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Alfred Döblin in Regensburg. Eine Reminiszenz zum 60. Todestag

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Regensburg, Kartause Prüll, Kupferstich 1787 (Bayerische Staatsbibliothek/Porträtsammlung)

Regensburg, „die kleine Welt am Strom“ (Georg Britting), bietet als frühgeschichtliche Donau-, Bischofs- und Reichstagsstadt eine illustre 1000-jährige Tour d’horizon wie kaum ein anderer bayerischer Literaturort. Vom Wessobrunner Gebet über Johannes Aventinus, den Barockdichter Johann Beer reicht die Dichter-Phalanx bis zu Georg Britting, Sandra Paretti, Albert von Schirnding, Wolf Peter SchnetzEva Demski und der neuen Autorin Gerda Stauner. Garniert wird diese namhafte Palette durch unzählige Schriftstelleraufenthalte und deren literarische Reiseberichte von Eichendorff, Francois René de Chateaubriand, Hölderlin und Eduard Mörike, um nur einige zu nennen. Und immer wieder tauchen auch Marginalien auf, die der versierte Literaturfreund kaum wahrnimmt, so den kurzen, einjährigen Regensburg-Aufenthalt des Dichters Alfred Döblin (*10. 8. 1878 in Stettin †26. 6. 1957 in Emmendingen), dessen Todestag sich heute am 26. Juni 2017 zum 60. Male jährt.

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Ich sitze hier unter lauter absolut Verrückten. Wahnsinnig interessante Fälle zum Teil.

(Alfred Döblin, Regensburg, 22. November 1905)

 

Verbittert und elend stirbt der bedeutende Dichter-Arzt Alfred Döblin, der für Günter Grass „mein Lehrer“ und für Bertolt Brechts episches Theater „mein unehelicher Vater“ war. Seine letzte Ruhestätte findet er – an der Seite seines Sohnes Wolfgang – in dem kleinen lothringischen Ort Housseras. Dort hat sich sein Sohn als französischer Soldat 1940 erschossen, denn bei seiner deutschen Gefangennahme wäre er als Jude den sicheren Weg in die KZ-Gaskammer gegangen. Schicksalhaft war Alfred Döblins eigener Weg schon aus dem Elternhaus: Vom Vater verlassen, von der Mutter zur Aufsteigermentalität geschoben, verliebt er sich in Erna Reiss, Tochter eines jüdischen Fabrikanten und hat nebenher zahlreiche Affären. Trotz seiner Neigung für Philosophie und Literatur studiert Alfred Döblin Medizin und promoviert 1904 in Freiburg. Wegen seiner „jüdischen Nase“ wird ihm – wie Döblin selbst schreibt – eine Anstellung in seiner Geburtsstadt Stettin/Pommern verweigert.

In Regensburg scheint man toleranter zu sein. Dr. med. Alfred Döblin bewirbt sich am 15. Oktober 1905 als IV. Assistenzarzt bei der oberpfälzischen „Königlichen Kreisirrenanstalt“ Karthaus Prüll (heute Bezirksklinikum Regensburg), einem 1803 säkularisierten Kartäuserkloster, das am 23. April 1809 für eine Nacht sogar Napoleon Bonaparte beherbergte, als er sich anlässlich des Bayernfeldzugs gegen Österreich am Bein verletzte. Der bearbeitende Referent schreibt auf die eingegangene Döblin-Bewerbung: „Döblin ist Israelit, doch dürfte seine Einberufung nicht zu beanstanden sein […].“ Schon am 16. November 1905 beginnt Döblin seinen medizinischen Dienst. Sein Briefwechsel, besonders mit dem seit 1900 befreundeten Herwarth Walden, dem späteren Herausgeber des Sturm, der Zeitschrift des Expressionismus (1910-1932), gibt persönlichen Aufschluss über die Regensburger Situation. Der Historiker Achim Fuchs vom Historischen Verein Regensburg hat darüber 1978 bereits eine wertvolle Studie verfasst.

Am 22. November 1905 schreibt Alfred Döblin an Herwarth Walden:

Ich sitze hier unter lauter absolut Verrückten. Wahnsinnig interessante Fälle zum Teil. Hab wenig zu tun eigentlich, sehr netter Direktor; bin bis heute noch nicht aus den Anstaltsmauern gekommen seit fast 1 Woche. Ich habe 150 Weiber in meiner Hut; die Anstalt hat 650 Patienten. Ein Bechsteinflügel steht zu meiner Verfügung; meine Collegen musizieren lieblich trivial Zither und Geige --.

