dann hat es der Leser selbst in der Hand. Man liest auch ein deutsches Buch, wo man nicht alles versteht. Dann muss man selbst überlegen, was wohl gemeint sein könnte. Ich bin eigentlich ein Gegner von Fußnoten, aber es gab schon Werke, bei denen wir Endnoten im Glossar angefügt haben. Der Ruge-Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts ist ein Familienepos, das in der DDR spielt. Es fallen viele DDR-spezifische Begriffe, mit denen ein südeuropäischer Leser nicht viel anfangen kann und die wir erklärt haben. Es ist Literatur, es hat eine gewisse Offenheit, es ist keine wissenschaftliche Abhandlung, also muss man auch den Leser damit alleine fertig werden lassen, finde ich.

Literaturportal Bayern: Die Arbeit eines Übersetzers ist einerseits eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, denn für den Autor ist letztlich nicht nachprüfbar, was Sie genau übersetzen, weil er diese Kompetenz nicht besitzt. Andererseits ist es eine prekäre Situation: Wird ein Text auch sprachlich und stilistisch als gelungen empfunden, wird diese Gesamtleistung dem Autor zugerechnet. Im gegenteiligen Fall wird jedoch zumeist der Übersetzer aus dem Hintergrund herausgezerrt und der Öffentlichkeit als Verursacher dieses Vermittlungsmissverständnisses präsentiert. Wird Übersetzern also nur negative Aufmerksamkeit zuteil, weil Autoren Erfolg nicht gerne teilen oder erleben Sie dies auch anders? Haben Autoren ein Bewusstsein dafür, dass der Übersetzer letztlich das Autorlabel des global gefeierten Kanonautors mitkonstruiert?

Theo Votsos: Doch doch. Also die Autoren haben auch ein im Laufe der Zeit gewachsenes Übersetzerbewusstsein erlangt. Viele Autoren übersetzen selbst auch; in Bamberg betrifft das derzeit Mirko Bonné, der dort eigentlich mehr übersetzt. Also viele Autoren übersetzen selber, das war auch früher so. Ich denke da an Giorgos Seferis, den griechischen Nobelpreisträger, den Lyriker, der T. S. Eliots The Waste Land übersetzt hat. Andererseits die Autoren, die in diesem heutigen Rahmen mit Übersetzern zusammenkommen – ich habe den Namen Ruge genannt oder Muschg – die erkennen das an und sind darum bemüht, den Übersetzer mit auf die Bühne zu holen, wenn das Rampenlicht darauf fällt.

 


Externe Links:

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