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Gedanken zur bayerischen Mundartlyrik (1)

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Titelcover aus: Bauernfeind, Eva; Ettl, Hubert; Pöschl, Kristina (Hg.) (2014): Vastehst me – Bairische Gedichte aus 40 Jahren, lichtung verlag, Viechtach.

Schon öfters ist Dialektdichtung als volkstümelnd, grobschlächtig oder provinziell verschrien worden. Die Lust an der Mundart und am experimentellen Sprachspiel hat indessen nicht nachgelassen – gerade in Bayern. Nicht nur dass in den letzten Jahren eine junge bayerische Musikszene entstanden ist, die in ihren Liedtexten sich des Bairischen in seiner ganzen Vielfalt bedient, vor allem die bayerischen Autorinnen und Autoren haben eine starke emotionale Bindung zum Dialekt und Authentizität des Ausdrucks entwickelt, die sich in ihrer Prosa, in ihren Theaterstücken und nicht zuletzt in ihrer Lyrik niederschlagen. Die folgenden essayistischen Ausführungen des Sozialjournalisten und Sprach-Praktikers Andreas Unger werfen einen ganz persönlichen Blick auf das Dialektale in der bayerischen Mundartlyrik. Sie bilden zugleich den Auftakt unserer vierteiligen Blogreihe zu diesem Thema.

 

I – Unter uns

Als ich in der achten Klasse war, kam der Mundartlyriker Harald Grill zu uns ins Burkhart-Gymnasium nach Mallersdorf. Ein Vierteljahrhundert ist das jetzt her. Wir, in der dunklen Aula sitzend, waren schon allein deshalb mit dem Mann zufrieden, weil dank ihm ein, zwei Unterrichtsstunden ausfielen, aber das war nicht der einzige Grund, warum wir nachher, als die Lesung aus war, so lange geklatscht haben.

Ich weiß noch, dass ich ziemlich überrascht war, wie ungestelzt er daher kam, wo er doch ein Dichter war. Er setzte sich hin und las, was er aufgeschrieben hatte, und zwar auf bayerisch, und ich dachte: aha, einfach so.

Was ich nicht dachte: so einfach. Dass ich das nicht dachte, war eher untypisch für mich, denn man muss wissen, dass wir Mittelstufler gerade einen Kunstgriff entdeckt hatten, mit dem wir einander demonstrierten, dass man uns nichts weis machen könne, uns nicht! Dieser Kunstgriff ging so: Man stellt sich, etwa wenn uns der Wandertag in ein Museum verschlagen hatte, breitbeinig vor ein modernes Kunstwerk, sagen wir einmal nur als Beispiel: von Mark Rothko, und reißt dem Meister mit folgendem Killersatz die Blendermaske vom Gesicht: „Des kannt i aa.“

Bei Harald Grill sagte das seltsamerweise keiner, obwohl er doch in einfachen bayerischen Sätzen redete, in Sätzen, die klangen wie unsere.

Ich hatte nach der Lesung den Verdacht, dass uns mit unserer Checker-vom-Dienst-Attitüde möglicherweise etwas durch die Lappen gehen könnte. Ebenso wie mit ihrem Gegenteil, einem elitären, vertikalen Kunstverständnis. An die Texte, die Grill damals gelesen hat, kann ich mich heute nicht mehr erinnern, aber an die Haltung gegenüber Kunst, die er mir nahe brachte, ohne sie zu verbalisieren: dass Kunst nicht im Pantheon entsteht, sondern hier, unter uns. Und dass sie zwar etwas Besonderes ist (wir saßen andächtig in der abgedunkelten Aula und schauten auf die erleuchtete Bühne, das schon), aber eben auch nichts Besonderes. Dass Grills Kunst nicht durch Überhöhung, sondern Verdichtung entsteht. Danke, lieber Herr Grill.