Reichlich ist alles vorhanden, Ochsen, Hühner und Idioten. […]

Und am 2. Dezember 1905 wiederum an Walden:

Hier bin ich nicht zu sehr beschäftigt; von meinen Patienten schreibe ich Ihnen nächstes Mal allerhand; es gibt viel Rätselhaftes da, höchst Erstaunliches, zugleich genug Düsteres und Beschämendes. – Mein Chef ist reizend; […].

Doch das Verhältnis Döblins zu seinen ärztlichen Kollegen hat sich bald verschlechtert. Die Auseinandersetzung mit einem Oberarzt endet letztlich mit einer Beleidigungsklage. Der Ausgang ist uns heute leider nicht mehr aktenkundig, da dieser vor Jahren beim Amtsgericht Regensburg routinemäßig ausgesondert wurde. Auch findet sich in dem von der Regierung geführten Personalakt Döblins kein Hinweis auf einen gewesenen Prozess.

Und Döblin schreibt nach Berlin:

Die Situation habe ich nur aus Trotz ein bisserl ertragen; schließlich langweilts einen ja; man fühlt sich auch zu gut für solche Kleinstädterei. Ich habe auch zu sehr ihre Kgl. Bayerische Ruhe gestört.

Die genaueren Gründe für Döblins Weggang von Regensburg sind nicht bekannt, eventuell die Enge der Anstalt oder die Tatsache, dass zwei Assistenzärzte „Corpsbrüder seien“. Offensichtlicher geben letztlich aber fachliche Differenzen den Ausschlag, denn Döblin ist ein modern ausgebildeter Arzt. Und Döblin vermisst in Regensburg dann doch das Großstadtflair. Döblin reist nach München und Nürnberg, aber auch diese Städte sind ihm kein geographischer Ersatz. Döblin will zurück nach Berlin. Es ist Sommer 1906. Döblin bewirbt sich in der Berliner Klinik Buch. Der Regensburger Personalakt vermerkt: „Am 1. Oktober 1906 ausgetreten.“

1952 erinnert sich Alfred Döblin in seinem Epilog nochmals marginal an seine Regensburger Berufszeit:

Damals saß ich übrigens in Regensburg als Assistenzarzt in der Kreisirrenanstalt und schrieb eine abstrakte lange Betrachtung [ich weiß nicht mehr, wie ich darauf kam] betitelt „Gespräch mit Kalypso über die Musik und die Liebe“.

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Akademie der Künste, Berlin - Abt. Literatur, 1929. Sitzend, v.l.n.r.: Hermann Stehr, Alfred Mombert, Eduard Stucken, Wilhelm von Scholz, Oskar Loerke, Walter von Molo, Ludwig Fulda, Heinrich Mann. Stehend, v.l.n.r.: Bernhard Kellermann, Alfred Döblin, Thomas Mann, Max Halbe.

Was in Alfred Döblins Vita folgt, ist das Geschehen und Grauen des Ersten Weltkriegs – wo er sich freiwillig als Militärarzt meldet – und die Weimarer Zeit, in der Döblin mit der SPD sympathisiert. 1931 wird sein Roman Berlin Alexanderplatz (1929) mit Heinrich George in der Rolle des „Franz Biberkopf“ erstmals verfilmt. Döblin schreibt selbst das Drehbuch. Nach Wallenstein (1920) und seinem Zukunftsroman Berge, Meere und Giganten (1924) wird Döblin 1928 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. Döblin ist einer der populärsten Autoren der Weimarer Republik. Der erhoffte Nobelpreis für Literatur bleibt jedoch aus. Als Jahre später ihn Ludwig Marcuse nochmals (vergeblich) vorschlägt, bemerkt Döblin nur: „So viel wie die langweilige Limonade Hermann Hesse bin ich schon lange.“

Nach dem Reichstagsbrand verlässt Alfred Döblin Berlin in Richtung Schweiz. 1934 erscheint sein grotesker Abenteuer- und Schelmenroman Babylonische Wanderung oder Hochmut kommt vor dem Fall, ein surrealistisches Meisterwerk, das den Nationalsozialismus lächerlich macht. 1936 wird er französischer Staatsbürger. Döblins Romane erscheinen auch im Exil (November 1918, Paris 1938). Im kalifornischen Exil wird Döblin 1941 Katholik, was ihn unter den deutschen Exilautoren isoliert. Als französischer Offizier („Colonel“) kommt Alfred Döblin aus dem Exil zurück und arbeitet in Baden-Baden für die französische Militärregierung als Zensor und Zeitschriftenherausgeber. 1946 erscheint seine vom persönlichen Katholizismus stark geprägte Zeitschrift Das goldene Tor. Döblin vermisst aber eine wirkliche Demokratisierung im Nachkriegsdeutschland, so dass er 1953 wieder nach Paris übersiedelt. 1956 erscheint sein letzter Roman mit dem beziehungsvollen Titel Hamlet oder die lange Nacht nimmt kein Ende. Eine zeitweilige deutsche Döblin-Renaissance setzt ein, als Rainer Werner Fassbinder Döblins Roman Berlin Alexanderplatz 1979 als 14-teilige Fernsehserie umsetzt und damit den monumentalen Roman einem breiteren Publikum bekannt macht. Der WDR sendet die Literaturverfilmung vom 12. Oktober bis 29. Dezember 1980. Günter Lamprecht erhält für seine Hauptrolle als „Franz Biberkopf“ 1982 den Deutschen Darstellerpreis.

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Was bleibt? Alfred Döblin gehört zweifelsohne – zumindest im deutschen Sprachraum – zum großen Erneuerer des Romans ähnlich James Joyce. Wichtig in diesem Zusammenhang muss gesehen werden, dass Döblin bereits ein Viertel seines Romans Berlin Alexanderplatz geschrieben hat, als 1927 der Ulysses in deutscher Sprache vorliegt. Vielleicht nährt ja der 60. Todestag in diesem Jahr die Hoffnung, dass Döblin doch noch bei den Deutschen ankommt – zeigen doch seine monumentalen literarischen Szenerien eindrucksvoll das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Alfred Döblin ist von dem Bemühen getragen, in der krassen realistischen Darstellung der ganzen Vielfalt des Lebens dem Leser das menschliche Chaos offenbar zu machen. Eine Wiederentdeckung seines literarischen Werkes erscheint nicht zuletzt deswegen heute mehr denn je angebracht und wünschenswert.


Sekundärliteratur:

Berg, Jan u.a. (1981): Sozialgeschichte der deutschen Literatur von 1918 bis zur Gegenwart (S. Fischer TB 6475). Frankfurt/M., S. 40ff.

Bernhardt, Oliver (2007): Alfred Döblin. dtv-Porträt. München.

Fuchs, Achim (1978): Alfred Döblin in Regensburg. In: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg. Regensburg, S. 279-286.

Glaser, Hermann (1980): Bundesrepublikanisches Lesebuch. Drei Jahrzehnte geistiger Auseinandersetzung (S. Fischer TB 3809]). Frankfurt/M., S. 70, 161, 438, 530.

Glaser, Hermann (21991): Kleine Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945-1989 (Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung Bonn). München, S. 61, 85, 126, 275.

Meid, Volker (22006): Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 17664). Stuttgart, S. 182-185.

Moser, Dietz-Rüdiger (1997): Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945. Bd. 1: A-J. München, S. 242-246.

Personalakt Dr. med. Alfred Döblin: Staatsarchiv Amberg, Regierung Abg. 1949, Nr. 6419.

Raab, Harald (2007): Alfred Döblin – ein Fremder in Deutschland. Wanderer zwischen Welten und Literatur-Erneuerer. In: Mittelbayerische Zeitung (Regensburg), Kultur, 15. Juni.

Schäfer, Hans Dieter (2006): Rückkehr ohne Ankunft. Alfred Döblin in Deutschland: 1945-1957. Warmbronn.

Quellen:

Alfred Döblin: Epilog. In: Die Zeitlupe. Kleine Prosa. Aus dem Nachlass zusammengestellt von Walter Muschg, Olten/Freiburg 1962.

Ders.: Briefe. Ausgewählte Werke in Einzelbänden. In Verbindung mit den Söhnen des Dichters. Hg. von Walter Muschg, weitergeführt von Heinz Graber. Freiburg 1970.


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