Didaktisch gesehen verdient Mundartlyrik also die Note Eins mit Stern. Und generell, wie ist es um die literarische Qualität bestellt? Jetzt, 25 Jahre, ein Studium und 15 Jahre als journalistischer Sprach-Praktiker später, habe ich mich in ein paar Bände mit und über bairische Mundartlyrik vertieft. Schreiben Sie auf, was Ihnen auffällt, so ähnlich lautete der Auftrag. Solcherlei Ergebnisoffenheit ist selten, denn oft soll man ja nicht aufschreiben, was einem als Autor, sondern was dem Auftraggeber einfällt, also habe ich gerne zugesagt. Herausgekommen ist ein, wie ich hoffe, thesenarmer, biografisch inspirierter Essay über das Bairische mit Schwerpunkt auf Lyrik. Der Versuchung, gscheidzuhaferln, habe ich schon allein deshalb versucht zu widerstehen, weil Gscheidhaflerei den von mir gelesenen Texten zutiefst fremd ist, und das ist nicht ihr geringster Vorzug.

Links: Karte der Dialekträume im Freistaat Bayern, mit Verwaltungsbezirken und markanten Landschaften (aus: Renn/König, Kleiner Bayerischer Sprachatlas, S. 18, Karte 4). Rechts: Dialektkarte über die Lautform von „geschneit“ (Partizip der Vergangenheit) im Raum des Freistaats Bayern (aus: Renn/König, Kleiner Bayerischer Sprachatlas, S. 82, Karte 35). (c) Historisches Lexikon Bayerns

 

II – Des san mia

Die Anthologie Vastehst me - Bairische Gedichte aus 40 Jahren von 2014 bietet eine aufschlussreiche Zusammenschau, in der die inhaltlichen und ästhetischen Schwerpunkte deutlich werden, die Mundartlyriker aus dem bairischen Sprachraum setzen, vom Oberpfälzischen über das Niederbairische zum Münchnerischen. Die Herausgeber nennen es die „süddeutsche Hochsprache“. Darin liegt nicht nur eine Beschreibung, sondern auch ein Anspruch: Diese Lyrik proklamiert Eigenständigkeit und soll neben der hochdeutschen bestehen können, und mir scheint, dass das an vielen Stellen gelingt. Das gilt auch für viele ältere Gedichte, gesammelt in Friedl Brehms Anthologie Sagst wasd magst von 1975.

Beginnen wir mit der Selbstverortung der Autoren. Es gibt ein programmatisches Gedicht von Bernhard Setzwein, in dem er erklärt, wie man mit Lyrik am besten umgeht, nämlich pragmatisch. Es heißt: „Gedichte muaßd trocknan wiad Schwammerl“ (Bauernfeind et al., S. 184).

...

A jedz muaßd onzln da oschaugn
obs ned scho inwenidig wurmstiche
oda dafeid is
muaßdz sauwa putzn aufschnein und herlegn

Nacha laßdas liegn lang liegn
bises zsammziagd zu am Huuzl

Awa do is nacha a Gschmacke drin
mei Liawa

...

Setzwein folgt gedanklich Bertolt Brecht, der in seinem Text „Über das Zerpflücken von Gedichten“ schrieb, „dass nicht einmal Blumen verwelken, wenn man in sie hineinsticht ... Wer das Gedicht für unnahbar hält, kommt ihm wirklich nicht nahe. In der Anwendung von Kriterien liegt ein Hauptteil des Genusses. Zerpflücke eine Rose und jedes Blatt ist schön.“

Brecht und Setzwein plädieren für einen unverkrampften Umgang mit Lyrik, doch wo Brecht noch zarte Rosen anführt, sind es bei Setzwein Schwammerl: nicht auf Humus gezüchtet, sondern auf feuchtem Waldboden gewachsen, nicht lieblich, sondern mal gschmackig, mal fad und manchmal giftig. Ich mag die handfeste Poetik, mit der der Autor auf Gedichte schaut wie auf Gebrauchsgegenstände: Taugen sie was, und wenn ja, wozu? Das Alles-als-Kunst-gelten-lassen lässt Setzwein jedenfalls nicht gelten.

Der Schriftsteller und Mundartautor Bernhard Setzwein. Foto: Michael Scheiner

Mir scheint, dass viele Mundartautoren ihren Brecht gut kennen. Zum Beispiel Elisabeth Dorner-Wenzliks „Grenzwertexpertn“ (ebd., S. 39):

ja, herrschaftsseitn,
mir habn s doch berechnet,
daß des giftige Zeug dao,
verteilt in da Luft,
von dera Zal abwärts,
ix ausmache derfat,

ja, herrschaftsseitn,
äitz wird ma doch
erwartn derfa,
daß sie aa a weng mitspielt,
d Natur!

Die Idee folgt Brechts Gedicht „Die Lösung“, geschrieben nach dem Arbeiteraufstand in der DDR, in dem gefragt wird: „… Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?“

Insgesamt überrascht mich die Fülle an Bezugnahmen auf große Vorbilder. Eugen Oker etwa schreibt in „an Goethe“ (ebd., S. 161):

iwa de bam iss scho schdaad
koi liffdal waad
drinnad en wold b feechala schlouffa
fo driwahal hea
lus nea
dou woadd aaf di wea
heasd wäis de rouffa

Derber noch macht sich Franz Ringseis seinen Reim in „Wanderers Nachtlied“ (Brehm, S. 120):

Üba olle Gipfen
iss stad.
In olle Wipfen
waht
nur a Lüftal, so weich –

Koa Vogal rührt si im Woid.
Wart nur, boid
bist aar a Leich.

Im Vergleich dazu Goethes Vorbild:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Das Beispiel zeigt, in welcher Reihe sich die Mundartlyriker sehen. Zurecht, denn auch der Hesse Goethe war ja ein großer Mundartdichter, anders lassen sich manche Reime etwa im Urfaust nicht erklären: „Ach, neige, neige / Du Strahlenreiche ...“. Schön, wie selbstverständlich und vor allem wie eigenständig sich die Bayern daneben stellen. So wie Alfons Schweiggert. Ihm ist „am grob vom karl valentin“ keineswegs schenkelklopferisch, vielmehr expressionistisch-existenzialistisch zumute, wenn er Valentins Lebensverzweiflung nachspürt (Bauernfeind et al., S. 153):

es is jetz zeit
für koide händ
a dunkla liachtfleck
zittat am eisngitter
vom grobstoa
abbröcklt d’angst
a fetzn sonn loahnt si
ans ausbrennende grobliacht
unterm kies schnauft d’wuat
von da bluatbuacha foit
a lächeln, des grod gstorbn is
und
wia i geh,
stelln si mir fragn
in weg
i mach an bogn um sie

in friedhofsbrunna
kichan wassertropfn nei

 

 

Fortsetzung folgt ...


Sekundärliteratur:

Bauernfeind, Eva; Ettl, Hubert; Pöschl, Kristina (Hg.) (2014): Vastehst me – Bairische Gedichte aus 40 Jahren, lichtung verlag, Viechtach.

Brehm, Friedl (Hg.) (1975): Sagst wasd magst. Mundartdichtung heute aus Baiern und Österreich. Ehrenwirth Verlag GmbH & Co. KG, München.

Greiner, Ulrich (2009): Ulrich Greiners Lyrikverführer. Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen von Gedichten. Verlag C.H. Beck, München.

Englmaier, Rupert (1975): Altbayerische Mundartdichtung. Dissertation. Selbstverlag, Würzburg.

Kaspar, Peter (Hg.) (2014): Bairisches Poeticum. Mundartgedichte aus zwölf Jahrhunderten. edition vulpes e.K., Regensburg.

McCormack, R. W. B. (20081): Tief in Bayern. Eine Ethnographie. Neuveröffentlichung im Wilhelm Goldmann Verlag, München.

Externe Links:

Mundartylirk - eine besondere Literaturform

Bairische Dialekte im Historischen Lexikon Bayerns

Sprechender Sprachatlas von Bayern

Sprechender Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben (mit angrenzendem Oberbayern)

Sprechender Sprachatlas von Niederbayern (mit angrenzendem Böhmerwald)

Bairische Dialekte in der Wikipedia


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